Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 22 (16.3.1899)
- Date
- 1899-03-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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417 Tages traf ich auf dem Fleischmarkte eine ganze Schaar solcher Bettler, gegen dreißig Mann. Vor und hinter ihnen schritten Polizisten. Ich fragte, was jene verbrochen hätten, und ich erhielt zur Antwort, daß sie gebettelt hätten. So wußte ich denn, daß es in Moskau gesetzlich verboten ist, um Almosen zu bitten, obschon in jeder Straße und Gaffe in dieser Stadt eine ganze Anzahl von Bettlern anzutreffen ist, und zur Zeit des Gottesdienstes, namentlich aber bei Begräbniffen, die Kirchthüren von denselben schaarenweise umstanden werden. Weshalb aber werden die einen verhaftet und irgendwo eingesperrt, die anderen dagegen weiter in Freiheit gelaffen? Das konnte ich durchaus nicht begreifen." Der Jude, der seine alten Zedokoh- und Gemillus-Chesed-Jdeale in der Gegenwart sucht, findet sie leichter und sicherer bei dem christlichen Grafen Tolstoi, als bei diesen deutsch-israelitischen Bundes- Prinzipien. Man kann sich denken, daß die Antwort aus die Frage: „Was sollen wir also thun?" bei dem christlichen Grafen eine viel jüdischere ist, als bei der Armen-Commission des Deutsch-Israelitischen - Gemeindebundes. Während die Weisheit und Fürsorge des letzteren in dem Ruse nach der Polizei und der nächsten Bezirkswache gipfelt, möchte der christliche Graf auch die Polizei für seine Menschenliebe gewinnen! Graf Tolstoi hat der Beantwortung dieser Frage ein ganzer Buch gewidmet, das viel, viel Beherzigenswerthes enthält. Er kommt zu dem Resultat, daß jeder Wohlhabende, der sich in ernste Selbsterziehung nimmt, seinen Beitrag zur befriedigenden Lösung dieser Frage beisteuert, und daß es keine Armenfrage mehr geben wird, wenn erst alle Wohlhabenden den goldenen Winken folgen, die er in seinem trefflichen Buche giebt. Leider gestattet es der Raum nicht noch größere Auszttge aus demselben zu bringen. Anknüpfend an diese harten Maßregeln des D. I. G.-B. har der Begründer dieser Blätter schon vor 26 Jahren dieselbe Frage gestellt. Er hat speciell den Wanderbettel mit seinen betrübenden Auswüchsen an der Hand der reichen Erfahrungen geschildert, die ihm wie wenigen sonst zu Gebote standen, und frägt dann: „Was aber ist gegen diese Calamität zu thun?" „Die sogenannten Unterstützungsvereine erfüllen ihre Zwecke nur in den seltensten Fällen; meistentheils gehen sie daran zu Grunde, daß sich Niemand findet, der das mißliche und zeitraubende Geschäft eines Almoseniers zu übernehmen bereit ist." „Trotz der Gaben der Unterstützungsvereine wird der Hausbettel doch nicht aufhören. Die drakonischen Verordnungen des Gemeindebundes werden hoffentlich bei B’JDim o*»m, bei erbarmungSvollen Israeliten und Israelitinnen keinen Anklang finden." „Was also ist dagegen zu thun?" „Nichts anderes als diese Calamität zu ertragen, in der Freude, geben zu können, im Hinblicke auf den, der gesprochen pxn mpc pnx ‘hit »b '2, „es wird an Armen nie fehlen." Mit Gewaltmaßregeln ist gewiß nichts dagegen zu thun; den Rath, nichts zu geben, werden sicherlich die Nachkommen Abrahams nicht befolgen." „Solange in Folge der seit Jahrhunderten herrschenden Zustände, die eine exceptionelle Gesetzgebung hervorgebracht hat, die Israeliten in Rußland und Polen Schaaren von Bettlern heraussenden werden, solange muß man sich demgegenüber in Geduld faffen. Aber auch in Rußland ändern und bessern sich die Zustände unserer Glaubensgenossen in Folge der stets liberaler werdenden Gesetzgebung von Tag zu Tag; auch dort wird in Folge der erleichterten Ansiedelung die große Zahl der heimathlosen Bettler sich allmählich verringern — die meisten von ihnen werden nützliche Familienväter werden." „Die meisten von denen, die an uns vorüberziehen, kehren nicht nach Rußland zurück. Sie gelangen großentheils nach England, wo sie sich dauernd niederlaffen. Was thun die englischen Glaubensgenoffen gegen diese furchtbare Belastung? Sie unterstützen die Armen und geben ihnen Nahrung und Kleidung; sie nehmen ihre Kinder in die Feeischulen auf und geben ihnen Unterricht, Kost, Kleidung, Bücher und Schreibmaterialien; sie suchen die Erwachsenen in Sabbat- und Sonntagsschulen zu bilden und ihnen dadurch den Erwerb zu erleichtern. Niemals aber rufen sie die Polizei oder die Sicherheit»- wache zu Hilfe." Hier hätten wir auf eine und dieselbe Frage die Antwort eines Christen, eines Juden und einer Commission von Deutsch Israeliten. Die Antwort der Christen ist in ihren Motiven und Zielen edel, aber ihre Verwirklichung scheitert eben an ihrem Hochsinne, weil dieser leider nicht allen Wohlhabenden eigen ist. Die jüdische Antwort Dr. Lehmanns b-» fließt aus denselben edlen Erwägungen, aber sie hat den Vorzug, daß sie nicht nur ausführbar ist, sondern auch von ungezählten jüdischen Herzen und Händen seit Jahrtausenden bi» aus den heutigen Tag praktisch bethätigt wird. Die Deutsch-Israelitischen Gemeindebund-Vorschläge wollen die Armen ab fertigen mit Hilfe unmenschlicher Hartherzigkeit und der Polizei! Unsere Alten würden in ihrer präcisen Kürze vielleicht von Tolstei sagen: onsn dw new mn vurcs von der Lehmann'sche Antwort: onan new rran nur« und von dem Deutsch-Israelitischen Gemeinoebunoe: .b'Wi or« ntw man vwra