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Der Israelit · 1899-04-17 · Heft 30 (17.4.1899) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 30 (17.4.1899)
Date
1899-04-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Heimath bleiben und daselbst ihren Lebensunterhalt finden wollen. Damit aber der Sinn des Kindes frühzeitig auf diesen ihm vom Hause aus fernstehenden Beruf hingelenkt und in ihm Neigung und Verständniß für Bodencultur geweckt werden, so wäre es nöthig, an diesen Anstalten Schulgärten anzulegen, in denen die Schüler an die Beschäftigung mit Garten- und Feldarbeit sich gewöhnen könnten. Diese Anregung, die sie auf solche Weise empfangen, würde selbstverständlich nicht genügen, um einen Theil der Zöglinge der Landwirthschaft zuzuführen. Zu diesem Zwecke wird das von den Logen zu gründende Hilfskomitee mit dem Curatorium der Baron Hirsch Stiftung und der I. K. A. in Verbindung treten müssen, um nach dem Muster von Ahlem bei Hannover landwirthschaftliche Schulen in Ost-und Weftgalizien ins Leben zu rufen, in denen die Heranwachsende Jugend, Mädchen und Knaben vom 14. Lebensjahre ab in allen Zweigen des Acker- und Gartenbaues, der Vieh- und Bienenzucht theoretisch und praktisch sich ausbilden könnten. Für diesen Plan wird die I. K. A. sicherlich zu gewinnen sein, da sie schon jetzt infolge der consequenten Nichtaufnahme jüdischer Kinder in die bestehenden galizischen Ackerbauschulen gezwungen ist, eine größere Anzahl von Kindern in Ahlem unterzubringen. Vielleicht wird es auch dadurch gelingen, die in Galizien zahlreich ansäßigen jüdischen Gutsbesitzer und Pächter aus ihrer starren Gleichgiltigkeit gegen das Elend ihrer leidenden Brüder herauszudrängen, da sie sich moralisch gezwungen fühlen würden, den in solchen Anstalten ausgebildeten Zöglingen Arbeit und Beschäftigung zu geben. Es kann nicht genug betont werden, wie segensreich es für die Masse der Juden in Galizien sein würde, wenn wir ihnen diese sichere Erwerbsquelle in größerem Umfange als bisher erschließen würden. Durch die Landwirthschaft würden wir ihnen nicht nur eine gesicherte bürgerliche Existenz verschaffen, sondern auch ihre physische Entwicklung fördern und sie zu einem gesunden und starken Geschlechts heranbilden. Trotz der unleugbaren Vorzüge und berechtigten Aussichten, die die Pflege der Agri- und Horticultur für die Hebung der socialen Lage der galizischen Juden bieten, dürfen wir es jedoch keineswegs übersehen, daß die Erfolge der Bestrebungen auf diesem Gebiete erst nach Jahren sich einstellen würden und da wir bei der rationellen Hinüberleitung zur Bodencultur mit der Jugend beginnen müßten — erst dem Heranwachsenden Geschlechts zu gute kommen könnten. Soll aber die geplante Hilfsaction eine baldige Besserung der dortigen Verhältnisse herbeiführen und möglichst rasch gesündere Zustände schaffen, so wird es nöthig sein, auch den Handel, bisher die einzige Domäne der dortigen Juden aus eine festere Grundlage zu bringen und in gesicherte Bahnen zu lenken. Vor allem müßte man Creditgenossenschaften gründen, die dem jüdischen Kleinhändler und Krämer zu einem niedrigen Zinsfus Betriebskapital gewähren, damit sie imstande seien, mit den von den Kolka rolnicze eröffneten christlichen Kaufläden zu conkurriren. Es wird ferner empfehlenSwerth sein, in den größeren Städten Galiziens Consum- und Waarenhäuser in größerem Maßstabe zu errichten. Als Leiter dieser Unternehmungen kämen allerdings, da vorläufig Galizien wohl nicht über die geeigneten Kräfte verfügt, auswärtige Fachleute in Betracht, dagegen könnten einheimische Männer und Frauen als Aufseher, Verkäufer, Kassierer, Packer u. s. w. einträgliche und sorgenfreie Beschäftigung finden. Bei der Sparsamkeit und Nüchternheit unserer Stammesbrüder und bei ihrer anerkannten Geschäftstüchtigkeit wird es den jüdischen Waarenhäusern nicht schwer fallen, sich auch die Gunst der christlichen Bevölkerung zu erwerben, da das Vertrauen zu den Einrichtungen der „Stanczyken" durch die Defraudationen beim Salzgeschäft und die neulich entdeckten Unregelmäßigkeiten bei der Sparkasse in Lemberg im Volke schon ohnehin erschüttert ist. Die Klagen, die man hierzulande gegen die großen Waarenhäuser erhebt, daß sie nämlich den Klein- und Mittelhändler ruinirten, können in Galizien nicht in Betracht kommen. Denn der dortige selbstständige Krämer, der von 7 Uhr Morgens bis 11 Uhr Abends seinem Geschäfte sich widmet, kann nur ein sehr geringes Einkommen erzielen, das häufig nicht die Summe von 4—5 fl. (7 bis 8 M.) wöchentlich übersteigt. Diesen geringen Betrag könnte er als unselbstständiger Kaufmann in einem solchen Waarenhause mit Leichtigkeit sich verdienen, ohne für Ge schäftsmLeihe u. dgl. sorgen zu müssen. Diese Waarenhäuser werden auch nach einer anderen Richtung hin segensreich wirken können, da sie den galizischen Juden Gelegenheit bieten werden, sich die für die Leitung eines größeren Geschäftsbetriebes nöthige kaufmännische Schulung anzueignen und ihren kommerziellen Gesichtskreis zu erweitern. Bei der Landwirthschaft, sowie bei den Consum- und Waarenhäusern werden nach meinem Dafürhalten sowohl galizische Männer wie Frauen beschäftigt werden können, da die Bedenken, die manche Eltern gegen die Beschäftigung der weiblichen Jugend in offenen Läden hatten, allmählig schon zu schwinden anfangen. Es sind aber noch andere Erwerbszweige in Betracht zu ziehen, die ausschließlich der weiblichen Jugend mit Erfolg zugänglich gemacht werden könnten, die aber bis jetzt noch wenig

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