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Der Israelit · 1899-04-13 · Heft 29 (13.4.1899) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 29 (13.4.1899)
Date
1899-04-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Xli. Jshrgcmg. Erste Beilage M M 29 des „Israelit". Leitende» Artikel. Wr Linderung drs Indenelends in Galizien. Von Dr. B. Fintel, Breslau. Wenn man das Loos unserer galizischen Brüder mit dem unserer Brüder in Rußland vergleicht, so findet man, daß die Lage der galizischen Juden bei weitem trostloser ist, als als die ihrer Glaubensgenossen im Zarenreiche. Denn vor allem ist Rußland ein reiches, industrielles Land, wo der Jude bei all' den Beschränkungen, die ihm die dortige Regierung anferlegt, noch immer Gelegenheit hat, sein Brod durch Arbeit, wenn auch kümmerlch, zu finden, während in Galizien, das wirthschaftlich zurückgeblieben ist, dem jüdischen Proletariat jede Arbeitsgelegenheit fehlt. Ferner waren die wohlhabenden und reichen Juden in Rußland stets bemüht, die Lage ihrer armen Stammesgenossen zu verbessern, während die ..Großjuden" in Galizien sich nie um ihre unglücklichen Brüder kümmerten. Diese jüdischen Magnaten, die stets bestrebt waren, ihr Judenthum zu verleugnen, um bei dem arbeitsfaulen und schuldenmachenden „Szlachcic" als Nationalpolen zu gelten, sahen auch schweigend zu, wie mit Hilfe der jüdischen Steuergelder christliche Consumgenossenschaftn, die sogenannten „Kolka rolnicze", gegründet wurden. Diese Vereine haben in den Städten und Dörfern „christliche Kaufläden" eröffnet, um den jüdischen Kauflcuten die Kunden zu entreißen und so den galizischen Juden die einzige Erwerbsquelle zu verstopfen. Die „Kolka rolnicze" sind nichts anderes als Anstalten zur wirthschasltichen Erdrosselung der jüdischen Kleinhändler, Schänker u. dgl., wie sie ein österreichischer Journalist richtig bezeichnet hat. Das indifferente Verhalten, die Gleichgiltigkeit und Theilnahmlosigkeit der jüdischen Magnaten gegen ihre armen Brüder waren auch die Ursache, daß man von dem großen Elende der dortigen Juden bis nun nichts erfuhr. Erft die Judenexcesse in neuester Zeit haben das Augenmerk der westeuropäischen Juden auf ihre Stammesgenossen in Galizien gelenkt, und es ist dankbar anzuerkennen, daß die Bne-Brith-Logen mit Eifer an die heilige Sache herantreten und Anstalten treffen, ihren unglücklichen Brüdern Hilfe zu leisten. Da aber die meisten Logen außerhalb Galiziens sind und die bei den dortigen Juden herrschenden Lebensanschauungen kaum kennen werden, so ist es heilige Pflicht aller derjenigen, die in Galizien gelebt haben und mit den dortigen Verhältnissen vertraut sind, ihre Ansicht zu äußern^und Vorschläge zu machen, welche Wege die geplante Hilfsaction für Galizien zu wandeln hat. Diesem Zwecke mögen auch diese Zeilen gewidmet sein.- Zwei Gesichtspunkte sind in erster Linie festzuhalten: 1. Die-Emi,'grationund2. Die Sch affung einer Existenz für die Zurückbleibenden. Die Emigration wird eine totale und eine partielle sein können. Unter ersterer verstehe ich die Auswanderung der galizischen Juden nach den außerhalb Europas gelegenen Ländern. Es werden, wie seinerzeit bei der Emigration der russischen Juden, Auswanderungskomitees in den Städten Europas gebildet werden müssen, durch die der Strom der Auswanderung geleitet werden soll. Diesen Komitees wird es obliegen mit Hilfe der I. K. A., Länder außerhalb Europas auszusuchen, sie in Bezug auf ihre Aufnahmefähigkeit zu prüfen, um dort größere Massen der galizischen Juden anzusiedeln. Diese Prüfung wird eine objektive und sachliche sein müssen. Persönliche Ansichten und kleinliche Gründe, die uns bei der Russenauswanderung sehr viel geschadet haben, werden hoffentlich, nachdem wir durch böse Erfahrungen gewitzigt wurden, nicht mehr berücksichtigt werden. Man wird daher in Zukunft sich nicht nur auf Argentinien und die Vereinigten Staaten beschränken, vielmehr wird man auch an oas heilige Land denken müssen, wo wir in den letzten Jahren mit geringen Mitteln ziemlich schöne Erfolge auf unseren Colonien erzielt haben. Die partielle Emigration wiederum ist die Uebersiedelung geeigneter Kräfte, wie z. B. Handwerker, Commis, Buchhalter u. dgl., die wegen der allzu großen Concurrenz in Galizien sich nicht entfalten können, nach den anderen Kronländern Oesterreichs, wo sie Arbeit finden werden. Ja selbst in Galizien wird eine solche planmäßige Uebersiedelung von einem Ort nach dem andern von Vortheil sein. So z. B. erfuhr ich, daß in Jaroslau jüdische Schmiede und Schlosser fehlen, während Goldarbeiter und Graveure sich in Ueberzahl dort befinden. Zu diesem Zwecke wäre in den Großstädten, wie in Wien, Pesth, Brünn, Prag, Krakau, Lemberg Arbeitsnachweisbureaus erforderlich, etwa wie das Stellennachweisbureau, das von den Berliner Bne-Brith-Logen im Jahre 1896 gegründet wurde. Diese Bureaus würden eventuell auch solchen Juden auS Galizien, die sich in geringer Zahl in Deutschland, Frankreich, England und anderwärts aufhalten, geeigneteStellungen verschaffen, damit sie als produktive Menschen ihr

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