Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 34 (1.5.1899)
- Date
- 1899-05-01
- Page
- Seite 647 (sequence 5)
- Language
- German
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Bestreben dieses Ehrenmannes, die allerhöchsten Personen in seine antisemitisch-demagogischen Umtriebe hineinzuziehen. So verwerflich wie dieses Vorgehen, so verwerflich die Mittel, deren sich dieser bereits vor Gericht gekennzeichnete Herr bedient. Gerade Ihre Majestät die Kaiserin und Königin hat wiederholt Gelegenheit genommen, Herrn Kirschner in der leutseligsten Weise ins Gespräch zu ziehen, und jeder Deutsche darf mit Recht die innerste Ueberzeugung hegen, daß der erlauchten Frau, welche ein leuchtendes Beispiel der Betätigung des wahren Christenthums für unser Volk bildet, eine derartige Aeußerung fern liegen muß. Desto energischer muß der Versuch, gewissenlose Hetzereien bis an die Stufen des Thrones zu tragen, zurückgewiesen werden. Aus der Provinz Posen. (Zum jüd. Sport.) Der jüdische Sport ist gar mannigfaltig. Er ist viel stärker entwickelt, als gar mancher glauben möchte. Reiten, schießen, jagen, schnellaufen, das alles ist bei uns Juden zu finden, wenn vielleicht auch in etwas anderer Weise, als es sonst in der Welt üblich ist. Daß ein Gemeindemitglied den Bal-Segan-ParneS auf Pistolen fordert, weil er ihn beim Aufrufen übergangen hatte, wie es jüngst in Ungarn sich ereignet haben soll, das dürfte schon zu den Seltenheiten gehören, daß aber ein solches Mitglied dem betreffenden Vorsteher dann regelmäßig bei seinem Eintritt in die Synagoge wüthende Blicke zuschießt, das dürfte schon häufiger Vorkommen, ebenso, daß er dann bei jeder Gelegenheit auf ihm herumreitet. Die Schnelläufer in der Synagoge find auch eine bekannte Erscheinung; während der „Chasan" noch an „Borchu" hält, halten sie bereits an „Krias Sch'ma" und bekunden diesen ihren „fortgeschrittenen Standpunkt" oft in recht lauter Weise, sie meinen hiermit den Vorsänger „jagen" zu können und hier kommen wir zu einem anderen, bei uns Juden sehr beliebten Zweig des Sportes, nämlich des zur Jägerei. Heute wollen wir uns hauptsächlich mit einer besonderen Sorte von Jägern befassen, nämlich mit den „Kadischjägern" und mit ihren verkehrten Auffassungen. Ueber die Bedeutung des Kad'sch sind vielfach irrige Meinungen verbreitet. Mancher glaubt mit dem Vortrage eines Kadisch beim öffentlichen Gottesdienste alles gethan zu haben, was man für das Seelenheil seiner verstorbenen Eltern zu thun in der Lage ist, und wenn man alle göttlichen Ge- und Verbote Übertritt — auf ein Kadisch verzichten möchte man um keinen Preis. Hält man dagegen, was von so vielen bedeutenden Männern Israels hervorgehoben wird, daß mit jeder Mizwah, die ein Kind in der gehörigen Weise erfüllt, mit jeder Uebertretung, die es meidet, es das Seelenheil seiner dahingeschiedenen Ellern unendlich fördert, so wird 647 einem das Unverständige dieser Kadischjägerei klar, und man kann sie sich nur damit erklären, daß die Bedeutung des Kadisch vielen Kreisen nicht genügend bekannt ist. Ist doch der Bortrag des Kadisch nichts Anderes, als eben auch die Ausführung einer Mizwah, keine Messe für die Heimgegangenen Anverwandten, kein Ausdruck der Trauer, ist es doch nicht mehr und nicht weniger als die Aufforderung an die Gemeinde, Gottes Größe und Allmacht zu lobpreisen, einzustimmen in das Lob, das der Kadisch-Vortragende Gott spendet. Diese Aufforderung an die Gemeinde, Gott zu verherrlichen, welche der um den Vater oder die Mutter Trauernde an die Gemeinde richtet, diese Heiligung des göttlichen Namens, die er veranlaßt, soll deren Seelenheil fördern, wie dies die im Talmud erzählte Begebenheit von dem Kinde, dem R. Akiba das „Borchu" lehrte, bekundet. Selbstverständlich ist, von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, das Kadisch von hoher Bedeutung. Daher die vielen Bestimmungen über die zum Kadisch mehr oder weniger Berechtigten : *£'*> , t p ,b p u. s. w. Diese Bestimmungen zeugen deutlich für den aschkenasischen Ritus, daß nicht mehrere das Kadisch zugleich vortragen, nur einer vielmehr zur Heiligung des Gottesnamens auffordert. Wir wollen bei dieser Gelegenheit auf eine Response des „Altonaer Ras" im pst p» I. o"3p ''v> Hinweisen, in welcher er die Frage behandelt, ob es richtig sei, daß mehrere Trauernde zugleich das Kadisch- Gebet vortragen, er schreibt dort u. A. ungefähr Folgendes: > Wenn viele zusammen beten, ist es unmöglich mit Andacht zu hören, was sie beten, wie ich dies aus Erfahrung kenne, indem es hier eingeführt ist, daß die Trauernden das Kadisch di Rebonon zu sammen sagen, was nb)butn xairo (gelinde gesagt: Lächerlichkeit) ist; denn jeder sucht schließlich dem anderen vorzukommen, und wenn ich nicht fürchtete, den Minhag abzuschaffen, würde ich das Zusammensagen des Kadisch di Rebonon verhindern, selbstredend, daß man diesen Gebrauch nirgends einführt. Wir schließen sür heute mit dem Schlußworte ' von ‘tüi b'n paar« der angeführten Response: Darum ist es das Beste, auf den Bahnen zu wandeln, die unsere Großen gezogen, daß jeder ein- > zeln das Kadisch sage, das ihm zukömmt, nach den von den Decisoren gegebenen Vorschriften, bezüglich > des Vorrechtes, und ob einer viel oder wenig o’mp sagt — die Hauptsache ist, daß man die gehörige Andacht hat bei Kadisch und Borchu. Oester r.-Ungar. Monarchie. Wien, 24. April. (Antisemiten gegen Christlich-Sociale.) Der christlich-soziale Ar- » beiter-Reformverein, dem das „Deutsche Bolksblatt"