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Der Israelit · 1899-05-01 · Heft 34 (1.5.1899) · p. Seite 644

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 34 (1.5.1899)
Date
1899-05-01
Page
Seite 644 (sequence 2)
Language
German
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> ,>"S.A'K .^,d^MW«WMWMWWWWWWWW>W M^WWWWWW 644 durch seine Ungeberdigkeit und wiederholte Verletzung des parlamentarischen Anstandes die Glocke des Präsidenten so oft und so heftig in Bewegung, daß dieselbe in jener Sitzung in Stücke ging! Die gründliche Heimleuchtung und vollendete Abfuhr, welche unsere in den Mantel des Thierschutzes gehüllten Feinde in der Reichstagssitzung vom 18. Mai 1887 erfuhren, hatten im Augenblick eine so niederschmetternde Wirkung, daß man es für unmöglich hielt, sie würden je wieder den Much zu einem ähnlichen Schritte finden. Um unseren Lesern ein Bild jener denkwürdigen Sitzung bieten zu können, möge hier einige wörtliche Anführungen aus den Aeußerungen der hauptsächlichsten Redner folgen: Abg. Dr. Wind Horst: „Was mich bei dieser Petition besonders interessirt, ist eben das Schächten, und ich bedauere, -atz dieser Gegenstand mit dem übrigen in der Behandlung zusammengelegt ist, weil er für sich behandelt werden sollte, Es ist eine große Zahl von Petitionen von unseren jüdischen Mitbürgern eingereicht: es sind die Verpflichtungen bezeichnet, welche ihre Religion ihnen betreffs der Tödtung der Schlachtthiere auferlegt, nnd Gutachten von Sachverständigen, Aerzten, Thierärzten nnd anderen betreffs des rituellen Schächtens mitgetheilt. In denselben ist mit großer Bestimmtheit hervorgehoben, daß im Schächten keinerlei Thierquälcrei enthalten ist, so weit nicht überhaupt das Schlachten eine Thierguälerei ist. Ich brauche nur auf das Gutachten unseres Kollegen des Herrn Abgeordneten Dr. Birchow, mich zu beziehen, der sich in dieser Hinsicht klar und bestimmt äußert und, wenn er hier ist <Zurufs, ge wiß geneigt sein wird, sein wissenschaftliches Gutachten auch zu begründen. Wenn aber das der Fall ist, — und selbst wenn dies nicht ganz der Fall wäre würde ich glauben, daß wir uns zu hüten haben, in die alten (Gebräuche unserer Mitbürger israelitischer Religion einzugreifen. (Sehr wahr! im Zentrum.) Ich habe mich nach der Sache etwas umge sehen und habe mich überzeugt, daß die orthodoren Juden ein großes Aergerniß an diesen Anträgen nehmen müssen und selbst an den Anträgen der Kommission im Falle der Annahute nehmen werden, weil sie in Konflikt kommen mit den Anschauungen, die sie von Jugend auf gehabt haben, die herstammen aus der mosaischen Zeit, denen wir auch in den ersten Zeiten des Ehristenthums begegnen: wo wir uns ja überzeugen können, daß auch die ersten Christen noch das bezügliche Gebot beachteten. Ich bin im Allgemeinen der Meinung, daß der Staut in derartige Gebräuche sich nicht mischen soll und daß er auf das Zarteste die Gewissen seiner llnterthanen zu schonen hat. Was es heißt, wenn dieses nicht geschieht, haben wir au allen Zeiten und auch in der neueren Zeit genügend erfahren: und wenn ich meinestheils immer gekämvst habe dafür, daß inan jedem nach seinem Glauben zu lebeit gestatten soll, so bin ich verpflichtet, den selben Grundsatz auch hier zur Geltung zu bringen. Ich bin darum der Meinung, daß wir über die vorliegenden Petitionen, so weit sie sich auf das jüdische Schächten beziehen, einfach zur Tagesordnung überzugeben. iin fiebrigen die Petitionen nach Maßgabe dcS Beschlusses der Kommission für vie Petitionen der Regierung zur Erwägung zu überweisen haben: nnd darauf richte ich zunächst und vrinzipaliter meinen Antrag. Sollten abweichende Meinungen sich geltend machen, so erlaube ich mir, das Wort nochmals zu erbitten. Ich niache indetz wiederholt aufmerksam auf die große Beunruhigung und die entsprechende Agitation, welche unter unseren israelitischen Mitbürgern entstanden ist und welche in den betreffenden Petitionen ihren Ausdruck gefunden hat, wozu ich noch bemerken kann, daß es nicht an Deputationen bei mir gefehlt hat, welche mir die Bedrängniß, in welche die Israeliten zu kommen fürchten, in den lebhaftesten Farben geschildert haben." Abgeordneter B r o e m e l: „Meine Herren, mir ist selten ein Fall vorgekommen, wo allgemein aufgestellte Behauptungen so gründlich und schlagend widerlegt worden sind, wie die in der Petition der deutschen Thierschutzvereine aufgestellten Behauptungen, daß das jüdische Schächten in hohem Maße eine Thierguälerei enthalte. Es ist den Mitgliedern des Hauses unter anderen lehrreichen Druckschriften auch eine Zusammenstellung der Gutachten zugegangen, welche in dieser Frage von den hervorragendsten Autoritäten aus dem Gebieie der Veterinärwissenschaft erstattet worden sind, und aus dieser Zusammenstellung ergibt sich, daß die 55 Gutachten, welche von Professoren der Physiologie an den Unversitnten Deutschlands und des Auslands nnd von einer Reihe anderer Autoritäten, sodann von einer Kommission des Königlich sächsischen Ministerium« des Innern erstattet worden sind, daß bei dem rituellen Schächten mit irgend einem Scheine des Rechts von Thierguälerei nicht die Rede sein könne. Meine Herren, das ist doch eine so scharfe, schlagende Widerlegung der in der Kommission vorberathenen Petition in einem wichtigen Punkte, daß. wie M> weine, wir zu dein Beschluß kommen müssen, diese Petition enthält in ihrer Gesammtheit nicht ein Material, welches als eine unanfechtbare zuverlässige Grundlage für einen Beschluß des Hauses angesehen werden kann." Abgeordneter Tr. Miauet: „Meine Herren, ich halte es nicht für nothwendig, auf diese Frage weiter einzugehen. Ich bin überzeugt, daß, solange in Deutschland die Grundsätze der Toleranz und der gegenseitigen Achtung der deutschen Bürger noch Geltung haben, man über solche unzweifelhaft tief eingewurzelte religiöse Gefühle unmöglich hinweggehen kann bei einer Frage wie der vorliegenden, wo es doch min desteuS für zweifelhaft gehalten werden muß, ob das rituelle Schächten nicht geradezu als eine besonders zweckmäßige und humane Einrichtung anzuschen ist." Abgcorvn. K ule mann: „Meine Herren, als Schriftführer der Petitionskommission bin ich den Verhandlungen innerhalb der Kommission sehr genau gefolgt und möchte nur dasselbe konstatiren, was der Herr Berichterstatter schon angeführt hat, daß die heutige Debatte gar nicht vorausgesehen wurde, insofern wir allseitig in der Sache einig waren. Die Meinungsverschiedenheit bezog sich nur auf die Frage der Fassung. Wir erkannten an, daß nach dem Gutachten tvissenschaftlicher Autoritäten ganz unantastbar feststeht, daß das jüdische Schüchtungswesen überhaupt teineu Verstoß gegen die Grundsätze der Menschlichkeit enthält, und tvir wurden deßhalb der weiteren Frage völlig überhobcn, wie cs denn stehen würde, wenn ein Konflikt vorläge zwischen den Anforderungen der Religion und denen der Huiuanität. Dieter Konflikt war nach der übereinstimmenden Auffassllng der Kommission nicht vorhanden, und wir sind deßhalb in Erörterung dieser Frage nicht eingetreten; wir waren einig darin, daß das jüdische Schächten keinerlei Veranlassung zu gesetzgeberischem Einschriten bietet, weil cs sich mit den Grundsätzen der Humanität nicht in Widerspruch setzt, und ich glaube deßhalb, daß eine gewisse Aufregung, die" durch die Fassung des KommissionSautrags bervorgerrrfen ist, in Wahrheit keine thatsächlichc Unterlage hat." Diese Proben dürften genügen um den Geist der religiösen Toleranz und der Rücksicht auf die Forschungsresultate der Wiffenschast zu charakterisiren, welche den Reichstag damals auszeichneten.

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