Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 24-25 (23.3.1899)
- Date
- 1899-03-23
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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7S Die Israeliten des Yemen in Jerusalem. Die jüdischen Gemeinden, die in der Gegend, die man Yemen nennt, zerstreut sind, führen ein sehr dürftiges and unglückliches Leben. Sie leben unter einer zurückgebliebenen und fanatischen Bevölkerung, deren Sitten und Gebräuche die des 17. Jahrhunderts sind, und nehmen eine untergeordnete Stellung ein. Gedrückt und resignirt, ertragen sie mit Stillschweigen die Demüthigungen ihrer stolzen Mitbürger und das Elend ihres unglücklichen Daseins. Viele sind Handwerker, die aber ihr Handwerk nur oberflächlich verstehen, einige sind kleine Krämer. Der Handel im Lande ist unbedeutend, und die wenigen grossen Häuser gehören den Mohamedanern. Man begreift, dass sie, die unter einer Regierung leben, die zwei Jahrhunderte zurück ist, den Aberglauben dieser Zeit haben. Vor einigen Jahren verbreitete sich bei ihnen das Gerücht, das der Messias in Jerusalem erschienen sei; das genügte, dass diese Leute, deren Leben eine Qual ist, sich in Karawanen auf den Weg machten. Nach langer, mühsamer Reise kamen sie an, und ihre Trauer bei der Enttäuschung lässt sich denken. Einmal in Jerusalem angekommen, konnten die yemenitischen Familien nicht mehr daran denken, in ihre Heimath zurückzukehren. Der Aufmerksamkeit der Alliance und der Grossmuth des Baron Hirsch hatten sie Nahrung und Unterstützung zu danken, so dass sie ihr Handwerk dort ausüben und neue Erwerbszweige erlernen konnten. Es ist erklärlich, dass ihr Zustand, so schlecht er auch ist, ihren in Yemen gebliebenen Genossen noch beneidenswerth erschien. Dies bestätigt der Korrespondent der Alliance in Alexandria in einem Schreiben an das Central-Comitä vom 25. Mai d. J : Seit einiger Zeit sind die Juden des Yemen auf die Idee gekommen, nach Palästina auszuwandern. Natürlich scheitern sie zunächst in Alexandria, wo sie ihre Glaubensbrüder um das Geld zur Fortsetzung der Reise bitten. Sie kommen in Gruppen von 50—60 Mann, abgemagert und schwach, mit schmutzigen Lappen bekleidet. Ihr Gesichtsausdruck zeigt tiefe Niedergeschlagenheit und die Spuren der körperlichen und seelischen Leiden, die sie von der barbarischen, grausamen Bevölkerung auszustehen haben. Ihr Anblick ist schrecklich, ihr Elend nicht zu schildern. Es sind unter ihnen viele Frauen und Mädchen, mit dunklen, träumerischen Augen, mit feinen, regelmässigen Zügen und dunkelbraunem, aber ^angenehmem Teint. Sie bieten ein verblasstes Bild der anmuthsvollen Heldin des „Hohen Liedes“, ausserhalb natürlich des bezaubernden Rahmens. Ich habe die armen Yemeniten in dem Raume, den die Gemeinde den durchreisenden Fremden giebt, gesehen. Er ist zu klein, um sie aufzunehmen. Die Unglücklichen sind eingepfercht wie die Thiere. Ich habe mich mit dem Führer der Karawanen hebräisch und arabisch unterhalten. Sie sprechen diese Sprachen sehr schlecht, und sprechen sie auf eine unangenehme und unverständlliche Art aus. Es herrscht scheinbar eine furchtbare Theuerung in der Gegend des Yemen. Die Nomadenstämme, vom Hunger getrieben, fallen in Städte und Dörfer ein, und plündern die schwachen, schutzlosen Juden. Die türkische Regierung ist dagegen ohnmächtig, oft werden die Frauen vergewaltigt und die jungen Mädchen entführt (!!). Der Hunger und die Unsicherheit, die zwei Geissein dieser fernen Gegenden, haben die Menschen daselbst wie toll gemacht, und Jerusalem erscheint ihrer Einbildung als ein Asyl, das die Unannehmlichkeiten des Lebens nicht kennt; dann beginnt die Auswanderung schrecklicher Art, da die Unglücklichen nichts haben. Mit lächerlichen Mitteln wollen sie den Uebergang über das rothe Meer versuchen, der sehr langwierig ist. Er dauert Wochen lang und ist oft sehr gefährlich. Die Unglücklichen sind zu arm, um den Dampfer in Aden zu benutzen. Sie benutzen die Sambuks der Araber, schlechte Schiffe, wo sie die Grausamkeiten und Demüthigungen herzlind schamloser Menschen zu erdulden haben. Endlich landen sie in Suez, welches ihnen als Türken wenigstens zugänglich ist. Vernünftiger Weise müssen sie von Suez direkt durch den Kanal nach Jaffa gehen. In Suez giebt es aber keine Gemeinde, und sie müssen also erst nach Alexandria kommen. Die Juden von Alexandria machen löbliche Anstrengungen, damit die Unglücklichen ihr Leben fristen und nach Jerusalem, dem Ziele ihrer Reise, gelangen können. In diesem Jahre sind aber so viele gekommen, dass die Gemeinde und die wohlthätigen Gesellschaften rathlos sind. Dies ist eine um so schwerere Last, als die Lebensmittel, und besonders Brod, einen bisher unerhört hohen Preis haben. Beunruhigender Weise scheint der Strom noch nicht zu versiegen. Man zeigt die bevorstehende Ankunft neuer Yemeniten an. Was soll mau thun, um sie aufzunehmen und zu ernähren?