Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 31 (20.4.1899)
- Date
- 1899-04-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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M 581 wodurch gerade die demagogischen Redensarten erst für weite Kreise den rechten Nachdruck erhielten. Vertreter der Ethik, der historischen Wissenschaften, der Agrarpolitik und der Philosophie hätten sich brüderlich bie Hand gereicht, um jeder auf seinem Spezialgebiet die Behauptung der jüdischen Inferiorität aufzuftellen. Diese Erscheinung dürfe nicht unterschätzt werden. Die Gefahr des wissenschaftlichen Antisemitismus sei zumal bei einem Volke, in welchem die Wisienschaft so hoch geschätzt werde, wie bei den Deutschen, um vieles größer, als die des Straßen- und Radauantisemitismus, der schon durch seine rohe und brutale Form die Feingebildeten abstoße und verletze. Die Stimme eines berufsmäßigen Agitators verhalle nach einiger Zeit ungehört, die wissenschaftliche Vertretung des Antisemitismus behalte ihren dauernden Platz in der Geschichte der Wissenschaften und werde nach Jahrzehnten noch als das erkannt, was sie sei, als wissenschaftliche Aeußerung. Der Nachtheil des volksvergiftenden Einflusses, den Treitschke ausgeübt hätte, sei höher, als der irgend eines andern zu schätzen. Wenn erst der Antisemitimus voll und ganz überwunden sein werde, so werde auch das Urtheil über die Thätigkeit TreitschkeS ein wesentlich schärferes sein. Aus dem Gesagten ergebe sich, daß die Aeußerungen in der Wissenschaft auf's Sorgfältigste zu verfolgen und zu registriren seien, daß hier das vornehme Jgnoriren ganz und gar nicht am Platze sei. Den obskuren Skribifaxen dürfe allerdings nicht durch eine Verfolgung zu unverdienter Reklame verholfen werdengegen sie sei nur eine Abwehr erforderlich, wenn die Kriterien einer strafbaren Handlung vorlägen. Aber gegenüber den Männern der Wissenschaft müsie zur Verhütung der Legendenbildung die Abwehrthätigkeit entfaltet werden, möge es sich auch um eine Behauptung handeln, die schon oft genug zurückgewiesen worden sei. Die Abwehrthätigkeit sei nicht nur nothwendig in Rücksicht auf die Juden, sondern auch in Rücksicht aus die Wissenschaft. Die Juden, die zu allen Zeiten an der Entwickelung aller Wissenschaften den regsten Antheil genommen, hätten die Pflicht, nach ihrem Können und ihrem Kennen dafür einzutreten, daß das glänzende Ehrenschild der deutschen Wisienschaft blank bleibe. Mit Freude sei es zu begrüßen gewesen, daß die Aeußerungen von Pros. Paulsen in seinem „System der Ethik" im Organ des Centralvereins eine schneidige Abwehrerfahren hätten. Dem Vertreter der höchsten Wissenschaft sei dadurch die Larve des objektiven Forschers vom Gesicht gerisien worden. Hätte sich Paulsen den Grad der philosophischen Wahrheitsliebe zu eigen gemacht, den man fordern müsie, so hätte er die Irrigkeit seiner Anschauungen gewiß erkannt. Besonders groß sei der Schaden, den die antisemitischen Aeußerungen in der Nationalökonomie und der Rechtswisienschaft anrichteten, insofern, als beide Wiffenschaften einen ungemein praktischen Charakter hätten und so in den weitesten Kreisen popularisirt würden. In der Nationalökonomie sei es besonders die Statistik, die gegen die Juden ausgenützt und verwerthet werde. Ein Gelehrer wie Alexander von Oettingen, der bekannte Verfasser der Moralstatiftik, halte u. A. die antisemitische Bewegung für eine gerechtfertigte Reaktion gegen die jüdische Kriminalität. Was über die letztere zu sagen sei, sei längst gesagt und geschrieben, auch von Männern nichtjüdischen Glaubens. Das Urtheil sei ein durchaus günstiges; diejenigen strafbaren Handlungen, bei welchen das jüdische Volkselement sich relativ zahlreicher betheilige, hätten darin ihre Erklärung, daß die Juden in den betreffenden Berufen besonders stark vertreten seien. Die objektive Wisienschaft sei längst darüber einig, daß Religion und Raffe als Faktoren der Kriminalität kaum in Betracht zu ziehen seien. Auch die statistischen Aemter hätten diese Behauptung wiederholt bestätigt und dadurch denselben ein officielles Anerkenntnis gegeben. Eine besondere Verwerthung finde ferner in der Nationalökonomie die Behauptung der Auswucherung der Landbevölkerung durch die Juden und die Fabel der jüdischen Güterschlüchterei. Auch Adolf Wagner komme zu einem nicht richtigen Urtheil darüber und die ganze Richtung der christlichen Sozialpolitiker stehe auf demselben Standpunkte. In vorteilhaftem Gegensatz stände hierzu mit seiner Ansicht das Wörterbuch der katholischen Sozialpolitiker der Görresgesellschaft, wie denn überhaupt die Centrumspolitiker in vielen Dingen viel objectiver seien, als die protestantischen. Aus der philosophischen Disciplin dürfe nicht imerwähnt bleiben, daß die Antisemiten zahlreiche Werkzeuge zum Angriffe aus den Werken Nietzsches entnommen hätten. Die Juden entsprächen in der That nicht dem Ideal Nietzsches, nicht seiner Herren- und Sklavenmoral, noch seiner Gesellschaftslehre, seiner Ethik, und sie könnten nichts besseres thun, als der Nietzscheschen ihre Moral gegenüberstellen, die ungleich höher stehe. Das entwickelte Bild, so schloß der Redner seinen von dem zahlreichen Publikum mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag, sei ein düsteres und trauriges. Aber man müßte an der Kulturgeschichte, an der Zukunft des deutschen Volkes und an der Wissenschaft verzweifeln, wenn man sich nicht damit trösten könnte, daß man es hier mit einer geistigen Epidemie zu thun hätte. Geistige Epidemieen hätten aber das mit den Krankheitsepidemieen gemeinsam, daß sie nach einiger Zeit erlöschen. Die jetzige werde um so eher erlöschen, in je höherem Maße diejenigen, welche durch sie betroffen werden, sich zur Wehr setzen und sich darzuthun bemühen, daß das, was. diese Männer der Wissenschaft lehren, irrig und falsch sei. Cs müsie eine heilige Pflicht der Juden