Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 32 (24.4.1899)
- Date
- 1899-04-24
- Page
- Seite 604 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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604 die Bitte, dem Herrn Ströter — dessen Adresse uns unbekannt, der uns überhaupt ein vir obscurns ist — unsere Erwiederung zu übersenden. — Da nun unterdessen versucht worden ist, jene Ströter'sche Schrift zu verbreiten und man dieselbe beispielsweise in hiesiger Gegend vielen unserer Glaubensgenossen in's Haus geschickt hat, so dürfte es vielleicht die geehrten Leser des „Israelit" interessiren, von unserer Erwiederung Kenntniß zu nehmen. Wir lassen dieserhalb den betr. Brief, welcher diese Entgegnung enthält (mit Auslassung der Einleitung, welche persönlicher Art und nicht von allgemeinem Interesse ist) hier folgen: Lieber Herr M. -Was nun das mir übersandte Schriftchen betrifft, so danke ich Ihnen zwar sehr für die liebenswürdige Aufmerksamkeit, mit der Sie cs mir geschickt haben; ich bin aber auch gleichzeitig als Jude, der keine Irrlehren dulden darf, verpflichtet, Ihnen meine aufrichtige nub gewissenhafte Meinung über das Merkchen dahin auszudrücken, daß es voll von Unrichtigkeiten und Entstellungen ist, und ist es mir ein Leichtes, jeden, der nicht absolut der Wahrheit sein Herz verschließt, von dieser meiner Behauptung die überzeugendsten Beweise zu geben. Lieber Herr M., es ist nicht meine Absicht, und sie darf es nicht sein, Sie in Ihrem Glauben wankend zu machen. Wir Juden dürfen auch keine Proselvten werben; uns liegt nur ob, der Welt die Erkenntniß des Einzig-Einen, des Unwandelbaren, des ewig Liebenden und Verzeihenden zugänglich zu machen. Aber da Sie durch Uebersendung des Schriftchens an mein Urtheil appelliren, so wäre es sündhaft von mir, dasselbe zu unterdrücken. Denn das Schweigen könnte als Zustimmung aufgefaßt werden. Ich werde Sie daher auf einzelne Punkte des Schriftchens und deren Unrichtigkeiten aufmerksam zu machen mir gestatten. Es würde zu viel Zeit und Raum beanspruchen, auf die Arbeit Punkt für Punkt einzugehen; ich muß mich daher nur auf Einiges beschränken, bin aber gern erbötig, Ihnen mündlich eine auf die Einzelheiten eingehende Widerlegung an der Hand der heiligen Schrift, d. h. des Urtextes, zu geben. Zuerst muß ich Ihnen auf den ja liebenswürdig von Ihnen gemeinten Rath, die heilige Schrift ohne Auslegung der Rabbinen zu lesen, entgegnen, daß ich dann aller Wissenschaft und deren Grundsätzen entgegenhandlen würde. Denn erstens würden Sie, wenn Sie den Urtext seinem Wortsinne sowohl, wie seinem Geiste nach kennten — die Ueberfetzungen, die Ihnen gegeben werden, sind alle unrichtig — wissen, daß die Schrift sich ausdrücklich auf eine mündliche Auslegung gründet; es ist dies aus der Bibel an vielen Stellen klar und deutlich hcrauszulesen und ohne jene, die ja Gott dem Moses auf dem Berg Sinai während der 40 Tage und Rächte seines Aufenthaltes daselbst gegeben hat, und die dieser wieder dem Josua mittheilte (daher es auch heißt 2. B. Mos. Kap. 33 V. 11 „Und der Ewige redet mit Moses Angesicht zu Angesicht, so wie redet ein Mensch zu dem andern. Er kehrt dann zurück in dar Lager. Aber sein Diener Josua, Sohn Nun'S, der Jüngling, wich nicht aus seinem Zelte"), ohne jene Ueberlieferung, die von Geschlecht zu Geschlecht übermittelt worden, also doch nur den Israeliten bekannt war und auch von diesen codificirt worden ist, bleibt die Thora nicht allein unverständlich, unausführbar, sie ist sogar voll von Widersprüchen. Daher kommt e« auch, daß es so viele Menschen gibt, die mangelhafte Ueberfetzungen gelesen und nun erst recht Zweifel an der Wahrheit ver heiligen Schrift hegen und irre werden. Wie heutzutage kein Gesetz ohne Erläuterungen seitens des Gesetzgebers veröffentlicht wird, so hat dies auch der göttliche Gesetzgeber nicht unterlassen. Auch hiervon werde ich Ihnen, wenn Sie mal dazu geneigt sein sollten, deutliche Beweise vorführen. Wenn Sie aber der Ansicht sein sollten, daß etwa die Auslegungen Anderer mir ein Leitfaden sein sollten, dann müßte ich doch wahrlich jeglicher Wissenschaft zuwiderhandeln. Denn — um einen Vergleich anzuziehen — was würden Sie von demjenigen sagen, der Ihnen rathen würde, irgend einen deutschen Schriftsteller sich von Franzosen oder Engländern erklären zu lassen? Nein, mein lieber Herr M., das Volk, dem Gott sein höchstes Gut, als Gesetz, anvertraut hat, diesem hat er auch die einzige richtige Auslegung gegeben, und nicht etwa hat er uns vor ein Räthsel oder gar ein Orakel gestellt, das erst durch Neulinge anderer Nationen uns verständlich gemacht werden soll. Denn dann würde das klare Wort Gottes zum Spielballe werden in der Hand eines jeden. Dann würde es der Mohamedaner auf seinen Propheten, der Inder auf Brahma und der Chinese ebensogut aus Confutse beziehen können, und wir als die Besitzer des Erbes ständen rathlos da. Und so ist es klar, daß Gott uns sein Gesetz mit der Deutung gegeben haben muß, daß wir wohl forschen dürfen über dasselbe, aber nur nach den festgestellten ewigen Normender Ueberlieferung, nicht aber frei forschen nach Willkür und Ansicht jedes Einzelnen, der, womöglich, noch dazu v.ar nicht die Fähigkeit besitzt, in den Geist des Wortes einzudringen. Und nun zur Sache! Die Quintessenz des größten TheileS des Merkchens ist schon im ersten Kapitel ausgedrückt. Es soll nämlich mit allen, selbst den widersinnigsten und geradezu unsinnigsten Beweismitteln dargethan werden, daß nicht die That, das fromme Handeln, sondern die „freie Gnade" des BeruferS glückselig macht. *) *) Jfnmcrfitng: Die durch eckige [ ] eingeschalteten otelleit fanden 'ich in unserer brieflichen Entgegnung nicht vor, sondern sind zur Orientiruug für die geehrten Leser, die die Ströter'sche Schrift nicht kennen, beigefügt.