Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 24-25 (23.3.1899)
- Date
- 1899-03-23
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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m „Es find zum wenigsten zweihundert Mann, zum Theil mit Flinten und Pistolen, größtentheils aber mit Aexten, Sensen uud Dreschflegeln bewaffnet. Auf euch Juden haben sie's zu allererst abgesehen. Sie wiffen, daß ihr heute Ostern habt, und daß sie euch heute Abend alle zu Hause treffen." Die jüdische Bevölkerung des Elsaß war selbst in damaliger Zeit, in welcher alle Gemeinden und ihre einzelnen Mitglieder treu an Gott und seinem Gesetz fefthielten, durch ihre aufrichtige Frömmigkeit und ihr rückhaltlose» Gottvertrauen ausgezeichnet. Aber unter den Frommen und Wackeren hatten sich die Mitglieder der Gemeinde U. jederzeit als die Frömmsten und Wackersten bewährt. Die Synagogenbesucher waren unschlüssig, ob sie in die Synagoge gehen oder nicht lieber nach Hause zurückeilen sollen, um ihre Habseligkeiten zu bergen und sich so gut als möglich zu verrheidigen. „Wir gehen einmal zuerst alle in Schul," rief der Parnes den Unschlüssigen zu, „das übrige wird sich dort finden." Der Parnes, Schmul Löb, war ein bochbetagter Greis, der durch seine Lebensklugheit, Biederkeit und einen für die damalige Zeit ansehnlichen Wohlstand sich eine» großen Einfluffes erfreute, den er jederzeit zu Gunsten seiner Gemeinde in selbstloser Weise geltend machte. Alles folgte dem Vorsteher in das Gotteshaus, und als alle dort versammelt waren, schien man unter der Wucht de» drohenden Ueberfalles, den Zweck des Gotteshauses, das Gebet, für einen Augenblick ganz zu vergeffen. Laut und wirr wogte die Discussion über die Maßnahmen, die jetzt zu treffen wären. Da trat der Parnes auf den Almemor und sofort beruhigten sich die erregten Gemüther. Da gab'» kein Pathos und keine Rhetorik, sondern im Lapidarstyl verkündete inder üblichen Jüdisch-Elsässischen Mundart der Vorsteher seiner Gemeinde: „Jetzt wird Mincho geort, Erube Chazeros gemacht, Maarif geort, ganz wie sonst. Dann gehen alle Lechajim ulscholaum heim und bringen ihre Sachen in Sicherheit. Dann bewaffnet sich jeder und die Männer kommen alle in mein Haus, bewaffnet, so gut wie es jedem möglich ist. Die Frauen, Kinder und alten Leute bleiben daheim. Die Aufrührer kommen von S. her. Da» erste jüdische Haus, an dem sie hier vorbei müffen, ist eures, Aron Nier. Ihr seid ein armer Kazef (Metzger), da wiffen die Aufrührer, daß nicht viel zu holen ist. Bei mir werden sie ohne Zweifel anklopfen und da sollen sie dann eine Gegenwehr finden, auf die sie nicht gerechnet haben. Mit Gölte» Hilfe werden wir sie zum Dorf hinausjagen. Der Fuhrmann Braun wird auch einige ordentliche Christen bitten, daß sie ihm'und uns beistehett. Jetzt, Rabbi Jtzig, sangt Mincho an." Der Chasan, Reb Jtzig, folgte seinem Vorsteher und wenige Minuten später war die Gemeinde in ihr Gebet so vertieft, als ob es außerhalb ihres Gotteshauses keine Welt mehr gäbe, die ihr mit Plünderung und Tod drohte. Dann folgte Erube-Chazeros. Das Brod, das heute die Menschen verfeindet und aus Brüdern Rivalen und Concurrenten macht, führte unsere Altvorderen durch die Erube-Chazeros- Jnstitution symbolisch und thatsächlich zusammen. Das Gotteshaus, das die zeitgenössischen Besucher in sich befehdende Parteien sondert, war den Vätern im Bes-Hakneses die Stätte, welche sie sammelte und brüderlich einte, und die dünnen, unscheinbaren Erub-Drähte, erwiesen sich für den festen Zusammenschluß aller Gemeindemitglieder zu einem einheitlichen Ganzen, bester, als die quadersteinernen Prachtbauten und die vergoldeten Kuppeln der modernen Tempel. Dies alles vollzogen die Alten so plan und schlicht, daß sie außer dem Segensspruch und der den Zweck der ganzen Institution darlegenden Sätze nicht viel Worte darüber verloren. Aber diesmal ließ sich's Reb Jtzig nicht nehmen und knüpfte an den Akt einige der augenblicklichen, kritischen Lage entsprechenden Worte. Dann wurde das Maaribgebet mit besonderer Andacht gebetet und die Beter begaben sich nach Beendigung desselben nach Hause, um die Anordnungen de» Vorstehers auszuführen. Kaum eine halbe Stunde später hatten sich alle wieder in der Behausung des Vorstehers versammelt, so gut und so schlecht bewaffnet, als es eben in der kurzen Zeit möglich war. Drei handfeste junge Leute wurden nach der Richtung von S. ausgesandt, um die Ankunft der Aufrüher auszukundschaften und sie rechtzeitig zu signalisiren. Inzwischen musterte der Parnes die erschienenen Anwesenden. Alle hatten sich pünktlich eingefunden, bis auf einen einzigen Mann. Er war derjenige, der am nächsten wohnte, der also am ersten hätte da sein können; der Metzger Nier. „Wo nur der Nier bleibt?" fragte unruhig der Parnes, „es wird ihm doch nichts passirt sein?" „Was sollte ihm auch widerfahren sein," erwiederte einer der Anwesenden, „er war ja frisch und munter bei uns in Schul. Aber er ist sonst immer pünktlich auf dem Platz, es ist wirklich ungewöhnlich, daß er gerade fehlt." „Es sollen einmal drei Leute hingehen und sich nach ihm umsehen," meinte der Parnes. Die drei Leute, welche der Thüre zunächst waren, leisteten dieser Aufforderung sofort Folge. Sie machten sich mit ihren Aexten und Stöcken auf den Weg nach dem nur wenige Schritte entfernten Häuschen Nier's, das sie, wie an jedem Jomtof, hell erleuchtet fanden.