Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 29 (13.4.1899)
- Date
- 1899-04-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2448980--48050-2498428- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
587 doch die Grundidee desselben möchten wir in gedrängter Kürze hier wiederzugeben versuchen. Der gefeierte Redner sprach über den Patriotismus, über die Auffassung desselben vom jüdischen Standpunkt. Zu allen Zeiten bildete der angebliche Mangel jedes patriotischen Gefühls den Hauptpunkt all r Anklagen, mit welchen man das jüdische Volk vor allen Nationen zu verurtheilen suchte. Der Jude liebt nicht sein Vaterland — mit dieser Anklage stellte man ihn in die Reihe der Feinde. Schon im alten Egypten wurde die Unterdrückung und Knechtung des jüdischen Volkes unter dem Vorwände beschlossen, daß man in Stunden der Gefahr auf die Juden nicht rechnen könne, und die Worte 'oi ib naann; nan kennzeichnen noch heute den Standpunkt, von welchen! man uns jede Liebe und Anhänglichkeit zu der Stätte, aus der unsere Wiege stand, absprechen will. Wie falsch und grundlos gerade diese Anklage ist, lehrt die ganze Geschichte des jüdischen Volkes. Stets haben wir selbst inmitten aller Bedrückungen und Verfolgungen unfern Patriotismus bewahrt und eine schmählichere Verdächtigung konnte man uns niemals entgegenschleudern als den Mangel dieses natürlichen Gefühls. v'iLvn ums iyn. Hierzu bemerkt der man bvz: 121 ib naann: nan “ias:a> naa. Diese erläuternde Bemerkung ist an sich ganz unklar, da ja in den Worten ib naann: nan von einem dem jüdischen Volke in Wirklichkeit zugefügtcn Leid gar keine Rede ist- Aber gerade mit dieser grundlosen Verdächtigung der Vaterlandslosigkeit hatten die Aegypter dem jüdischen Volke den größten Schmerz bereitet. Mehr als thatsächliche, von Feindeshand zugefügte Leiden schmerzen den wahrhaft ehrsamen, charaktervollen Menschen boshafte Verläumdungen, mit welchen eine feindliche Gesinnung sein Ansehen, seine Würde in den Koth zu zerren droht. — Als Israel einst an Babylons Strömen fern von der Heimath, in einem fremden Lande weilte, da erging an es durch Prophetenmund der göttliche Befehl — ’n^n ipk myn oite ns urn not? oans — treu dem Lande zu dienen, das sie ausgenommen, dessen Wohl und Heil zu fördern, auch wenn es ihm feindlich gesinnt wäre. Das jüdische Volk kennt keinen Patriotismus, der dem persönlichen Interesse, der greifbaren materiellen Nützlichkeit entspringt, sondern bringt dem Lande, in welchem es wohnt, auch dann Liebe und Freundschaft entgegen, auch wenn diese mit Haß und Freundschaft vergolten werden, irisn nnn n: 'a nsten ns aynn sb. „Sei dem Egypter nie feindlich, denn Du hast einmal gewohnt in seinem Lande." Demselben Egypter gegenüber, der uns einstmals so grausam geknechtet, uns unterjocht, unsere Kinder ertränkt, sollen wir Freundschaft im Herzen bewahren — wie jedes andere göttliche Gebot ist dem gesetzestreuen Juden j Patriotismus, eine gottgebotene, heilige Pflicht. Der? Gedanke dieses jüdischen Patriotismus findet in einer Midraschstelle seinen schönsten Ausdruck: Q ns:en Dias -wo dp nansi pw nms ans. In diesem Verse erblicken unsere Weisen die Verherrlichung unseres nav-Opfers im Gegensatz zu jenem Opfer, das der nichtjüdische Seher Bileam, von Haß gegen das jüdische Volk erfüllt, darbrachte, rrraro naiv Dvba anpntn onc bzz onrio mxa bv anatoa bsiv" ibasrn ns:a> ’-p bv. Bilieam wird von Balak aufgefordert, dem jüdischen Volke zu fluchen. In dem er seinem Fluche ein Opfer von ib voranschickt, bringt er ein jüdisches Opfer. Wenn etwas geeignet ist, den andern Völkern Liebe und Achtung für das jüdische Volk und seine Lehre abzugewinnen, so ist eS gerade die jüdische Opferinstitution. Durch w P's S"s ^sura mann am: amu D'-ia:^ naba uai anp* gestattet die Thora einem Jeden Zutritt in die Hallen des Tempels. Alljährlich wurde am Sukkothfeste ein Opfer von siebzig Stieren zum Heil aller Völkerfamilien dargebracht, niais a’yatr n::a am. ne D’yar mtea latw na. Welche Verhöhnung des jüdischen Opfergedankens liegt nun in dem Verfahren Bileams? Aber in welch schneidigem Gegensätze hierzu steht das Verfahren des jüdischen Volkes. Es genießt sein Freiheitsopfer mit ns» und ma — annai ms» bv rnibas' —. Wenn etwas geeignet wäre, das jüdische Volk mit gerechtem Haß gegen jeden Egypter zu erfüllen, so ist es dieses Bitterkraut. oiv bv 121 n, mo iai mow. Aber da warnt ihn das Gotteswort sb ’is»n ns avnn, dessen eingedenk zu bleiben, daß es einstmals doch in diesem Lande geweilt und deshalb auch den Egyptern nicht feindselig gesinnt zu sein. Dieses und noch vieles andere wurde von dem hochverehrten Redner in meisterhafter Form ausgeführt. Zum Schluß ermahnte er mit Hinweis auf den Vers 'iai pm nan» aia mit eindringlichen Worten, daß wir unbekümmert um den Haß, die Feindseligkeiten, die man in gewissen Kreisen gegen uns Juden nährt, nur die Liebe pflegen sollen, Liebe gegen Kaiser und Reich, Liebe gegen Jedermann. Als unsere theuerste, heiligste Pflicht sollen wir es darum betrachten, unsere Kinder zu treuen Bürgern und eben darum zu ganzen Jehudim zu erziehen. Die Erfüllung dieser Pflicht liegt wohl allen Juden auf weitem Erdenrund zu allen Zeiten und Verhältnissen ob; ganz besonders aber den deutschen Juden, welche die Segnungen des deutschen Vaterlandes mit allen seinen Söhnen in gleichem Maße genießen. In erhöhtem Maße liegt sie ganz besonders unserer Kehillo, jedem treuen Mitglieds derselben ob, zumal wir uns gerade in den letzten Tagen des besonderen Wohlwollens der hohen Regierung zu erfreuen hatten, rief der Redner tief ergriffen aus: mn sarb i:jr:n: i:a”pt ia«nrw -jna. „Gepriesen sei Gott, der uns die Zeit erleben ließ, in der unserer Kehillo, im Geiste und Prinzips übrigens