Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 30 (17.4.1899)
- Date
- 1899-04-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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569 der Beklagten aus dem Grenzgebiete angeordnet hatte. Anbei der Erlaß des CaffationshofeS: Mit Bezug 1, daß der Artikel 1513 des Zollreglements nur auf die Juden anwendbar ist, die das Grenzgebiet „der Gouvernements des Westen und Bessarabiens bewohnen; daß hingegen die Angeschuldigte des Gouvernement von Curland bewohnt, d. h. eines Gouvernements, das juristisch unter dem Namen der baltisch?» Gouvernements begriffen sind, daß infolgedeffen die Anwendung des besagten Artikels 1543 durch den Appellationshof auf die Jüdin Jsakson als unbegründet anzusehen ist, entscheidet der Senat, ohne die andern Mittel der Ungültigkeitserklärung, die in der Eingabe vorgebracht sind, zu prüfen, folaendermaßcn: Der Erlaß des Appellationshofes in St. Petersburg, der die Ausweisung der Hrsse Jsakson aus dem Grenzgebiete anordnet, ist in Hinsicht auf die unrichtige Anwendung des Art. 1543 der Zollordnung annullirt. Feuilleton. „Wiebet eure Weinde." ein« apologetische Erzählung Von Arnold UtEttn 5) Nachdruck verboten. Die Reisenden in den benachbarten Kupee's waren allmählich auf den Wortwechsel aufmerksam geworden. Alles lauschte der Strafrede Robert Wegner's, die den Kleinen förmlich niederzuschmettern schien. Wenigstens schien er sachlich nichts auf die Vorwürfe Wegner's erwiedern zu können, sondern sagte nur förmlich: „Mein Herr, es waltet da ein Mißverständniß ob. Ich bin gerne bereit, Ihnen die nöthigen Aufklärungen zu geben in meiner Wohnung zu H., Dreikönigftraße 11. Ich heiße Biesfeld." „Der Fall ist für mich vollständig erledigt," entgegnete Wegner. Er fand es nicht einmal für nöthig, sich gleichfalls vorzustellen. Der unschuldige Urheber dieser ganzen Szene, Seligmann Feist, saß nnterdeffen in stets wachsender Aufregung. Er hatte aus dem ganzen Wortwechsel nur eines gehört, und das war in seiner Seele hasten geblieben, fest und tief: daß dieser antisemitische Hetzer, der so schlau das Wort Jude vermied und dennoch für alle verständlich reden konnte, mit Pfarrer Tettenborn aus Göllheim gesprochen hatte. Wie etwas Neues, Unerhörtes, aber auch Ungeheures, wirkte diese Eröffnung auf Feist. Es war für ihn kein Zweifel mehr: das bedeutete den Einzug antisemitischer Tendenzen in Göllheim. Pfarrer Tettenborn war die einzige Persönlichkeit in ganz Göllheim, deren Gesinnung gegen die Juden nicht über allen Zweifel erhaben war. Man wußte, daß er den „ReichSboten" las, daß er pietiftische Gebetsversammlungen abhielt, in denen er zuweilen mit besonderem Nachdruck auf die in christlichem Sinne makelhafte historische Vergangenheit der Juden hinwies. „Ihr Juden habt unseren Gott gekreuzigt!" Mehr als einmal hatte Feist aus dem Munde eines biedern Bauern, mit dem er sich in ein Gespräch eingelaffen, solche Aeußerungen gehört, nicht ohne die Hinzufügung: „Unser Herr Pfarrer hat es gesagt!" Bis jetzt schien Feist derartiges ungefährlich. Er kannte die herzliche Gutartigkeit dieses kräftigen Bauernvolkes zu gut, um von solchen Aeußerungen, auf die er übrigens die richtigen Antworten nicht schuldig blieb, Schlimmes zu befürchten. Die Christen waren zu Göllheim in vielen Beziehungen mit den Juden verknüpft, daß ein Antagonismus zwischen den beiden Konfessionen überhaupt nicht denkbar schien. Was Feist aber jetzt eben aus Wegners Munde gehört hatte, das änderte die Situation von Grund aus. Der Pfarrer ließ sich mit antisemitischen Hetzern ein, er schien die Sache ernster anzufaffen. Wer weiß, was die beiden in Göllheim zusammen ausgeheckt haben? Es galt, auf der Hut zu sein. Das waren die Gedanken, die jetzt in Feist's Gehirn durcheinander wirbelten. Als dann der Zug im Bahnhof zu H. hielt, stieg er wie im Traume aus. Von allem, was weiterhin im Kupee gesprochen worden war, hatte er nichts mehr beachtet. Jetzt, als er seinen David an der Hand, an Wegner's Seite langsam den Bahnhof verließ, beobachtete er auch nicht, wie seine Mitreisenden ihn mit höhnischen Blicken maßen und sich, wie es schien, über ihn luftig machten. Er ging in tiefen Gedanken. Von Wegner verabschiedete er sich an der nächsten Querstraße, in die er einzubiegen hatte, mit einem kräftigen Händedruck, in den er den ganzen, tiefen Dank für Wegner's wackeres Eintreten legte. „Also, um fünf Uhr!" sagte Wegner, „und hoffentlich fahren wir zurück angenehmer! Stimmts Dir nicht zu Herzen! Warst ja so unschuldig an der ganzen Sache! Dem Hab' ich aber heimgeleuchtet.!" Und lachend ging er die schmale Hauptstraße weiter, indeß Frist mit seinem Sohne rechts in die Seminarstraße abbog, in welcher das Gymnasium gelegen war. Ueber den beachtenSwerthen, ihn tief erregenden Dingen, welche er vorhin im Kupee er-