Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 24-25 (23.3.1899)
- Date
- 1899-03-23
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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482 unverkennbaren Eindruck auf die Versammelten ge macht. Aber dann fanden sich einige Superkluge, daß Aron Nier schon von jeher etwa» Besonderes habe, daß man nicht zu fromm sein solle, daß man einer solchen Gefahr gegenüber das Seinige thun müsse und sich nicht aus Wunder verlassen dürfe, und wie die Reden alle waren. Aber trotz dieser Ablenkung befand sich die Gemeinde in fieberhafter Aufregung, je länger die Ankunft oer Aufrührer auf sich warten ließ. Man ging ans Fenster, andere stiegen auf den Speicher, wo durch die Dachlucke ein größerer Fernblick möglich war; aber noch immer war keine Spur wahrzunehmen. Da, nach mehr als zweistündigem Harren, kamen unvermerkt die Kundschafter aus einer Seitenstraße und brachten die Nachricht, daß die Rotte im Anzug fei und jede Minute ins Dorf einrücken könne. Sie halten auf Seitenpfaden im Walde die Stelle erreicht, an welcher sich die Weglagerer noch bei dem geraubten Faß Wein gütlich thaten und konnten gedeckt durch das Dunkel der Nacht und des dichten Tannenwaldes auf beiden Seiten der Hauptstraße, genau die Bewegungen und Maßnahmen der Plünderer verfolgen. Diese hatten beschlossen, in aller Stille ins Dorf einzuziehen und erst auf dem Marktplatz mit lauten Trompetenrufen das Signal zur Plünderung der Judenhäuser zu geben. Im ganzen Dorf brannte kein Licht, auch die christlichen Hausbesitzer hatten es für gerathen gehalten, ihre Häuser frühzeitig zu schließen und die Lichter auszulöschen, um nicht die Aufmerksamkeit des Gesindels auf sich zu ziehen. Aron Rier's Haus war das einzige, welches in festlichem Llchtglanze in die Gaffe hineinstrahlte. Leise kamen die wilden Gesellen in- Dorf und machten unwillkürlich an dem erleuchteten Rier'fchen Häuschen Halt. Seine Insassen hatten keine Ahnung von dem, was draußen vorging, sondern sangen mit lauten, hellen Stimmen in die Nacht hinein: Allmächtiger Gott, nun bau dein Tempel schiere! „Halt!" rief der rothe Hannes mit verhaltener Stimme dem von ihm geführten Haufe entgegen. „Keinen Laut! wir wollen einmal hören, was sie drinnen singen!" Leise trat er mit vier, fünf seiner Gesellen an die niederen Fenster und warf einen Blick hinein. Da saß der Hausvater und ihm zur Seite die Mutter mit ihren acht Kindern um den weiß gedeckten Tisch. Auf dem Tische lagen die wenigen Kostbarkeiten, welche die arme Familie hatte. Zwei silberne Löffel, welche sie als Hochzeitsgeschenk erhalten hatten, eine silberne Taichenuhr und eine Esrogschale aus geschliffenem farbigen Glase. Aber mehr als diese Kleinodien leuchtete die biedere Frömmigkeit und die gottselige Festesfreude aus den Mienen jedes Theilnehmers dieser Tafelrunde, vom Vater bis zu dem Säugling, den die Mutter an die Brust schmiegte. Und die herrlichen Weisen des Festgesanges schallten so innig und rein hinaus in die Nacht, daß die wilden Gesellen von dem, was ihr Auge sah und ihr Ohr hörte, in tiefster Seele ergriffen wurden. „Wer hätte das gedacht," sagte der lange Dietrich aus dem drei Stunden entfernten H. leise zu dem rothen Hannes, „daß das derselbe Aron Nier ist, den wir sonst nur in seinem blauen Kittel auf dem Viehmarkt zu sehen bekamen!" „Ein Tropf wie Du, sieht nur den blauen Kittel; aber ich habe das wackere Herz, das unter diesem Kittel schlägt, schon seit vielen Jahren kennen gelernt. Du weißt, daß ich einmal Pfarrer werden sollte, ich bin jedoch zu früh aus der Kutte gesprungen. Aber mancher Bibelvers ist noch unter meiner rothen Perücke hängen geblieben, doch was ich da sehe, dazu weiß ich keinen Text, weder im alten noch im neuen Testament. Was sind doch die armen gehetzten Juden für glückliche Menschen, und was sind wir nichtsnutzige Schurken, die wir ausgezogen sind, das Glück dieser Menschen zu zerstören!" „Du wirst ja weich, wie Butter in der Sonne, das rührt wohl auch noch auS Deiner Pfaffenzeit her?" „Schweig," dürre Galgenstange, „sieh' und hör Dir doch einmal diese Menschen an, sie haben keine Ahnung davon, daß vor ihren Fenstern Mordbuben stehen, die ihnen nach Gut und Blut trachten! Jetzt fällt mir auch der rechte Bibelvers ein: „Wie ehrfurchtgebietend ist dieser Ort, das ist nichts anderes als ein Gotteshaus und das ist die Pforte zum Himmel!" „Siehst Du nicht die Herrlichkeit Gottes ausgegossen über diese Menschen?" „Ich sehe nichts, Du hast wohl zu viel unterwegs getrunken, aber ich habe mich nüchtern gehalten. Aber da sehe ich ja auch einen großen, steinernen Weinkrug auf dem Tisch, wollen wir den nicht wenigstens leeren?" „Langes Scheusal! wenn Du die Hand gegen diese Menschen erhebst, schlage ich Dir sie vom Arm! Mir wird unheimlich in dieser Gesellschaft und unsere Leute fangen an, unruhig zu werden. Wir kehren um und lassen für heute Nacht das Dorf ungeschoren!" „Du bist wohl toll? und wenn ich's hundertmal einverstanden wäre, glaubst Du, daß unser ganzer Haufen auch so leichten Herzens auf die Judenbeute verzichtet? Und auf den ganzen Frachtwagen, der auf uns wartet?" „Also schier und also bald in unseren Tagen schiere! ja schiere!" hallte es durch die dünnen Fensterscheiben aus der erleuchteten Feststube, und bei jedem neuen Ton, den Ohr und Herz des Führers