Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 30 (17.4.1899)
- Date
- 1899-04-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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566 durch dieses FaschingS-Gepolter aufwachen sollte, so wird er, nachdem er sich die Augen ausgerieben hat, seinen wunderlichen Wecker verdutzt ansehen, ihm zuerst den Puls fühlen und dann etwa fragen: Wie denken Sie sich, lieber Herr Graf, denn die ganze Geschichte, wenn Sie sich überhaupt etwas dabei denken? Wenn Israel wirklich noch heute das auserwählte Volk ist, warum soll man es dann mit Dreschsiegeln fortflegeln und mit Keulenschlägen Niederschlagen? Wenn ich Ihnen aber wirklich den Gefallen thäte und die Execution nach Ihrem Geschmack vollziehe, wie sollen denn die Juden beten lernen und an dieser Sorte christlicher Liebe Geschmack finden? Wie können sie im tausendjährigen Reich eine gewaltige Mission auf Erden erfüllen, wenn wir sie vorher nach Ihrem Recept aus der Welt geschafft haben? Wenn wir die jetzigen verfluchten Juden todtschlagen, woher sollen denn nachher die gesegneten kommen? u. s. w. Bevor der Herr Graf dem deutschen Michel diese und eine Reihe anderer Fragen zur vollen Zufriedenheit beantwortet hat, wird sich der letztere wohl zweimal besinnen, bevor er die confusen Rathschläge des gräflichen Rathgebers acceptirt. — Herr Graf Pückler muß also einstweilen allein weiter fechten, und wird außerhalb des Gasthofs von Tschierschky zu Klein-Tschirne auf wenig Mitfechter rechnen können. Wenns nicht schlimmer kommt, wollen wir den Fechter auf seinen folgenden Fechtgängen nicht weiter behelligen. Aeitrrng-nachvichteir und Eorrefporrderrzerr. Deutschland. Berlin, 12. April. Der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen in Berlin hat soeben seinen fünften Jahresbericht erscheinen lasten, der nicht nur zeigt, daß der Verein in stetig wachsendem Aufschwung begriffen ist, sondern auch die Thatsache erkennen läßt, daß sich immer mehr jüdische Mädchen aus bester situirten Kreisen der Thätigkeit als Krankenpflegerinnen widmen. Die Zahl der sich meldenden Schülerinnen ist so gestiegen, daß nur ein Theil von ihnen angenommen werden kann. Wiederum hebt der Bericht wie im vorigen Jahre hervor, daß einige größere jüdischen Gemeinden sich an den Vorstand des Vereins mit der Bitte gewandt haben, ihnen einige Vereinsschwestern zur Verfügung zu stellen. Den Gemeinden München und Nürnberg ist gegen eine Entschädigung von je 1000 Mark eine ausgebildete Schwester überwiesen worden, und es besteht die Absicht, dort Filialanstalten zu errichten. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Hamburg hat den Wunsch ausgesprochen, eine Schwester als Oberin für das dort zu errichtende neue Siechenhaus zu erhalten. In Zukunft sollen überhaupt, wenn andere große Gemeinden neue Krankenhäuser errichten, eine Oberin und eine Oberschwester hingeschickt werden, um dort Schülerinnen auszubilden. Die Einnahmen des Vereins betrugen im abgelaufenen Jahre 43.866,98 Mk. gegen 30,161 Mk. an Ausgaben. Das Vermögen des Vereins hat sich auf 70,573,30 Mk. erhöht. Berlin, 12. April. Mit der antisemitischen Partei — so wird aus Dresden geschrieben — geht es in Sachsen immer schneller bergab; das kommt vor allem im Stand der antisemitischen Presse zum Ausdruck. Das in Dresden erscheinende Organ, „Die Wacht", hat im verflossenen Jahre wieder einen Geschäftsverlust von 186 938 M. bei einem Aktienkapital von 239 400 zu verzeichnen Das reine Vermögen ist bis auf reichlich 52 000 M. zusammengeschrumpft. Und das, trotzdem an Gehältern, Redaktionskosten rc. bis aufs äußerste gegen früher gespart worden ist. Der Abonnentenschwund ist seit drei Jahren chronisch, die Abonnementsgelder sind von 65 000 M. auf 49 000 M. gefallen. Bei Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft sind seiner Zeit den Aktionären goldene Berge versprochen worden. Man hat nun zwar beschlossen, noch eine Weile fortzuwursteln. Stach Lage der Sache ist das Eingehen der „Wacht" aber nur noch eine Frage kurzer Zeit. Damit haben dann die Antisemiten als Partei völlig abgedankt. Frankfurt a. M. Dem Rechenschaftsbericht der Achawa, Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger israelitischer Lehrer-Wittwen und -Waisen in Deutschland für das Jahr 1898 entnehmen wir: Mit unserem vierunddreißigften Jahresbericht, den wir den Mitgliedern und Freunden unseres Verein» Hiermil — im Bewußtsein treuester Pflichterfüllung — zu überreichen die Ehre haben, fühlen wir un« vor Allem gedrungen, allen Wohlthätern, die die uns auch im verflossenen Jahre in der Ausübung einer heiligen Pflicht menschenfreundlicher Werkthätigkeit zur Seite gestanden, unseren aufrichtigen Dank auszusprechen. Von den uns im Laufe des Jahres gewordenen Zuwendungen haben wir mit besonderem Danke die beträchtliche Summe von Mk. 5 >33.ä3 zu erwähnen, die uns aus dem Nachlasse der seligen Frau Regine Goldschmitt in Frankfurt a. M. überwiesen wurde. Durch diese Zuwendung waren wir am Schlüsse des Jahres, — trotz der durch die Conversion der deutschen Staatspapiere entstandenen Mindereinnahme an Zinsen, — in der erfreulichen Lage, die Jahresunterstützungen w'eder etwas erhöhen zu können. Jar essen müssen wir darauf Hinweisen, daß von einer vorsichtigen Verwaltung auf solch größere ver-