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Der Israelit · 1899-04-06 · Heft 26-27 (6.4.1899) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 26-27 (6.4.1899)
Date
1899-04-06
Page
– (sequence 26)
Language
German
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stindheit hervorrufen. Es ist also klar, dass die religiösen Vorschriften, die bezüglich des Genusses gewisser Pflanzenprodukte gegeben werden, mit den Prinzipien der Hygiene vollkommen übereinstimmen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Corresponderrzen Deutschland. Karlsruhe, im März. Im Verein für jüd. Geschichte und Literatur hielt kürzlich der ordentliche Prof, der Philosophie an der Universität Marburg, Herr Geh. Negierungsrath Cohen, einen Vortrag über die „Weltanschauung des Judenthums". Der gefeierte Name des Redners wie auch die Actualität und Wichtigkeit des Themas, und nicht zuletzt der Reichthum des Redners an Ideen und großen Gesichtspunkten, sichern wohl diesem Vortrag weit über das lokale Interesse hinausgehende Bedeutung: Die Religion kann, so führte der Redner aus, ihre Aufgabe nur dann erfüllen, wenn sie zugleich „Weltanschauung" ist. Denn sie verfolgt nicht lediglich praktisch-ethische Ziele, sondern sie^ sucht vor allem den Menschen mit einem höheren L-einsinhalt zu erfüllen, ihn zur Stellungnahme gegenüber den großen Problemen des Daseins zu veranlassen. Und es ist ein betrübendes Anzeichen für den Niedergang deS jüdischen Gedankens, des jüdischen Selbstbewußtseins, daß unserer Religion dieser tief innere metaphysische Kern ganz und gar zu schwinden scheint. Seit mehr denn sechzig Jahren ist keine jüdische Dogmatik mehr erschienen. Die in den jüdischen Religionsschulen eingeführten Lehrbücher sind im wesentlichen mit Ritualvorschriften und einigen schönen moralischen Sentenzen angefüllt; über das eigentliche erhabene Wesen deS jüdischen Glaubens, über unsere Weltanschauung, geben sie dagegen keinerlei Aufschluß. Sie mögen dazu geeignet sein, zur Abwehr antisemitischer Angriffe in Volksversammlungen Dienste zu leisten, zur Erfüllung und Durchdringung des ganzen Menschen mit dem lebendigen Inhalt der jüdischen Lehre aber sind sie gänzlich ungenügend. In Folge dieser argen Vernachlässigung konnte das Vorurtheil Platz greifen, die jüdische Religion besäße keine Dogmen 1 Eine Religion dogmenlos! Wo doch jede Wissenschaft, insofern sie eben Wissenschaft, d. h. ein geordnetes System von Erkenntnissen ist, Dogmen besitzt. — Der Redner versuchte nun des Weiteren die die jüdische Weltanschauung beherrschenden und charaeterisirenden Ideen, ihre dogmatischen Grundprinzipien aufzuzeigen. Die erste dieser Ideen ist die des einen, einzigen, unendlichen und übersinnlichen Gottes. Diese erste Idee characterisirt die jüdische Religion als eine monotheistische; die Uebersinnlichkeit des höchsten Wesens, sein begriffliches und reales Geschiedensein von der Welt macht das Wesen des spezifisch jüdischen Gottbegriffes aus. Aus dieser theoretischen Lehre von der Uebersinnlichkeit Gottes im Verein mit seiner Einzigkeit, folgt rein begrifflich als praktische Consequenz die Gleichheit aller Menschen in ihrem Verhältnis zum höchsten Wesen und in ihren Beziehungen untereinander. Von menschlichen oder göttlichen Zwischenwesen kann bei der körperlich sinnlichen Natur des Menschen im Gegensatz zur unkörperlich übersinnlichen, rein geistigen Natur Gottes schlechterdings nicht die Rede sein. Alle Menschen sind in gleicher Weise Kinder Gottes und Brüder untereinander. Die zweite Idee findet ihre Realisation in dem Glauben an einen Erlöser und an ein messianisches Zeitalter. Diese Idee wurzelt ebenso ausschließlich wie diejenige des Monotheismus im Judenthum. Während andere Völker, wie z. B. die Griechen, wenn sie der rauhen Gegenwart entfliehen wollten, in die Vergangenheit sich flüchteten, ein längst verschwundenes goldenes Zeitalter sich ausmalten, blickt der Jude frohgemuth in die Zukunft. Diese Idee der einstigen Erfüllung prohhetischer Verheißungen hat die Juden begleitet auf ihrer zweitausendjährigen Wanderschaft, sie allein hat ihnen Muth, Ausdauer und Erquickung geboten in der traurigen Nacht des Ghetto. Eine weitere praktische Seite hat die Messiasidee in ihrer cosmopolitischen Tendenz und den daraus fließenden völkerethischen Prinzipien. Die Frommen aller Völker haben nach der jüdischen Lehre Antheil an diesem messianischen Zeitalter; dies ist der wahre und höchste Ausdruck, auf den dar Prinzip der Nächstenliebe gebracht werden kann. Der Jude ist Cosmopolit im edelsten Sinne und ohne vaterlandslos unpatriotisch zu sein. Das ist das Geheimniß d-s jüdischen Erfolges im Hineinleben in die ihn umgebenden Verhältnisse, ohne darin aufzugehen. Dies die Rechtfertigung wider den Vorwurf: Kaum können die Juden eine Sprache lesen, so fangen sie an, in derselben zu schreiben.— Also findet der Redner gerade in der Messiaslehre den Grund der sittlichen Verpflichtung gegen den Nebenmenschen und somit das eigentliche Moralprinzip der jüdischen Religion. — Die dritte Idee ist diejenige des Sabbat. Auch sie ist eine durchaus jüdische Idee. Ihr Ziel ist ein social et hi sch es. Indem das Sabbatgebot für einen Tag der Woche jedem Menschen, ob Herr, ob Knecht, absolute Enthaltung von der körperlichen Arbeit befiehlt, gibt es zugleich dem durch die Ueber-

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