Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1899)
- Date
- 1899-03-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2448976--47937-2498311- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
449 durch Wohlthätigkeit etwas auszeichnen, sonst aber dem Glauben ihrer Väter vollständig entfremdet sind. Mannheim. Vor einigen Tagen wurde hier Hauptlehrer a. D-, Michael Rothschild zur Erde bestattet. Derselbe wirkte früher in Hemsbach als Cantor und Lehrer und kam hierher an die Volksschule, wo er volle 36 Jahre als Lehrer wirkte, gleichzeitig auch in der Klause beschäftigt. Vor seiner Pensionirung wurde er von Seiner Kgl. Hoheit dem Großherzoge dekorirt und der die Medaille auf dem hiesigen Rathhause überreichende Kreisschulrath von Heidelberg konnte zu seinem Ruhme die Worte sprechen, daß aus den Akten das Leben Rothschilds am deutlichsten zu erkennen sei, denn er besitze von ihm nur zwei Schriftstücke: einen Heimaths- und einen Candidatenschein, so wacker habe er sich gehalten. Herr Stadtrabbiner Dr. Steckelmacher hatte seiner Gedächtnißrede die Verse des vorhergehenden Wochenabschnitts : «nai njisra norm v'pbx m inx k'wi 1^2 }n: zu Grunde gelegt und schilderte das Leben Rothschilds in durchaus wahrer Weise. Sein Andenken wird seinen vielen Schülern und Freunden immer ein treues bleiben.? Potsdam. Das hiesige Stadtverordneten- Kollegium verhandelte am Freitag, den 10. März, über einen Antrag: „der fortgesetzten Thierquälerei des Schächtens im städtischen Schlachthause dadurch ein Ende zu bereiten, daß das Schächten verboten wird und jeder Schlachtung eine Betäubung durch Kopfschlag oder durch Schlagmaske vorausgehen muß." Gestellt war der Antrag von dem Reichstagsabgeordneten Pauli, bekanntlich halb conservativ, halb antisemitisch, dem Kaufmann Fröhlich, der sich als reiner Antisemit einen Ruf erworben hat, und neun anderen Stadtverordneten. Allein schon vor Anfang der Tagesordnung zogen drei derselben ihre Unterschriften unter dem Antrag zurück. Conditor Hermann und Fabrikbesitzer Baumgart machten geltend, daß Fröhlich ihre Unterschriften gewonnen hätte, indem er ihnen vorgeredet habe, die Angelegenheit ginge vom Thierschutzverein aus, da dies aber nicht der Fall sei, so zögen sie ihre Unterschriften zurück. Dasselbe that der prakt. Arzt Dr. Masius, weil er sich überzeugt habe, daß das Schächten keine Thierquälerei sei. Bei Beginn der Verhandlung bemühte sich Stadtverordneter Fröhlich nachzuweisen, daß das Schächten gar kein Gebot der jüd. Religion sei und behauptete, daß ihn nur Mitleid mit den Thieren, keine antisemitische Gesinnung zu seinem Anträge bewogen habe. Diese seine Behauptung strafte er aber sofort selbst Lügen, denn er erlaubte sich so heftige Angriffe gegen die Juden und die Minister, daß er zur Ordnung gerufen wurde. Stadtrath Knacker gab hierauf die Erklärung ab, daß schon aus formellen Gründen der Antrag abzulehnen sei, weil das Schächtverbot Sache der Polizei wäre, die Minister des Kultur und der Innern auch eine Aenderung anderwärts abgelehnt hätten. Oberbürgermeister Höhne bedauerte, daß der Antrag mit Thierquälerei motivirt sei; denn nach der Betriebsordnung des Schlachthofes sei solche ausgeschloffen, obwohl die jüdische Schlachtmethode gestattet ist. Als Rechtsanwalt Friedländer das Wort erhält, kommt es zu einer heftigen Szene, denn Maurermeister Enders protestirt dagegen, daß ein Jude bei dieser Debatte reden dürfe, da ein solcher interressirt und befangen erscheine. Die Versammlung beschließt indeffen, Friedländer reden zu lassen, worauf Enders demonstrativ den Saal verläßt. Friedländer wendet sich nun energisch gegen Fröhlich und bedauert auch, daß sich Gymnasialdirector Walter an diesem antisemitischen Vorgehen betheiligt habe. Derselbe hätte auch den Anschein vermeiden müffen, als huldige er dem Antisemitismus, schon mit Rücksicht auf die zahlreichen jüdischen Schüler, welche das von ihm geleitete Realgymnasium besuchen. Dr. Friedländer beantragt alsdann Uebergang zur Tagesordnung, Fröhlich dagegen Kommissionsberathung. Mit überwiegender Majorität beschloß alsdann die Versammlung zur Tagesordnung überzugehen, womit der antisemitische Antrag beseitigt ist. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. (Sitzung des Vorstandes der israelitischen Cul tusgemeinde vom 19. Februar.) Nach Verlesung der Einläufe macht der Präsident die Mittheilung, daß ihm unmittelbar vor Beginn der Sitzung, Herr Emanuel Baum« garten namens eines ungenannt sein wollenden Wohlthäters 100.000 Kronen 4procentiger ungarischer Kronenrente mit Coupons vom i. Juni 1899 und einen Baarbetrag von 700 fl. zum Baue eines Kinderspitales übergeben habe. Ueber die Verwendung dieser hochherzigen Spende liegt ein Begleitschreiben und ein die Grunvzüge für die Einrichtung eines solchen Spitals enthaltendes Promemoria vor, letzteres ddo. Wien, 14. Dezember 18^8, gezeichnet von Dr. Adolf Popper, Kmoerarzt. Der Präsident erklärt, daß er namens des VorstandeS dem ungenannt sein wollenden Wohlthäter und dem um die Wiener israelitischen Cultusgemeinde vielfach verdienten Ueberbringer dieser Spende, Herrn Emanuel Baumgarten, den wärmsten Dank ausgesprochen, jedoch bei Uebernahme des Betrages, unter Zustimmung des Ueberbringers protokollarisch festgeftellt habe, daß die Errichtung eines Kinderspitales dermalen nur als ein Wunsch bezeichnet werden könne, deffen seinerzeitige Realisirung von dem Vorhandensein der für die Errichtung und Erhaltung