Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 31 (20.4.1899)
- Date
- 1899-04-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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580 nistischen Machenschrift, aber die glänzenden Reden schienen eS ihm doch so weit angethan zu haben, daß er sich verpflichtet hielt, der Gemeinde davon Mittheilung zu machen. „Ich habe", so Hub er an, „heute einen Aufruf für Aktien für die Jüdische Colonialbank in London bekommen. Die Herren brauchen nur zwei Millionen Pfund Sterling oder 40 Millionen Mark. Die Sache geht von den Zionisten aus, welche uns alle nach Erez Israel bringen wollen. Wenn man bedenkr, daß es auf Gottes weiter Erde ungefähr acht Millionen Juden gibt, die mit den 40 Millionen versorgt werden sollen, so kommt auf den Kopf genau 5 Mark, was für Uebersiedelung, Ansiedelung und Einrichtung gewiß ein bescheidener Preis ist. Wer also Geld übrig hat, der kanns nach London an die jüdische Colonial-Bauk schicken. Für diejenigen, die nicht viel Geld und Vertrauen für das Unternehmen übrig haben, ist auch gesorgt, indem sich die Gründer einstweilen mit einem Fünftel des Betrags begnügen, für den Jemand Aktien kaufen will." So spricht man nicht, wenn man eine Kapitalanlage empfehlen will. Das wußten alle, auch Herr Haneberg wußte es, und er mußte es zu allererst wissen. Er vertritt die Bildung und Aufklärung in unserer Gemeinde, er versteht sich auf die Zeit, denn er ist seines Zeichens Uhrmacher, er liest jeden Abend in der „Krone" alle Zeitungen, die dort aufzutreiben sind, und gibt sie dann andern Tags mit Commentar wieder. Seine Bildung und Aufklärung haben seiner jüdischen Lebensweise keinerlei Abbruch gethan, er steht mit den Anforderungen, welche das Religionsgesetz stellt, auf demselben leidlichen Fuße wie die ganze Gemeinde, aber er ist gebildet, spricht einen ans Hochstaplerhafte grenzenden Aeeent, hat bedenkliche Neigung zur Opposition, vertritt gerne Ansichten, die von anderen bekämpft werden, kurz er ist ein Aufgeklärter, aber von der harmlosen Sorte. „Es wäre doch nothwendig der Gemeinde alles vorzulesen, wenn sie sich an dem Unternehmen betheiligen soll; sie kann sich doch sonst kein Urtheil bilden. Ich spreche nicht wegen meiner, denn ich habe die Ankündigung in den politischen und jüdischen Zeitungen schon gelesen und eingehend studirt; sie nehmen dort ganze Seiten ein, aber für die anderen." „Verzeiht," unterbrach ihn der Vorsteher „das ist nicht gut möglich, daß Ihr das schon irgendwo in der Zeitung gelesen habt, denn in dem Subseriptions-Aufruf, den ich hier in Händen habe, steht deutlich: „Wir wollen keine bezahlten Reklamen in den Zeitungen." „Das wäre älso die erste Unwahrheit," meinte der greise Lehrer, der ein entschiedener Gegner des ganzen zionistischen Gebahrens ist und der es gestern Abend besonders war, weil er fürchtete seinen Schiur nicht lernen zu können, wenn sich die Discussion in die Länge zog. „Das braucht noch keine Unwahrheit zu sein," erwiederte etwas gereizt, Haneberg, „es besteht ein großer Unterschied zwischen Inseraten und Reklamen, den ich aber jetzt hier nicht erörtern kann. Ich dächte der Herr Lehrer soll die Sachen heute Abend in der Synagoge vorlesen, statt des gewöhnlichen Vortrags." „Das fehlte auch noch, daß man solche Sachen auch noch in Schul verhandelt, dazu ist doch der Ort zu heilig," entgegnete scharf der Lehrer. „Wir sind hier um zu zählen, nicht um zu zahlen. Aber wenn ich von den gedruckten Zetteln einmal absehe, so ist Mizwas Sesiras Hoaumer vielleicht ganz geeignet um an ihr das Falsche, Irrige und Gefährliche der zionistischen Bestrebungen in aller Kürze darzuthun. Jedenfalls wollen wir darüber unser „Lernen" nicht ausfallen lassen." Mit diesen Worten trat der Lehrer in die Synagoge und die Gemeinde folgte ihm. Er sprach über Sinn und Bedeutung des Omerzählens in seiner schlichten, klaren Weise und flocht dabei seine Bemerkungen über Sinn und Bedeutung des Zionismus ein und zwar — wie mir scheint — in so zutreffender Weise, daß ich mir nicht versagen kann, seine Ausführungen hier in aller Kürze folgen zu lassen. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. 8. Berlin, 13. April. Die heutige ordentliche Versammlung des „Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" im Saale der Gesellschaft der Freunde brachte einen sehr interessanten und lehrreichen Vortrag des Rechtsanwalts Dr. Fuld aus Mainz über den „Antisemitismus in der Wissenschaft." Der Antisemitismus biete, so führte der Redner aus, in der Behauptung einer jüdischen inferioren Rasse keine besondere Erscheinung. Schon in den amerikanischen Kämpfen zwischen den Anhängern der Sklaverei und den Partisanen der Sklavenemaneipation, behaupteten Vertreter der Naturwissenschaften, daß die Schwarzen mit Rücksicht auf ihre Körpergestalt nicht mit den Weißen auf eine Stufe zu stellen seien, und in den Zeiten des nationalen Chauvinismus stellten auch namhafte Gelehrte die Fabel von der teutonischen Rasse auf und zogen einen Schluß auf eine inferiore semitische Rasse. Die Wissenschaft werde in den Dienst der politischen und wirthschaftlichen Parteien, in den Dienst der Demagogie gestellt,