Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 34 (1.5.1899)
- Date
- 1899-05-01
- Page
- Seite 646 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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646 zu machen. Nur der konservatio-agrarifch-antisemitische Redakteur der „Deutschen Tageszeitung", der obengenannte sächsische Abg. Dr. Oeriel, stimmte im Namen eine» großen Theils seiner politischen Freunde, also auch nicht einmal im Namen der Gesammtheit der konservativen Partei, dem Anträge zu. Und das betrachten die Antisemiten als einen Erfolg! Wie bescheiden, wie unsäglich bescheiden sind sie geworden! ES ist eben überhaupt nichts mehr los mit dem Antisemitismus. Er hat ausgespielt. Er erzielt nur noch Wirkungen von zweierlei Art: die einer gähnenden Langeweile oder die unfreiwilliger Komik. Herr Vielhaben, der, wie ihm das Schlußwort zufiel, auch die Einführung und Begründung des Anträge» Übernommen hatte, sorgte für die Langweile, und zwar in sehr ausgiebigem Maße. Hätte wenigstens der obligate Spaßmacher de» Reichstags, Herr Liebermann v. Sonnenberg, an seiner Stelle die Hauptrede gehalten: da wäre es doch lebhafter hergegangen und hätte allerhand zu lachen gegeben! Auf Herrn Vielhaben aber hörte kaum Jemand. Durch Herrn B ö ck e l» antisemitischen Senf wurde das „Schlachtfest" nicht pikanter, der Redacteur deverflossenen ReichSherold meinte, die Juden suchten sich die besten Stücke aus, während das Uebrige für die „Gojim" gut genug wäre. Daß den Juden gerade die schmackhaften Hinterviertel verboten sind, das scheint der gute Mann trotz feiner langjährigen „segensreichen" Thätigkeit in „antisemitica“ nicht wissen zu wollen. Für die unfreiwillige Komik sorgte später Abg. Bindewald mit seinen beweglichen und pathetischen Deklamationen. Er rief in das erschütterte Hau» hinein, daß gerade das Schächtverbot eine Thal der Toleranz sei, daß es gelte, ein Joch abzuschütteln, unter das die Juden das deutsche Volk gebeugt hätten. Er brach eine Lanze für die Judenverfolgungen früherer Epochen, an denen seiner Ansicht nach keineswegs judenfeindliche Aufwiegelungen schuld gewesen sind. Herr Bindewald hob somit die Erörterung erst auf die rechte Höhe antisemitischer Weltanschauung. Denn auch das war charakteristisch dafür, wie geringes Zutrauen der Antisemitismus zu sich selber hat: man hatte zuerst versucht, den Antrag von antisemitischen Tendenzen möglichst loszulösen und ihm da» Mäntelchen pursten Erbarmens mit den Schlachtthieren, die beim Schächten angeblich grausam gequält werden sollen, umzuhängen. Auch Herr Oertel verbiß sich darauf, nicht etwa den Antisemiten, sondern nur den Thierfreund zu agiren. Er feierte sein engeres Vaterland, das Königreich Sachsen, in dem das Schächtverbot seit einer Reihe von Jahren in Geltung ist: auch hierin, sagte er, marschire Sachsen an der Spitze der Kultur. Worin denn sonst noch? Ueber die Kultur, zumal die politische Kultur, die im Königreiche Sachsen heimisch ist, haben andere Leute ihre eigenen Auffasiungen, die von denen des Herrn Oertel stark abweichen. Doch nun noch ein Wort an den Führer de» Centrums, Herrn Dr. Lieber; dieser Herr sagte im Gegensätze zu Aen ruhigen und versöhnlichen Worten seines großen Vorgängers, des Abgeordneten W i n d h o r st, er fei au» religiöser Duldung gegen ein Schächtverbot, „trotzdem die jüdischen Journalisten für die religiösen Gefühle der K itholiken stets wenig Verständniß zeigten." Hierauf gestatten wir uns, dem Herrn Abgeordneten Folgendes zu erwiedern: Die jüdischen Journalisten, die Herr Lieber meint, stehen in demselben Verhältnisie zum Judenthum, wie z. B. Herr Bebel zum Christenthum. Sowohl derjenige, der die Gebote des Judenthums, als der, welcher die Gebote des Christenthumzur Richtschnur seines Handelns macht, muß ein guter Mensch sein. Leider ist dies auf beiden Seiten nur eine verhältnißmäßig kleine Anzahl. Wir unsererseits wünschen den Christen vom Herzen, daß die „echt christliche Liebe" unter ihnen immer mehr an Ausdehnung gewinne, wie wir von den Israeliten die Bethätigung des göttlichen Gebotes der Nächstenliebe in immer steigendem Maße erwarten. Im übrigen darf Herr Dr. Lieber es uns glauben, daß es viele wackere und rechtschaffene Juden gibt, die das entsittlichende Treiben einer religionslosen Journalistenbande aus das schärfste mißbilligen; aber wie wir ihm seine Antisemiten, so soll er uns unsere mißrathenen Glaubensgenoffen nicht vorwerfen, ein Jude von wirklich jüdischer Anschauung wird niemals die Religion Anderer verunglimpfen. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Berlin, 25. April. (Antisemitisch-demagogische Umtriebe.) Der berüchtigte Herr Sedlatzek schreibt wörtlich im „Deutschen General- Anzeiger" : „Warum wird der Oberbürgermeister Kirschner nicht bestätigt? Bei Stemert und Hansen, bei Friede und in so mancher anderen Weinstube Berlinerzählt man sich ungenirt Folgendedarüber; Die Frau des Herrn Kirschner ist bekanntlich eine Jüdin und unsere wackere deutsche Kaiserin und Königin soll erklärt haben, sie setze sich nicht mit einer Jüdin gemeinsam zu Tisch!" Verschiedene hiesige Blätter sind zu der Erklärung ermächtigt, daß diese Mitteilung von Anfang bis zu Ende in der' gemeinsten Weise erlogen ist. Die ganz aus der Luft gegriffene Erfindung des Herrn Sedlatzek charakterisirt wieder einmal bas