Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1899)
- Date
- 1899-03-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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■nsyw,. i .*& 1 ^|.JW^PPPWPISBfPliSS^BBP!! WWWMWMWW 448 Deflerr.* Ungar. Monarchie. Wien, 16. März. (Zum Arbeiterelend Ln B o r y s l a w.) Vor einigen Tagen ist hier eine Deputation der jüdischen Bergarbeiter aus Boryslaw, bestehend aus den Arbeitern Josef Goldhammer, Josef Mehler und Bernhard Friedländer, angekommen. Dieselbe begab sich zuerst zu Dr. S. R. Landau, Mitarbeiter von Dr. Blochs Wochenschrift, um demselben für die publizistische Vertretung ihrer Jnteresien zu danken. Sie überreichten ihm gleichzeitig eine Denkschrift, in der sie den ganzen Jammer ihrer Existenz mit schlichten, einfachen, aber rührenden Worten schildern. Man kennt das Elend dieser Leute, die keine Gnade und kein Almosen verlangen, die starke Arme haben und ein Fach verstehen, die aber keine Arbeit finden und daher buchstäblich am Hungertuche nagen. Es mögen hier die wichtigsten Stellen zur vollen Charakteristik der unglaublichen, entsetzlichen Verhältnisse in Boryslaw wiedergegeben werden: „Wir jüdische Arbeiter und Aufseher waren gewöhnt, schwer zu arbeiten, wie keine Arbeiterklaffe in der Welt; wir haben ehrlich unser Brot verdient, die Aufseher 20—30 Gulden, die Wäscher und Steineträger IO—15 Gulden wöchentlich. Aber jetzt sitzen wir schon seit Monaten ohne Arbeit. Die christlichen Banken und Bergbehörden gewähren uns gar keine Unterstützung und die Boryslawer Gemeindevertreter, wohlhabende Leute, sind unserer Noth gegenüber ganz unempfindlich. Wir sind keine Bettler, wir wollen Arbeit und scheuen gar keine Arbeit, um uns ehrlich Brot zu verdienen. Die Verzweiflung treibt uns in die Welt hinaus, da wir nicht mehr das Geschrei unserer Kinder hören können, die nach Brot rufen, ohne daß wir es ihnen geben. Wir haben nichts mehr zu verkaufen oder zu verpfänden, stehlen oder rauben können wir nicht, und so suchen wir Arbeit und noch einmal Arbeit. Diese bekommen wir aber von den Christen in Boryslaw nicht, denn diese beschäftigen blos Christen. Wohin sollen wir uns also wenden, wem sollen wir unser Leid klagen und von wem Hilfe erbitten? .... In der Welt gibt es noch Juden mit menschlichem Empfinden, und sie mögen uns helfen; wir bitten und schreien um ihre Hilfe!" Diese Denkschrift ist unterfertigt von den Boryslawer Vereinen „Gmilos Chesed," „Ojse Chesed," „Ahavas Zion" und den Rabbinern Hirsch Luftmann und Moses Rokeach. Sie enthält im Anschluß eine Liste der arbeits- und somit brotlosen Familien. Die Zahl derselben beträgt 218, die Seelenzahl 847. In einer Rubrik „Bestimmungsort," wohin die Arbeiter am liebsten befördert werden möchten, weil sie dort eine Besierung ihres Looses erwarten, finden wir hauptsächlich Amerika, dann Wien und Budapest. Wie die Deputation berichtet, hätten sogar die meisten Arbeiter nicht übel Lust, sich nach Wien zu — Fuß zu begeben; in ihrer Verzweiflung und Rathlosigkeit bleibe ihnen nichts anderes übrig. Die Deputirten, stämmige Gestalten, erklärten uns mit Thränen in den Augen, daß sie gar nicht nach Hause kommen können, wenn sie keine günstigen Nachrichten mitbringen. Die Ostern stehen vor der Thür und ihre Berufs- und Leidensgenosien haben nicht einmal Mazzes; zu Ostern heißt es, den Zins für ein Jahr bezahlen, sonst verlieren sie sogar das Obdach. Heute wird die Deputation bei verschiedenen Persönlichkeiten vorsprechen, darunter auch bei Herrn David von Gutmann, daß er den Boryslawer Arbeitern, hundert Familienvätern in seinen Ostrauer Kohlengruben Arbeitsgelegenheit verschaffe. Die Deputation beklagt sich bei Herrn von Gutmann über deffen Bergrath, der nach Boryslaw geschickt, um dort die tüchtigsten Arbeiter „zur Probe" auszusuchen, lediglich bei den christlich.» — es gibt in der Umgebung von Boryslaw auch jüdische — Baudirektoren, die den jüdischen Arbeitern prinzipiell keine Arbeit geben wollen, Informationen einholte, und dann nach Hause mit der Botschaft zurückkehrte, die jüdischen Arbeiter seien unfähig und wollten nicht am Samstag arbeiten. Wir unserseits fetzen unsere Hoffnung vor Allem auf die „Jewish Colonisation Association" in Paris, die allein in der Lage wäre, das Elend der Arbeiter nicht blor zu mildern, sondern ihnen auch eine menschenwürdige Existenz zu verschaffen. Die Zeit drängt und hoffentlich wird dies auch recht bald die „Jewish Colonisation Association" in ihrem bewährten Pflichtgefühl in Betracht ziehen. Für den Augenblick jedoch und angesichts der herannahenden Feiertage mögen aber edle und wohlthätige Menschen an die Roth und das Elend, in die fast tausend jüdische Seelen schuldlos, lediglich durch eine Verordnung der Krakauer Bergbehörde und antisemitischen Amtszöpfe gestürzt wurden, gedenken. Lemberg. Die Vorgänge in Galizien lenken bereits die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Die Lage der dortigen Juden ist zu einer Kalamität geworden, die schleunige Abhilfe dringend erheischt. In seinem Buche „Das Elend Galiziens in Ziffern", hat M. SzczcpanowSki 26 Seiten der Judenfrage und dem Antisemitismus gewidmet. Es seien hier die markantesten Stellen wiedergeben. „Was den Antisemitismus betrifft, so ist er ein wichtiges Symptom der Rückkehr zu jener Barbarei,