Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1899)
- Date
- 1899-03-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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440 denheit mit dem, was Gottes Wille uns darbietet, Genügsamkeit in Allem, was wir erstreben und besitzen, Demut und Bescheidenheit in unsern Wünschen und Hoffnungen — Das ist der größte Reichthum, das gewährt den schönsten Seelenfrieden, das erfrischt Herz und Gemüth, das ermuntert zum unausgesetzten Fortschreiten, zu steter Vervollkommnung. Du blickst neidisch auf den Besitz Deines Nachbars, der Dir von Glücksgütern gesegnet zu sein scheint. Du siehst aber nur die glänzende Außenseite, Du urtheilst nach dem Schein, Du gewahrst nur den schillernden Glanz, das blendende Sonnenlicht — aber Du beachtest nicht die Sonnenflecken: Du schaust nicht den gestörten Seelenfrieden des Reichen, die Sorgen und den Kummer, die dahinschleichen und die nur mit Aufbietung aller Kräfte das Flittergold beschönigen, durch welches die neidischen Blicke der Nebenmenschen getäuscht werden sollen. — Du siehst wohl die nxv die außen sich befindet, aber der “ne der im Innern sich ausgebreitet hat, entzieht sich Deinen Blicken. Darum beachte das "pia und Du wirst wieder zufrieden mit Dir selbst und ausgesöhnt mit Deinem Geschick. 3. nxc ine — Freiheit und Knechtschaft — wie stark sind diese Gegensätze im Menschendasein. Die ganze moderne Welt, die ganze heutige Gesellschaft, das ganze soziale Leben ist ein Wiederspiel der Gegensätze von Knechtschaft und Freiheit, von Armuth und Reichthum, von Besitz und Besitzlosigkeit, von Kapital und Arbeit, von Neberfluß und Mangel. Die große soziale Frage wäre gelöst, wenn wir wüßten, wie diese Gegensätze auszugleichen sind, auf welche Weise Zufriedenheit und Genügsamkeit in alle Kreise der menschlichen Gesellschaft getragen werden können. Die Lösung ist aber durchaus einfach, sie kann mit einem einzigen kleinen Wort bezeichnet werden. Dieses einzige kleine Wort heißt "p's — Vereinigung, Verbindung. Der Reiche muß mit dem Armen sich verbinden; der Besitzende muß den Besitzlosen Iheilnehmen lasten an dem, was ihm als Ueberfluß in den Schoß fällt; der Arbeitgeber muß des Arbeiters Loos erleichtern helfen durch Theilnahme an Wohlfahrtseinrichtungen, die darauf abzielen, die Sorgen des Lebens und den Kampf ums Dasein auf ein möglichst geringes Maß zu beschränken, den durch Unglück und Mißgeschick Gebeugten aufrecht zu halten, den durch die Last der Jahre Gedrückten oder von Krankheit Heimgesuchten zu unterstützen, daß er nicht unterliege und verzweifle. Jsraelite! wenn Du vom Glück begünstigt bist, wenn Deine Unternehmungen von erwünschtem Erfolg begleitet sind, wenn der allgütige Gott Dich gesegnet hat und Dein irdischer Besitz in ungeahntem Umfang sich vermehrt und vergrößert — dann nimm Deine Bibel zur Hand und lies die Mahnung, die für ewige Zeit dort eingezeichnet ist und die da lautet: pxs iw -oy »a rroti onato Gedenke stets, daß Du einst Sklave gewesen im Lande Mizrajim; gedenke Deiner Geschichte, Deines Ursprungs, Deiner leidensvollen Vergangenheit — und Du wirft nimmer Desjenigen vergessen, der geknechtet ist, gedrückt und geplagt; Du wirft stets Hinschauen auf seine schwieligen Hände, die von harter Arbeit zeugen, auf seine gramdurchfurchten Wangen, die von schweren Sorgen erzählen, Du wirst mitleidsvoll Hinblicken auf den Elenden und Düritigen, der das '29 erb das Brot der Armuth genießen muß, das die bitteren Kräuter nur schwach verbirgt. O gieb diesen Armen von Deinem Ueberfluß, gieb ihm in freundlicher, wohlwollender Weise, zeige Dich ihm als Bruder und Freund, verbinde Dich mit ihm ebenso, wie nxv und *niö verbunden werden. 4. Wenn aber auch auf die eben angedeutete Weise die Probleme des Lebens noch nicht vollständig gelöst werden, wenn auch noch manche Frage einer Antwort harrt, so bescheiden wir uns in dem Bewußtsein, daß dasjenige, was die Gegenwart als großes Fragezeigen stehen läßt, der Zukunft zur Lösung übergeben wird. Israel mit seinen Goltesgedanken und seinen Freiheitsideen, Israel mit seiner unvergleichlichen Geschichte, Israel, das in Mizrajim geknechtet war und in Kanaan als freies Volk sich entwickelt hat — Israel ist berufen, jene Zukunft herbeizuführen, die alle Räthsel lösen wird. Und wir werden diesen unseren Beruf erfüllen, wenn wir den Zusammenhang mit der Vergangenheit nicht aus dem Auge verlieren, bbna vnpab -dt — Wenn wir an den heiligen Sederabenden verständnißvoll einen Brauch üben, der uns an das alte Heiligthum, an den alten Tempel erinnert, der unsere herrlich strahlende Vergangenheit uns ins Gedächtniß zurückruft; wenn wir im treuen Zusammenhang uns wissen mit den Ueberlieferungen unserer Ahnen, wenn wir als unabweisliche Pflicht es betrachten -ibkj» no ö”p*> Das zu halten, was geschrieben steht: Dann wissen wir auch und leben der vollen Ueberzeugung, daß der Zionstempel sich einstens wieder erheben wird in der alten Gottesstadt und daß die Völker dahin wallen werden, um in den Staub sich niederzuwerfen zur Anbetung des einzigen wahren Gottes. Dann „singen wir dem Ewigen, denn Hohes hat er vollbracht und es wird dieses kundgethan auf der ganzen Erde; jauchze und juble Bewohnerin Zions, denn groß in Deiner Mitte ist der Heilige Israels."