Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 26-27 (6.4.1899)
- Date
- 1899-04-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XX. Jahrgang. Erste Keil. M M 26 & 27 des „Israelit". Leitender Artikel. Baronin Klara Kirsch. Paris, 3. April. Heule Morgen um 3jt2 Uhr ist Baronin Clara Hirsch im 60. Lebensjahre gestorben. Körperlicher Schmerz und schwerer Seelenkummer haben das letzte Lebensjahr der weitbekannten Menschenfreundin umdüstert. Im verflossenen Sommer wurde sie von dem Rückfälle in ein Leiden heimgesucht, das schon vor einigen Jahren eine Operation vothw.ndig gemacht hatte. Auf ihrem Schlosse Beauregard, nahe bei Paris, lag sie danieder. Eine wahre Dulderin, ist sie während dieser Leidenszeit nicht einen Augenblick lang erlahmt in der Erfüllung des Berufes, welchen sie sich auserlegt hatte: der Wohlrhätigkeit. Sie prüfte alle an sie gelangenden Gesuche, sie setzte die philantropische Werke fort, welche sie als Vermächtniß übernommen, zugleich mit dem enormen Vermögen ihres verstorbenen Mannes. Ihre Havptsorge war darauf gerichtet, die wohlthätigen Werke, welche sie g-schaffen oder durch ihre Unterstützung gefördert und erhalten batte, auch über ihr Leben hinaus sicherzustellen. Sie hat Verfügungen getroffen, welche diese Sicherstellung gewährleisten, so daß für andere letztwillige Anordnungen kein Raum mehr bleibt. Alles, was sonst in Testamenten verfügt wird, hat Baronin Hirsch bei Lebzeiten ausgeführt. Auch den Verwandten ihres Galten hat sie die Erbantbeile, welche erst nach ihrem Tode flüssig werden soll'en, ausgezahlt. Das Testament der Baronin wird oeßbalb nur wenige Verfügungen enthalten. Wie uns mitgetheilt wird, sind zu Universal-Crben eingesetzt die Geschwister der Baronin Hirsch : der Bruder Ferdinand Bischoffsheim, darin die Schwester Frau Leo v. Goldschmiot und Frau Montefiore. Mit größeren Legalen sind bedacht die natürliche Tochter Lucie des jung verstorbenen Baron Lucien Hirsch, ihres einzigen Sohnes, und die beiden Adoptivsöhne, die Barone Le Forest. Diese Legatare haben die von Baron Hirsch ihnen zugemeffenen Erbantheile bereits erhalten. Der jüngere der beiden Adoptivsöhne ist seit Monaten an einem Nervenleiden schwer erkrankt. Er war der Liebling der Baronin, und seine Erkrankung hat aus die schwer leidende Frau den traurigsten Einfluß geübt. Vor wenigen 'Wochen mußte der junge Baron Le Forest, welcher Tobsuchtsanfälle erlitten, der häuslichen Pflege entzogen werden. Die Entfernung des jungen Mannes von der Seite seiner Ziehmutter war ein schwerer Schlag für die Baronin Hirsch, welche neben ihrem Leiden auch von einer Herzkrankheit befallen war. Baronin Clara Hirsch hat im Hause ihres Vaters, des Bankiers ge- Bischoffsheim in Brüssel, eine sorgfältige Erziehung gefunden. Fast noch ein Kind, lernte sie den mit ihr in gleichem Alter stehenden Baron Moritz Hirsch kennen. Der junge Baron Hirsch war dem großen Schulmanne und Orientalisten Dr. Mayer in Brüssel zur Erziehung übergeben worden. Durch ihn wurde Baron Hirsch in das Haus Bischoffsheim eingefübrt. Fräulein Bischoffsheim faßte eine tiefe Neigung für den jungen Mann. Im Alter von 23 Jahren heirateten sich die Beiden. Baron Hirsch trat in die Firma seines Vaters ein und übersiedelte mit seiner Frau nach München. Die Baronin Hirsch konnte sich mit dem Leben in der bayrischen Hauptstadt nicht befreunden, und ihr Gatte übersiedelte deßhalb nach Brüffel, um dort in die Firma Bischoffsheim einzutreten. von wo er nach Auflösung des Bankhauses nach Paris ging. In der französischen Hauptstadt wußte Baronin Hirsch sich bald eine hervorragende Stellung zu schaffen. Ihre hohen geistigen Eigenschaften, ihr vornehmer, milder Charakter, ihr Wohltbätigkeitssinn und ihre Bescheidenheit wendete ihr die Sympathien der besten Kreise von Paris zu. Diese Zuneigung und Werthschätzung sind ihr bis zum Tode treu geblieben. Das Leichenbegängniß findet Montag Mittags statt. Die Leichenfeier wird dem Wunsche der Verstorbenen entsprechend sehr einfach sein. In dem Humanitälswerke der Baronin Hirsch nahm die Fürsorge für österreichische Hilfsbedürftige, kleine Gewerbetreibende und Kaufleute, einen breiten Raum ein. Eine diesbezügliche Stiftung, mit dem Sitze in Wien, hat den Zweck, durch Darlehen, welche in kleinen Raten rückzahlbar sind, nothleivenden Kaufleuten die Möglichkeit zu bieten, sich wieder aufzurichten. Ferner besteht eine Stiftung zur Ergänzung der Baron Hirsch'fchen Stiftung zur Errichtung von Volksschulen in Galizien. Die letztere verfolgt auch den Zweck der Beköstigung von armen Schulkindern in Galizien; ferner zur Errichtung von Arbeitsschulen für Mädchen und zur Unterstützung von Handwerksgesellen, welche ihre Ausbildung im Auslande anftreben. Jede der beiden Stiftungen wurde von der Baronin Hirsch mit IV2 Millionen Gulden dotirt. Das neue Wiener Tagbl. schreibt: Mit der in Paris verstorbenenBaroninClaraHirsch-GereuthisteineWohlthäterin von seltener Großherzigkeit aus dem Leben ge-