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Der Israelit · 1899-03-23 · Heft 24-25 (23.3.1899) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 24-25 (23.3.1899)
Date
1899-03-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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4€0 können wir hierin nur ein betrübendes Bild für die derzeit bestehenden Verhältnisse im württemb. Judenlhum erblicken. Die oberkirchenbehördliche Maschine arbeitet nicht mit der Raschheit, wie sie oft derartige Fälle erfordern und in Württemberg wird es erst dann besser werden, wenn der Sturm die unzeitgemäße Einrichtung, wie sie die derzeitige Zusammensetzung der Oberkirchenbehörde ganz besonders darstellt, weggesegt hat. Man hätte es übrigens nicht für möglich halten sollen, daß „die theologische Abtbetlung" der Oberkirchenbehörde, eine Gemeinde drei Monate lang ohne Religionslehrer ließe. Wie dies mit der angeblichen Orthodoxie dieser Abtheilung in Einklang gebracht werden kann, ist schwer begreiflich. Mit Entgegennahme von Ovationen anläßlich der kirchenräthlichen Gemeindevisitationen ist den württemb. Israeliten, nicht gedient. Wo bleiben denn die positiven Leistungen, welche s. Zt. an die Personaländerung vott gewisser Seite geknüpft worden sind!! Wenn eine Kritik geübt wird, so muß sie auch an die richtige Adresse gerichtet werden. Dies erfordert Recht und Wahrheit. Sollte daher nicht Wandel geschaffen werden, lassen wir in Kürze weitere Artikel folgen. Feuilleton. „Miedet eure Feinde." Eine apologetische Erzählung Bon Arnold Mnnn 1) Nachdruck verboten. I. Im westlichen Deutschland, unweit des Rheines, an einem winzigen Nebenbach dieses Flusses, liegt das betriebsame Städtchen Göllheim. Seine Einwohnerschaft besteht zum überwiegenden Tveil aus Bauern, denn das Land um Göllheim ist außerordentlich fruchtbar und ertragreich, es gedeiht auf ihm der Hopsen und der Tabak, und auf den Höhen, die sich rm Osten des Städtchens hinziehen, wächst ein recht trinkbarer Wein. In den letzten Jahren hat sich in Göllheim eine ausgedehnte Fabrikindustrie festgesetzt, die dem Städtchen allmähltch einen größeren Aufschwung zu geben verspricht, zumal zwei neuprojektrrte Eisenbahnlinien, deren Knotenpunkt Göllheim sein wird, eine unmittbare Verbindung mit mehreren Städten Herstellen werden. Um die Zeit, in der unsere Geschichte spielt, war von all diesen lief einschneidenden Veränderungen noch nichts wahrzunehmen. Ruhig und zufrieden lag die Einwohnerschaft Göllheims ihren Berufen ob, unberührt vom Getriebe der großen Welt, deren ungeheure Interessen nur selten in das kleine Städtchen hineinspieltcn. Kaum, daß bedeutsamere, öffentliche Vorgänge, wie z. B. Parlamentswahlen und dergleichen, etwas Leben in die Mitte der friedlichen Einwohnerschaft hineinlrugen. Das Verhaltniß der Konfessionen zu einander war demgemäß gleichfalls ein durchaus ruhiges, tolerantes. Reben einer protestantischen Einwohnerschaft von zwei Dritteln und einer katholischen von einem Drittel, befand sich zu Göllheim eine jüdische Gemeinde, die etliche dreißig Familien umfaßte und deren Mitglieder sich von allerlei Handel, sei eS nun Vieh-, Hopfen- oder Tabackhandel redlich und mühsam ernährten. Die wenigsten dieser dreißig Familien konnte man wohlhabend nennen, denn meistens schlugen sie sich schlecht und recht durch's Leben, bescheiden und zufrieden all ihre Tage, nur einen Wunsch hegend und nur einen Stolz kennend: Das Gedeihen und das Vorwärtsschreiten ihrer Kinder. Ihnen brachten sie alles zum Opfer, ja, sie darbten willig und sparten sich oft genug den Bissen vom Munde ab, um ihnen ein schönere-, besseres Dasein zu sichern, als sie selbst es genossen. Als daher eines Tages die alle Ellernherzen aufregende Kunde nach Göllheim drang, die Regierung habe beschlossen, die gewöhnliche Volksschule Gollheim's in eine sogenannte „erweiterte" Volksschule zu verwandeln — da waren es besonders die jüdischen Eltern, die einen solchen Fortschritt mit Freuden begrüßten. Jüdische Schüler wurden in der neugeschaffenen Anstalt, die z. B. den Unterricht in französischer Sprache ausgenommen hatte, bald die ersten und die besten. Heute macht man den Juden aus ihrem Streben nach Bildung einen Vorwurf und bezeichnet es als einen schreienden Mißftand, daß in den höheren Lehranstalten oft genug die Zahl der jüdischen Schüler in einem außergewöhnlich hohen Verhältniß zu der der nichtjüdischen steht. Damals war, zumal in Göllheim, noch keine derartige Verbitterung denkbar, die das Höchste im Menschen, das Ringen nach geistiger Vervollkommnung, durch derartige Vorwürfe geschmäht und in den Staub gezogen hätte. Im Gegentheil, der Eifer jüdischer Eltern wirkte als lebendiges Beispiel und weckte den Wetteifer der nichtjüdischen, sodaß bereits nach einer veryältnißmäßig kurzen Zeit eine nochmalige Erweiterung der

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