Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 30 (17.4.1899)
- Date
- 1899-04-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XX. Jahrgang. Äs ge M J\a 30 ürs „Israelit". Leitender Artikel. Zur Linderung des Indenelends In Galizien. Von Dr. B. Finkel, Breslau. (Schluß.) Wir schlossen unsere vorigen Betrachtungen mit der Bemerkung, daß die Baron Hirsch'schen Schulen in Galizien auch in religiöser Beziehung eine Umwandlung erfahren müßten, wenn sie auf Hebung de» Culturzustandcs in Galizien eine ersprießliche Wirkung hervorbringen sollten. Wir wollen das zu begründen suchen. Es wird von vielen Seiten darüber geklagt, daß die mit einem Aufwande von vielen Millionen errichteten Schulen leer stünden, daß die galizischen Rabbinen die schulpflichtigen Kinder zum Schulbesuch nicht anhielten; es wird den Juden, die Kaftan und Pejes tragen, die Schuld beigemesien, daß sie in ihrer Bildungsscheu die gedeihliche Entwicklung dieser Schulen hemmten und sie als Züchtungsanstalten für „Apikorsim" bekämpften. Wer aber die Verhältnisse in Galizien genau kennt, der wird über die Orthodoxie nicht so schnell den Stab brechen. Wohl stehen die Orthodoxen Galiziens noch der Bildung fern, aber bildungsscheu sind sie keineswegs. Peccatur et intra muros! Die Baron Hirsch'schen Schulen, wie sie bis jetzt geleitet wurden, tragen zum Theil selbst die Schuld, daß sie bis jetzt noch nicht populär sind und besonders die Gunst und Achtung der frömmeren Kreise noch nicht besitzen. Die „Religion" als Unterrichtsgegenstand spielte bis jetzt dort die untergeordnete Rolle eines Aschenbrödels, dem man den bescheidenen Platz am Herde anweist. Die Religionslehrer standen ihren Collegen in den andern Lehrfächern im Range nach und fungirten blos als außerordentliche Lehrer. Als solche vermochten sie nicht dem von ihnen vertretenen Gegenstände die entsprechende Bedeutung und das erforderliche Ansehen zu verschaffen. Vielleicht mag auch das religiöse Verhalten einzelner Lehrkräfte den dortigen orthodoxen jüdischen Anschauungen nicht entsprochen und dadurch zur Discreditirung der Anstalten bei einem Theile der Bevölkerung beigetragen haben. Was Wunder, daß der strenggläubige Jude die Befürchtung hegte, seine Kinder könnten ourch den Besuch einer solchen Anstalt der Religion entfremdet werden, und daß er sie demzufolge einer solchen Schule nicht anvertrauen wollte. Dazu kommt noch, daß der galizische orthodoxe Jude es als die vornehmste religiöse Pflicht erachtet, seine Kinder frühzeitig in das Thora- und Talmudstudium einzuführen, daß ihm kein Opfer zu groß ist, wenn es gilt, seinen Kindern die Kenntniß dieser Gegenstände zu ermöglichen. Auf diese Anschauung und Lebensgewohnheit der dortigen Juden mußte daher bei der Einrichtung einer solchen Schule vor allen Dingen Rücksicht genommen und dem Unterrichte in Bibel und Talmud eine den profanen WisienSzweigen gleichbedeutende Stellung im Lehrplane eingeräumt werden. Eine solche Schule müßte ein modernes Cheder fein und in religiöser Beziehung unter Aufsicht des Rabbiners stehen. Nur solche Anstalten wären im Stande, das Vertrauen der dortigen orthodoxen Bevölkerung sich allmählich zu erwerben und die gegen die Bildung bestehenden Vorurtheile zu beseitigen. Allerdings wird bei einer solchen Reorganisirung des Lehrplanes die bis jetzt vorgeschriebene Zahl von Schuljahren nicht ausreichen, wenn nicht die Kinder allzu sehr überbürdet werden sollen. Es würde sich daher empfehlen, den Lehrstoff, der bis jetzt in den Elementarschulen in vier Jahren absolvirt wurde, von nun an auf sechs bis acht Jahre zu vertheilen, so daß die eine Hälfte des Tages dem profanen Unterrichte gewidmet werden könnte. Daß das Kind wohl erst mit 14 Jahren eine solche Schule verlaffen würde, braucht uns gar nicht zu geniren, da doch die Baron Hirsch'schen Schulen nicht den Zweck verfolgen, ihre Zöglinge für das Studium, sondern für das praktische Leben vorzubereiten, da sie nicht das Gelehrtenproletariat vermehren, sondern die Schüler zu arbeitssreudigen und schaffensluftigen Menschen erziehen sollen. Nur durch eine solcheReform, durch welche das Thorastudium und das prsiane Wissen harmonisch verbunden werden, können wir hoffen, daß auch fromme Eltern diese Schulen als segensreiche Institute anerkennen und ohne Bedenken ihre Kinder in dieselben schicken werden. Alsdann werden diese Schulen ihrer eigentlichen Aufgabe, Bildung und Cultur unter den Juden Galiziens zu verbreiten, gerecht werden, und den sonst nicht unbegründeten Vorwurf beseitigen, als hätten sie neben den bereits bestehenden Staats- und Gemeindeschulen gar keine Existenzberechtigung. Aber noch nach einer anderen Seite hin werden diese Schulen einer Ergänzung bedürfen. Galizien ist bekanntlich ein Agrarland, fast ohne jede Industrie- Der Beschaffenheit des Landes entsprechend werden die dortigen Juden hauptsächlich der Landwirthschaft sich zuwenden müssen, wenn sie in der