Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-03-23 · Heft 24-25 (23.3.1899) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 24-25 (23.3.1899)
Date
1899-03-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2448977--47958-2498333
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

461 Anstalt und zwar ihre Verwandlung in eine höhere Bürgerschule nothwendig wurde. Das neidlose, friedliche Vcrhältniß, welches zwischen den Konfessionen Göllheims herrschte, trat besonders zu Tage bei der Einweihung einer neuen Synagoge, welche die jüdische Gemeinde an Stelle der alten, baufällig gewordenen, errichtet hatte. Da wetteiferte die christliche mit der jüdischen Bevölkerung, zur Erhöhung und Verschönerung der Festlichkeit beizutragen. Es war ein erhebender, wahrhaft herzerfreuender Anblick, als der festliche Zug, die unter einem Baldachin getragenen Thorarollen an der Spitze, sich durch die reichbeflaggten, kränzegeschmückten Gassen des Städtchens bewegte, und als am Abend mit Einbruch der Dunkelheit das heimische Fest durch eine solenne Illumination verherrlicht wurde, da war in ganz Göllheim kein Haus, das nicht im Glanze der Kerzen oder buntfarbigen Lampions gestrahlt hätte. Es war ein Friedensfest der Thora im schönsten Sinne. Niemand wußte in Göllheim etwas von Haß gegen Juden. So lange man denken konnte, hatten sie ungestört ihren religiösen Verpflichtungen obgelegen, ja, man folgte diesen religiösen Verrichtungen oft mit einer gewissen neugierigen Scheu; so regte sich in der Gasse, in welcher die Synagoge gelegen war, kein Laut, wenn am Vorabend der „langen Nacht," wie die christlichen Mitbewohner den Jom-Kippur nannten, die Fenster des Gotteshauses in hellem Kerzenschimmer erstrahlten und aus dem geweihten Raum die Versöhnungsgesänge hinaustönten in die finstere Nacht. Und wenn die frommen Beter heimgegangen waren, dann trat wohl unter die neugierige christliche Kinderschaar, welche einen Blick in das erleuchtete Heiligthum thun wollte, auch mancher Erwachsene, und schaute ehrfürchtig, ernsten Antlitzes auf die weißbehangencn Bänke, und folgte verwundert den goldenen Schriftzügen auf dem weißseidenen Vorhang, der die heilige Lade geheimnißvoll bedeckte. An der Hauptstraße, welche sich mitten durch Göllheim zog, lag ein kleines Haus, etwas eingerückt, nicht in einer Linie mit den übrigen Häusern. Es war das Haus des Spezereiwaarenhändlers Seligmann Feist. Ueber dem zu ebener Erde gelegenen Laden befand sich ein einziges Stockwerk, welches der Familie Feist als Wohnung diente. Ueber eine gerade Treppe, welche dicht hinter der Hausthüre lag. konnte man direct zur Wohnung gelangen, während auch vom Innern der Ladens eine kleine Wendeltreppe die Verbindung mit dem oberen Stockwerk herstellte und es dem Verkäufer ermöglichte, ohne Umweg und Zeitversäumniß sich den Kunden zur Verfügung zu stellen. Seligmann Feist war nicht von Beruf Kaufmann. In seiner Jugend hatte er ein Lehrerseminar besucht und auch mit glänzendem Erfolge absolvirt. In Theorie und Praxis war er ein vorzüglicher Pädagoge gewesen, trotzdem er die Praxis des Unterrichts nur ganz kurze Zeit, etwa zwei Jahre hatte ausüben können. Ein starkes Augenübel und eine schwächliche Konstitution, die den Anstrengungen und Aufregungen des Lehrerberufes nicht gewachsen war, zwangen ihn bald, einen Beruf aufzugeben, an dem er doch mit allen Fasern seines Herzens hing und der seines Lebens einzige Freude zu werden versprach. Schweren Herzens entschloß sich Feist, sich einem Berufe zuzuwenden, für den er nicht nur keinerlei Neigung verspürte, sondern für den ihm auch die wichtigsten Vorkenntniffe fehlten. Man konnte sich keinen für den geschäftlichen Beruf ungeeigneteren Menschen denken als Seligmann Feist, und wer weiß, ob nicht das kleine Kapital, welches sein Schwiegervater ihm mitgab, durch die völlig unkaufmännische Geschäftsführung Feift's ausgezehrt worden wäre, wenn sich ihm nicht in der Person seiner Gattin der bequemste und zuverlässigste Compagnon dargeboten hätte. Hannchen Feist war mitten in einem lebhaften Detail-Geschäft ausgewachsen, sie hatte im Hause ihres Vaters tüchtig zugreifen gelernt und entfaltete eine Umsicht und eine Arbeitskraft, die man dem kleinen Frauchen gar nicht zugetraut hätte. So ward sie für Seligmann Feist ein Rett-ngsengel und ersetzte ihm vollauf all die kaufmännischen Fähigkeiten, welche ihm selbst völlig abgingen. Ja, sie wurde nun auch seine Lehrerin, sie unterrichtete ihn im Führen von Büchern, wobei ihm selbst wieder seine schöne Handschrift zu statten kam, sie zeigte ihm, wie man die Kunden behandeln müsse, daß sie treu blieben, wie man Einkäufe abschließc, neue Artikel zum Absatz bringe: so ward er allmählich routinirter und versprach, sich im Laufe der Zeit völlig einzuarbeiten. Mitten in einem solchen Leben, welches ihn in den ersten Jahren seiner Ehe vollständig in Anspruch nahm, — galt es doch, sich einen gesicherten Lebensunterhalt zu schaffen - mußten die zahlreichen Kenntnisse, welche Seligmann Feist auszeichncten, mehr oder weniger verkümmern. Lagen doch die Dinge, auf welche diese Kenntnisse sich bezogen, so weit ab von all den geschäftlichen Interessen, welche ihn jetzt erfüllten! Seligmann Feist hatte sich während seiner Studienjahre ein großes Wissen angeeignet; Pädagogik, welche er wissenschaftlich betrieb, Naturgeschichte und — Thora waren seine Lieblingsfächer gewesen und in allen dreien hatte er sich allmählich einen Grad des Wissens erworben, der weit eher dem Standpunkt eines akademisch Gebildeten, als dem eines einfachen Seminaristen entsprochen hätte. Tr verstand, mit Kindern umzugehen, sie an sich zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.