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Der Israelit · 1899-04-06 · Heft 26-27 (6.4.1899) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 26-27 (6.4.1899)
Date
1899-04-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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493 Feuilleton. „Miedet eure Weinde." Eine apologetische Erzählung Von Etnaltr Utann 2) Nachdruck verboten. So hatte sich Seligmann Feist auch aus dem Gebiete seiner Religion ein reiches Wissen angeeignet, und wenn er auch talmudische Studien nur wenig betrieben hatte, so war ihm doch die Bibel in allen ihren Theilcn vertraut. Religionsphilosophische Schriften hatte er in Uebersetzungen ftudirt, Commentare zur heiligen Schrift unzählige gelesen und so allmählich sich in manche schwierige Materie eingearbeitet, die anderen seines Gleichen ein Buch mit sieben Siegeln blieb. Seligmann Feist war aus dem Seminar ein Unikum gewesen, und ein Unikum war er auch nach Jahren noch als einfaches Mitglied der jüdischen Gemeinde zu Göllheim. Man hatte eine gewisse Ehrfurcht vor ihm, weil man fühlte, daß er geistige Fähigkeiten besaß, welche ihn über Andere erhoben. Zuweilen lachte man ihn wohl auch hinter seinem Rücken ein wenig aus, nannte ihn einen Schwärmer und Bücherwurm. Oft genug, wenn seine Anwesenheit im Geschäft erwünscht war, mußte man ihn erst vom Speicher herunterholen, wo er in zwei verstaubten Regalen seine „Bibliothek" aufgestellt hatte und sich wohl, wie er ging und stand, in irgend ein naturwissenschaftliches Buch versenkt hatte, oder eine Stelle in einem alten Bibelcommentar aufschlug, deren treffende Bemerkung ihm gerade wieder einmal eingefallen war und die er sich rasch aufzufrischen gedachte. Die weise Erziehungskunst, in welcher Seligmann Feist so besonders erzellirte, hatte er in seiner eigenen Familie zu bewähren Gelegenheit an zwei Kindern, welche seine Frau ihm geboren. Rifka und David Feist gediehen in der That unter der Leitung ihres Vaters prächtig heran. Was lag näher, als daß ein solcher Vater, dessen einziger Stolz und dessen ganze Schwärmerei seine Bücher waren, der mit unstillbarer Sehnsucht fort und fort an jene glücklichen Zeiten zurückdachte, in denen er ungestört hatte ftudiren dürfen, was lag näher, als daß ein solcher Vater auch für seine Kinder als die beste Mitgabe Kenntnisse, geistige Befähigung erachtete. Besonders David, der Stammhalter, lag ihm in dieser Beziehung am Herzen. David war ein gewecktes Kind, das in der Schule stets die Freude der Lehrer bildete, er war denn auch einer der ersten, j die in die neugegründete erweiterte Volksschule und späterhin in die höhere Bürgerschule Gollheim's eintraten. Daß David von seinem Vater für das Studium bestimmt wurde, brauchen wir wahrlich nicht besonders hervorzuheben. Auch Rifka, die ältere und erstgeborene, war ein gescheutes und, was namentlich erwähnt sei, schönes Mädchen geworden. Bei ihr hielten Vater und Mutter besonders auch auf die Ausbildung in allerlei weiblichen Handarbeiten. Sie erlernte das Nähen und Plätten von Grund auf und ersparte durch den Fleiß, welchen sie entwickelte, den Eltern späterhin manche Ausgabe. So entfaltete sich in dem kleinen, abseits stehenden Hause in Göllheim ein überaus glückliches Familienleben. Die Kinder waren der Stolz der Eltern, ihre Hoffnung und ganze Zukunft. Das Geschäft gedieh im Laufe der Jahre, dank der Tüchtigkeit der kleinen Frau Hannchen, ungemein. Zu dem Svezereiwaarenverkauf trat balo auch der Verkauf von Mehl, Hülsenfrüchten, Cigarren u. s. w., das Geschäft gewann an Ausdehnung, und der Kundenkreis, namentlich der kleiner Engroskunden aus den umliegenden Landorten, vergrößerte sich zusehends. So zog allmählich auch ein gewisser Wohlstand in die Feist'sche Familie ein und Rifka, die mittlerweile zu einer reizenden Jungfrau herangeblüht war, gehörte bald zu den meistbegehrten „Partien" der ganzen Umgegend. Rifka aber hatte ihr Herz schon längst vergeben. Seit frühester Jugend war sie mit Benedikt Kaufmann eine Seele. Sie waren zusammen ausgewachsen, hatten zusammen gespielt und gelernt, einander geneckt und geküßt, in ihren kindlichen Herzen war bereits eine tiefe Neigung für einander erwacht, hatte immer festere Wurzel geschlagen, und als Benedikt, der in der benachbarten Kreishauptstadt das Gymnasium besuchte, nach abgelegtem Abiturientenexamen in das Elternhaus zurückkehrte, um dort die Ferien zu verbringen, erschien ihm Rifka nach den Worten des Dichters „wie ein Gebild aus Himmelshöhen." Der „ersten Liebe goldne Zeit" that sich den Beiden auf mit ihrer Seligkeit und ihren berückenden Träumen. Die Eltern, denm in früheren Jahren alles mehr als ein kindisches Spiel erschienen war, sahen plötzlich ihre Kinder zu einem Herzensbund verknüpft, den zu trennen sie durchaus keine Veranlassung hatten. Benedikt sollte nun die Universttät beziehen, er sollte Medizin studieren. Wie konnte es für Seligmann Feist eine tiefere Herzensfreude geben, als die, seine einzige Tochter einem „Akademischen" zur Gattin bestimmen zu können, einem Arzt, einem Manne der Wissenschaft.' Und Benedikt's Eltern wiederum, welche den

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