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Der Israelit · 1899-03-23 · Heft 24-25 (23.3.1899) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 24-25 (23.3.1899)
Date
1899-03-23
Page
– (sequence 27)
Language
German
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481 Das war den Rekognoscirenden schon auffallend, da alle verabredet hatten, ihre Häuser unerleuchtet zu lasten, um durch das Licht die Heranstürmenden nicht besonders auf die jüdischen Häuser aufmerksam zu machen. Als sie aber näher an das Häuschen kamen und durch die in kaum halber Mannshöhe vom Boden entfernten Fenster blickten, da sahen sie die ganze Familie heiter und wohlgemuth am Sedertische sitzen. Sie traten so ungestüm ein, daß die Kleinen erschreckt die Köpfe umwandten, in der Meinung, die Aufrüher seien wirklich schon da. Der Hausherr und die Hausfrau aber erhoben kaum den Blick aus ihrer Peßach - Hagada. Zum Worte konnten sie gar nicht kommen, denn die Eintretenden hatten in heftiger Erregung die Thüre aufgeristen und frugen an der Schwelle: „Seid Ihr nicht recht gescheidt, Aron, wißt Ihr denn nicht, daß die ganze Gemeinde beim Parnes versammelt ist, und man auf Euch allein wartet, und Ihr setzt Euch ruhig zum Seder hin, als ob gar nichts in der Welt vorginge?" Aron Nier war ein schlichter Metzger, aber er besaß einen feinen Takt und die richtige Bildung des Herzens, die man aus keinem Komplimentirbuch erlernen kann, vor allen aber zeichnete ihn ein tiefreligiöses Gemüth aus, wie man es selten in dieser Reinheit und Tiefe bei Leuten seines Standes findet. Als Beweis seiner ungewöhnlichen Frömmigkeit mag die eine Thatsache gelten, daß er einmal den Schächter bei dem Rabbiner verklagt hatte, weil schon ein halbes Jahr lang kein bei ihm geschachtetes Thier von dem Schächter für trepha erklärt wurde. „Gut Jomtof, Rabbaußai!" rief er den Freunden entgegen. „Ihr habt in der Eile ganz vergesten, uns Gut Jomtof zu wünschen, wollt ihr nicht mit uns am Seder theilnehmen?" „Wir am Seder? Wenn wir den Seder geben könnten, hätten wir es zu Hause gethan, seid Ihr von Sinnen und wißt Ihr wirklich nicht, was vorgeht?" ,,O' gewiß weiß ich es, aber seid tausendmal mauchel und legt doch Eure Acxte und Stöcke an Jomtof aus der Hand; Ihr wisset doch, daß man heute nicht damit hancnren darf. Wenn der Feind da ist, wenn Lebensgefahr vorliegt und ihr dann die Waffen zu Euerem Schutz nölhig habt, dann mag's wohl erlaubt sein; aber einstweilen ist ja noch gar kein Feind da, und Ihr entweiht schon int voraus den heiligen Jomtof." „Wollt Ihr wieder etwas Appartes für Euch vorausliaben? Die ganze Gemeinde erwartet bewaffnet beim Parnes die Rebellen, zunächst aber Euch; wollt Jyr mitkommen, so ist's gut, wollt Ihr Euer Leben weiter freventlich aufs Spiel setzen, und an Euerem Sedertisch bleiben, so wollen wir e» den andere« berichten, damit Jedermann weiß, Aron Nier hat sich in der Stunde der Gefahr von der Gesammtheit loSgesagt!" „Ich habe mich nie von der Gemeinde getrennt, aber ich glaube, daß sich unsre heilige Gemeinde in diesem Augenblick von der großen jüdischen Gesammtheit lossagt, und daran möchte ich kein Theil haben. Soweit der Vollmond leuchtet und die Sterne funkeln, wo unterem weiten Himmel in dieser Stunde jüdische Seelen athmen und jüdische Herzen schlagen, sitzt alleam Seder und dankt Gott für die Erlösung au» der Knechtschaft in Mizrajim. Nur in U. giebt man keinen Seder, und warum? Weil vielleicht Feinde kommen und über uns herfallen könnten. Und wenn sie wirklich kämen? Lebt denn unser alter Gott nicht mehr? Steht's nicht da in unserer Peßachhagada, das dies es ist, was uns und unsere Vätern beigestanden hat? Ist denn das nur einmal vorgekommen, daß einer aufgestanden ist, uns zu vernichten, stehen sie nicht in jeder Zeit uns zu vernichten bereit und der Heilige, gepriesen sei Er, hat uns noch immer von ihrer Hand gerettet? Und da sollt ich meinen Sederabend mir und meiner Familie stören lasten? Haben wir denn heute Abend nicht Lei Schimurim, die Nacht der besonderen Gotteshut, und da sollten wir statt von Gott, gepriesen sei Er, von einem sterblichen Menschen und von Stöcken und Aerten Schutz erwarten? Diesmal hat unser Parnes ganz gewiß nicht Recht, wenn er es auch noch so gut meint. Die Gemeinde mag über mich denken, wie sie immer will, ich und mein Haus wollen Gott dienen und auf unsere Stöcke nicht vertrauen." So beredt hatten die drei Abgesandten Aron Nier noch nie gehört. Beschämt schlichen sie sich fort und erzählten der harrenden Gemeinde, was sie soeben vernommen. Aber in der Nier'schen Familie wurde die Peßach-Haggadah ganz wie sonst zu Ende gelesen, die Pokale wurden gefüllt und geleert, das armselige Brod, wie es die Väter aßen und die bitteren Kräuter wurden nach Vorschrift genoffen, das Esten wurde aufgetragen und dann das Tischgebet gesprochen. Man schien den Feind ganz vergesten zu haben, an dem Nier'schen Familientisch wenigstens. Nach dem Tischgebete öffnete der zehnjährige Josef dem Brauche gemäß die Thüre und warf bei dieser Gelegenheit einen scheuen Blick in der Richtung nach S. zu; aber es war keine Spur des herannahenden Feindes zu erkennen. Die Thüre wurde wieder geschloffen, wieder von einem Blick in die Nacht hinein begleitet, aber ebenfalls ohne etwas Beunruhigendes zu gewahren. Um so unruhiger ging es bei der versammelten Gemeinde im Hause des Parnes zu. Der Bericht der drei Abgesandten hatte im ersten Augenblick einen

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