Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 28 (10.4.1899)
- Date
- 1899-04-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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520 muß. Setzen wir den Fall: e» hat jemand in einem Teppich-Engrosgeschäste gelernt, und es gibt in ganz Deutschland kein zweites Teppichgeschäft, welches Samstags geschlossen hat. Nach zurückgelegter Lehrzeit nun sagt der Chef zu dem jungen Manne: „Mein Herr, Sie sind Commis, aber nicht bei mir." Also ist der junge Mann gezwungen, sich nach einem anderen Engagement umzusehen. In der erlernten Branche kann er natürlich wegen des Samstags nicht bleiben; bewirbt er sich nun notgedrungen um einen Posten in einem anderen Geschäftszweige, dann kann er gewiß sein, daß er den stereotypen Bescheid erhält: „Bedauere, da keine Branchekenntnisse." Welcher Ausweg bleibt in diesem Falle? Entweder der Vater muß ihn in sein eigenes Geschäft nehmen oder wenn diese Möglichkeit — wie häufig — ausgeschlossen ist, dann wird nach vergeblichem Ringen „einigem Sträuben" die Sabbat-Entweihung das Ende vom Liede sein. Es sind doch die wenigsten Leute — wenn sie auch sonst ganz brave Jehudim sind — so tief innerlich religiös, um an dieser Klippe nicht zu scheitern; besonders, wenn sie mit dem Pfennig rechnen müssen und an ihren erwachsenen Kindern eine Stütze zu haben wünschen. Da mögen sich dann jene Prinzipale an die Brust schlagen, welche aus Bequemlichkeit lieber einen irreligiösen jungen Mann mit Branchekenntmsse nehmen, als daß sie sich der Mühe unterziehen, einen religiösen noch einmal auf kurze Zeit anzulernen. Gar oft wird gemeint, mit der Beobachtung des Sabbats und der Speisegesetze seien die Pflichten des Juden abgethan. O, kurzsichtige Tborheit! — Ueber all' den Ceremonial- und Ritualverordnnngen steht der Kamps für die Ideale des JudenthumS, steht der Name „Israel" d. h. „Gotteskämpfer." Die elfteren sind nur die unteren Sprofien an dieser Leiter. Ohne düse Sprosie wird man nie die Leiter besteigen können; aber mit ihnen allein wird man am Anfang stehen bleiben. Freilich; schon die Beobachtung des Sabbats und der Speisegesetze allein verlangt eine Selbstlosigkeir, erfordert eine Opferfreudigkeit, vor der man —■ bei einem Vergleiche mit den allgemeinen Anschauungen der unjüdischen und außerjüdischen Welt — nur achtungsvoll den Hut ziehen kann. Jedoch das ganze jüdische Leben soll ein freudiges Hinopfern —■ wenn nöthig — aller Lebensgenüsse im Dienste Gotte» sein. Frei und groß muß der Jude denken; universell muß er feine Aufgabe erfassen; nur dann wird er seiner Pflicht als Jude gerecht werden! Wenn dieser Geist in den gesetzestreuen Kreis unseres Volkes eingezogen ist, dann wird auch noch eine andere Erscheinung verschwinden, die besonders in kleineren Orten zu Tage tritt. Während nämlich in den Städten das Personal nicht mit zum Haushalte des Prinzipals gehört, ist auf kleineren Plätzen „Kost und Logis" im Hause Sitte. Da findet man nun eine Lieblosigkeit sehr häufig vor, die besonders bei den noch kindlichen und nicht gefesteten Lehrlingen gefährlich ist. Das Personal wird nämlich als nicht zur Familie gehörig betrachtet, sondern kaum hat es seine Mahlzeit verschluckt, so soll es schon dort sein, wo der Zimmermann ein Loch gelaffen bat. Und mit dieser unj freundlichen Gewohnheit wird oft der erste Stein? gelöst von dem oft mühsam errichteten Gebäude der j religiösen Erziehung. Wer kann es dann den jungen s Leuten zumuthen, daß sie den ganzen Samstag oben j im Dachstübchen sitzen und sich langweilen? Braucht man sich zu ivundern, wenn so schon Buben von 14 Jahren! in das Wirthshaus getrieben werden, wo sie bei Kartenspielen und Biertrinken dm ersten Schritt zur , Sabbatentweihung vollziehen? Hat doch unsere heuj tige Jugend mit der Bar-Mizwoh in der Regel leider kaum eine oberflächliche Ahnung von den Mizj waus. Unerfahrene Kinder, nicht Heranwachsende Jünglinge mit einem tief im inneren Herzen wurzelnden Verständniß für das jüd. Pflichtenleben treten heutzutage in das Leben hinaus. Tausendmal wehe deshalb über jene Eltern, die ihre Kinder — den heiligsten, ihnen von Gott angctrauten Schatz — schutzlos in den Kampf hinausschicken; tausendmal wehe aber auch jenen, die das Verhältniß zu ihren Angestellten nur vom Standpunkte des geschäftlichen Nutzens aus betrachten und so unsere Hoffnungen vernichten' Klopft des Schicksals schwere Hand bei dir an und du fragst verzweifelnd: „Womit habe ich solches verdient? Gab ich doch Zehnten, habe Sabbat und Speisegesetze beobachtet und meinem Nächsten nicht unrecht gethan." Nun dann gib dir Rechenschaft darüber, ob du das theuerste Gut des jüdischen Volkes, seine Jugend, treu bewacht hast, ob du der Jugend — wann und wo du es konntest — ein liebevoller Freund, ein lehrbegieriger Lehrer warst und rechne hier die jungen Leute von 14—18 Jahren mit hinein. Gerade in diesen Jahren steht der Mensch an einem Scheidewege; gerade in dieser Zeit entscheidet es sich, welchen Weg er für sein ganzes ferneres Leben einschlagen wird. Und darum Ihr, die Ihr Euer Volk liebet, greifet beherzt in diese Wunde, ladet nicht ferner große Schuld auf das Haus Israel.