Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1899)
- Date
- 1899-03-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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448 Esther, im Gebeiritual (illuminirte Machsorim), in den Hagadahs und KethubahS, sowie in den verschiedenen Gesetzeskompendien und Bibelkommentaren eingehend sich äußert. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen Deutschland. 8. Berlin, 14. März. Im Alter von sechsundsiebzig Jahren ist in der Nacht von gestern zu heute Herr Prof. Hajim Steinthal seinen längeren Leiden erlegen. Geboren am 16. Mai 1823 zu Gröbzig (Anhalt), studirte er von 1843—1849 in Berlin Philologie und Philosophie und habilitirte sich i. I. 1850 an der hiesigen Universität, wo er Vorlesungen über Sprachwissenschaft hielt. Seinen Gelehrtenberuf begründete er mit dem i. I. 1855 erschienenen, gegenwärtig in vierter Auflage vorliegenden Werke „Der Ursprung der Sprache," dem dann in kurzer Zeit eine reiche Fülle von linguistischen und psychologischen Schriften folgten. Seit 1860 gab er mit seinem Schwager Prof. Lazarus die Zeitschrift für Volker-Psychologie und Sprachwissenschaft" heraus. Im Jahre 1863 wurde er zum außerordentlichen Prof.ssor ernannt. Daß der V'rblichene auch auf jüdisch-wissenschaftlichem Gebiete eine ausgedehnte Thätigkeit entfaltete und seit Begründung der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" (1872) an derselben Religionsphilosovhie und Exegese lehrte, ist bekannt. Auch diejen'gen, welche seinen religiösen Standpunkt bekämpften, anerkannten, wie ein Berliner jüdisches Blatt bemerkt, die Lauterkeit seiner Gesinnung und die Meisterschaft seiner populären Darstellungskunst. 17. März. Steintbal ist heute Mittag zur Ruhe gebettet worden und die Beerdigung gestaltete sich zu einer großen Trauerkundgebung. Die geräumige, aufs Würdigste geschmückte Leichenhalle erwies sich als viel zu klein, um die große Zahl der Leidtragenden zu fassen, die ein ehrendes Zeugniß für die große Liebe und Werthschätzung ablegte, deren sich der Verstorbene in weitesten Kreisen zu erfreuen hatte. Besonders zahlreich war die Betheiligung aus der Gelehrtenwelt. Die Universität wurde durch den zeitigen Rektor Herrn Geheimen Medizinalrath W a ldeyer und den Dekan der philof. Fakultät Herrn Professor Schwartz offiziell vertreten : von der pbilos. Fakultät waren außerdem erschienen die Herren Prof. P a u l s e n, Johannes S ch m i d t, O p p e r t, Tobler, Weber und der Privatbozent, der bekannte Göthebiograph Dr. Richard M. Meyer, von der technischen Hochschule Herr Professor Kalischer. Die Universität Basel hatte Herrn Professor Joel, die Universität Bern Herrn Professor Stein entsandt, aus Marburg wohnte Herr Geheimer Regierungsrath Prof. Cohen, aus Bremen Herr Prof. A ch e l i s, zwei Schüler Steinthals , der Feier bet. Den Deutsch - Israelischen Gemeindebund vertrat Herr Professor Phffippson, den von Steinthal mitbegründeten wissenschaftlichen Centralverein und die Humboldtakadem'e Herr Landtagsabgeordneter Dr. Max Hirsch. Das Kuratorium, Lehrerkollegium und die Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des JudenthumS waren vollzählig erschienen, um ihrem Lehrer das letzte Geleit zit geben, auch die Lehrkräfte der hiesigen jüdischen Knaben- und Mädchenschulen hatten sich zahlreich eingefunden. Vom Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde toaren die Herren Rechtsanwalt Dr. Fuchs, Julius Jacoby und Martin Simon, von Repräsentantenkollegium die Herren Dr. Minden, Albert Philipp Meyer, Leonhard Sachs, Willibald Löwrnthal und Prof. Blafchke zugegen. Von dm Studentischen Korporationen hatte! der Akademische Verein für jüdische Litteratur und Wissenschaft vier Chargierte, welche die Vereinsfahne mit sich führten, entsandt, ebenso war die Vereinigung jüdischer Studierender durch eine Abordnung vertreten. Wir bemerken ferner u. A. die Herren Geh. SanitätSräthe Dr. Marcuse und Neumann. Aus der Rede des Herrn Rabbiner Dr. Maybaum die uns unser Herr Corresvondent, ebenso wie die Reden der Prof. Dr. Philipson und Dr. Joseph, im Wortlaut einfendet, fei als besonders charakteristisch folgender PassuS erwähnt: „Sein Glaube war mit ibm hindurchgegaugen durch alle die verschlungenen Wege der Forschuna und des Zweifels, und er batte dabei nur gewonnen an beseligender Lust und Innigkeit. Das war freilich kein Glaube an äußere Autorität, an Buchstabe und Satzung, sondern ein Glaube an den Gott in der Menschenbrust und in der Geschichte, an den Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, in dem wir leben und weben, an den Gott, der uns durchleuchtet durch seinen Geist und uns läutert durch seine Liebe." Bei solcher Geartung war es nur natürlich, daß er sich mit ganzem Herzen seiner Glaubensgemeinschaft anschloß, daß er Jahrzehnte lang in dem Schul- und Talmud-Thoravorstand unserer Gemeinde eine hervorragende Thätigkeit entfaltete, daß er in der Lehrabtheilung des Deutfch-JSraeli'tiscken Gemeindebundes als Vorsitzender die Arbeiten überwachte, und daß er in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentbums, der er seit seiner Begründung als Lehrer angehörte, bibelkritisbe u. religionsphilosophische Vorlesungen hielt. Mancher freilich, der den großen Gelehrten, den Erforscher der ursprünglichsten Reaungen des Menschengemüths und der dunklen Gesetze des geschichtlichen Werdens, an den hohen Festtagen in der Synagoge beobachtete, wie er in früheren Jahren, in den Gebetmantel gehüllt, nicht nur der Predigt, sondern auch dem Vortrage der Gebete bis zum Schluffe des Gottesdienstes andächtig lauschte, mochte meinen, daß in ihm zwei Seelen wohnen, die ihn abwechselnd beherrschen. Allein, was anderen Menschen unvereinbar erschien, mußte es darum noch nicht für ihn sein. —. —. — Wie Jemand ohne Glaube an Autorität, Buchstabe und Satzung ein Schul- und Talmud-Thora-Vorstand sein kann, wie Jemand die Jnspection des Religionsunterrichts in den Hunderten kleiner Gemeinden die von dem Deutsch- Jsr. Gemeindebunde unterstützt werden, leiten kann, bas ist allerdings etwas, was anderen Menschen unvereinbar erscheint 'Rack Herrn Dr. Maybaum sprachen noch Herr Professor Dr. Philippson namens deS Deutsch-Israelitischen Genkeindebundes und Herr Dr. Joseph im Aufträge der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums. Colmar i. E., 14. März. Mit Beginn des nächsten Schuljahres wird die hiesige Rabbiner-Vorbereilungsschule, die bis dahin unter der segensreichen Leitung des Directors Dr. Wolf stand, eingehen und zwar nicht aus Mangel an Geldmitteln. Vielmehr haben unsere vereinigten Konsistorien ztl dieser Maßregel gegriffen, um weniger glaubenstreue Rabbiner im Lande zu haben, da in letzter Zeit die Schüler des Herrn Dr. Wolf ausschließlich ins Hildesheimersche Rabbinerseminar eintraten. Ob damit erreicht wird, was die Herrn wünschen, das mag uns die Zeit lehren. Doch wehe der Judenheit, die von derartigen Körperschaften geleitet wird. Die glaubenstreuen Israeliten mögen darum bei den nächsten Konsistorialwahlen vorsichtiger sein und nicht immer solche reiche Leute wählen, die nur hie und da sich