Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 29 (13.4.1899)
- Date
- 1899-04-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2448980--48057-2498435- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rawicz 1× ep/1048078
OCR text
544 Brod finden und nicht als Schnorrer in der Fremde verkommen. Um jedoch für diese partielle Emigration das geeignete Menschenmaterial zu haben, wird es in erster Linie unser Bestreben sein müssen, die „Baron Hirsch'schen Schulen zu reformiren." Vor allem müßte die Unterrichtssprache die deutsche sein, weil nur mit Hilfe dieser Sprache die Juden sich anderswo forthelfen können, während ihnen die Kenntniß des Polnischen nur in demwirthschaftlich zurückgebliebenen Galizien zustatten kommen könnte, wenn der soziale Antisemitismus dort nicht so groß wäre. Da die Landesregierung die Schulen der Baron Hirsch Stiftung nicht suboentionirt, so wird sie, wie ich glaube, kaum berechtigt sein, auf die Umgestaltung dieser Anstalten einen hinderlichen Einfluß auszuüben. Sollte aber die Stanczyken- Partei, die jetzt leider am Ruder ist, sich mit aller Macht gegen die Einführung der deutschen Unterrichtssprache sträuben, weil sie angeblich der Germanisirung Galiziens Vorschub leisten könnte, so wäre es wenigstens die Pflicht der einzelnen Schuldirektoren, der deutschen Sprache einen größeren Spielraum im Lehrplan zu gewähren, damit den aus den Baron Hirsch'schen Schulen entlassenen Zöglingen die Unkenntniß, resp. die mangelhafte Kenntniß des Deutschen bei ihrer Berufswahl nicht hinderlich wäre. Denn, wie schon erwähnt, können die galizischen Kinder nur dann Stellung außerhalb ihres Heimathlandes finden, wenn sie die deutsche Sprache vollkommen beherrschen. Aber auch in religiöser Beziehung müßten die Schulen einer Umgestaltung unterzogen werden, wenn sie auf Hebung des Kuliurzustandes in Galizien ersprießlich wirken sollen. Dieses Thema soll in einem zweiten Artikel ausführlich behandelt werden. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Eorrefporrderrzen. Deutschland. LU. Berlin, 9. April. Aus der heutigen Sitzung der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde habe ich zu berichten. Herr Nathan Schlesinger hat der Alterversorgungsanftalt letzwillig 12 000 Mark zugewendet. Zur Speisung der Gefangenen in Rawicz sind pro 1899 120 Mk., dem Verein für Arbeitsnachweis in Berlin 1500 Mk. bewilligt worden. Der Abschluß eines Miethsvertrages bezüglich des Saales Beuthstraße 20 für den Jugendgottesdienst an den hohen Festtagen wird genehmigt. Von dem Berichte über Vermietung der Plätze in den Synagogen Heidreutergasse, Lindenstraße, Kaiserstraße wird Kenntniß genommen. Es folgte Mittheilung des Gemeindevorstandes betr. die Berichterstattung über die Schulen der Gemeinde. Die Begründung des Gemeindevorstandes, daß die Lehrerbildungsanstalt mit der Gemeindeverwaltung in losem Zusammenhänge stehe wird von dem Ausschuß III bestritten, dagegen von dem Vertreter des Gemeindevorstandes, sowie von dem Mitgliede des Talmudthoravorstandes Herrn Leonhard Sachs aufrechterhalten. Inzwischen ist von den Herren Geiger, Minden und Benas Levy ein Antrag auf Annahme einer Resolution eingegangen, welche unter Aufhebung des in voriger Woche gefaßten Beschlusses die Hoffnung ausspricht, daß Ostern 1900 ein Bericht über die Lehrerbildungsanstalt. in so weit erscheine, als es sich um Ausbildung von Religionslehrern und Cantoren handelt. Während der Sitzung theilte der Vorsitzende, Herr Louis Sachs mit, daß am <i. April ein Schreiben von Herrn Dr. Jacob aus Göttingen eingegangen sei, in welchem derselbe erklärt, eine auf ihn fallende Wahl zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde ablehnen zu müssen. Vivat sequens! Doch ich will die Leser des „Israelit" mit geflügelten Worten verschonen. München, im April. (T h ier q u ä l e r e i und Schächten.) Die hiesige antisemitische Hetzpresse wird bekanntlich niemals müde, alles Mögliche und Unmögliche an den Haaren heranzuzerren, um einen Hexentanz gegen das Schächten loszulaffen. In ihrer natürlich aus edelstem Herzen kommenden Fürsorge für die Thiere haben es die antisemitischen Maul¬ und Klauenhelden längst herausgefunden, daß alle und jede Thierquälerei einzig und ausschließlich nur von den Juden verursacht wird; wären nicht diese unseligen Juden und ihre rituelle Schächtmethode, so würde überhaupt keine Thierquälerei existiren, das liebe Vieh hätte dann das Paradies auf Erden und es wäre geradezu ein Hochgenuß, als Ochse das Zeitliche zu segnen. Unter solchen Umständen muß es eigenthümlich anmuthen, in dem größten und angesehensten hiesigen Blatte Folgendes zu lesen: „Im Münchener Schlachthofe ist es, wie ja jedenfalls auch in allen anderen Städten, noch immer Gepflogenheit, daß die jungen Leute, die das Metzger- Handwerk erlernen, die Uebung zur Betäubung des Großviehs durch den Schlag auf den Kopf desselben am lebenden Thiere einnben muffen und so kommt es vor, wie man sich des öfteren überzeugen kann, daß so ein junger Mann, zumeist ohne alle Vorkenntniß über die Lage des Gehirn und ohne alle Beurtheilung über die nöthige Wucht und Stärke des zuzuführenden Hiebes, drei und sechs Mal auf so ein armes Thier losschlägt, bis es endlich meist unter dumpfem Schmerzensgebrüll zusammenstürzt.