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Der Israelit · 1899-03-13 · Heft 21 (13.3.1899) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 21 (13.3.1899)
Date
1899-03-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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MWWW 403 An der Bahre hielt Se. Ehrwürden Herr Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld eine Leichenrede, in welcher er sein vorzügliches Rednertalent enfaltete und wie sie in Prag noch selten gehört wurde. England.? London. Ein edler Christ, Robert Macfic, von Airdtz und Oban, hat eine Summe von 100 000 Mark hinterlasien, welche seine Testamentvollstrccker für arme Juden verwenden sollen. In einem Codizill sagt der Erblasier: „Ich habe große Sympathie mit jenen armen Juden, die von mißgeleiteten Autokraten in Europa verfolgt werden, welche glauben, daß ihnen die Macht gegeben ist, die Welt nach ihrem Wunsch zu ändern, die eine Einöde schaffen und dies Frieden nennen." Dieser Sympathie mit den verfolgten armen Juden hat der Erblasier durch sein Testament einen schönen Ausdruck gegeben. Rußland. Petersburg, 2. März. (Juden und Ausländer in Rußland). In Rußland giebt es offiziell keinen Antisemitismus, wie überhaupt auch keine Parteien. Der absolute Zar umfaßt, wie seine Gouverneure bei Festreden behaupten, alle seine getreuen Unterthanen mit gleicher Liebe, und der „schützende Schatten der russischen Gesetze ist für alle gleich ohne Unterschied von Stand und Religion. Je eifriger aber das amtliche Rußland irgend etwas in Abrede stellt, desto furchtbarer ist es gewöhnlich in Wirklichkeit vorhanden. Es genügt nicht, daß die für alle gleichen Gesetze sich unter der Hand in Ausnahmegesetze für die Juden verwandeln, in die sogenannten Bestimmungen über das Ansiedelungsrecht der Unterthanen jüdischen Glaubensbekenntnisses, sondern die ganze Administration, beginnend mit dem kleinen Kanzleischreiber und endigend mit den Spitzen der Centralregierung, ist eifrig bemüht, diese Ausnahmegesetze noch in der Praxis zu verbessern oder sie zu einem O.uell nie versiegender Einnahmen zu machen. Welche Steuerschraube ohne Ende ist nicht z. B. in den Händen eines intelligenten Polizeibeamten die Bestimmung, daß jüdische Handwerker das Recht haben, überall im Reiche zu wohnen! Wenn ein solcher Handwerker einmal auch nur einige Tage ohne Arbeit ist, so hindert die Polizei nichts an der Annahme, daß der Jude R. N. sich nur Handwerker nennt, in Wirklichkeit aber sein Handwerk nicht ausübe und daher der Ausweisung nach dem jüdischen Ansiedelungsrayon unterliege. Der Hof selbst fördert einengende Maßregeln der Beamtenschaft gegen die jüdische Bevölkerung in jeder Weise. So ist uns z. B. bekannt, daß noch Zar Alexander III. den Oberst Wlasiowski nach dessen Ernennung zum Moskauer Oberpolizeimeister persönlich instruirte, besonders darauf zu achten, daß „kein überflüssiger Jude" nach Moskau komme. „Denn", sagte er dem Oberst, „wenn Sie einen Juden hineinlassen, so zieht er gleich fünfhundert andere nach sich." Bei ihrer Abneigung gegen die Presie im Allgemeinen machen doch selbst hohe Würdenträger, Geheimräthe und Wirkliche Geheimräthe eine Ausnahme, wenn sich ihnen die Möglichkeit bietet, in der Presie einen Artikel als Redaktionsleistung unterzubringen, welcher recht viel Böses über die Juden sagt. Unsere Administration hat eine förmliche Judensurcht. Rack ihr verjudet Petersburg, Moskau, Warschau, Kiew, Odessa u. s. w. u. s. w. und da muß sie dann den Staat retten. Es gehört dabei aber zu ihrem Prinzip, diese Furcht nicht zu zeigen und alles in größter Stille zu thun. Deßhalb ist man jetzt auch im Ministerium des Innern auf den Petersburger Stadthauptmann Generalmajor Kleigels wüthend, weil derselbe „höchst taktloser Weise" eine Verfügung an seine Polizei in der Polizeizeitung zum Abdruck gebracht hat, welche „jeder einsichtige Polizeichef" als Gemeimcirculair behandelt hätte. Die Geschichte, um welche es sich handelt, ist einerseits so kindisch und andererseits für russische Verhältnisse so charakteristisch, daß wir sic in Kürze erwähnen wollen. Irgend eine der zahlreichen Petersburger Wohlthätigkeits Anstalten hatte sich die Erlaubniß zur Veranstaltung einer öffentlichen Festlichkeit mit Weihnachtsbaum ausgewirkt und das Gewinn- und Verlustrisiko einem Unternehmer gegen eine gewisse Pauschalsumme überlasten. Anläßlich dieser Weihnachtsseftlichkeit kam es zwischen dem Unternehmer und dem Publikum zu Stetigkeiten, weil letzteres fand, daß ihm in den Programmen mehr versprochen war, als thatsächlich geboten wäre. Da nun der Unternehmer ein Jude war, so hat sich Generalmajor Kteigcles zu einer Circularverfügung an seine Polizei entschlossen, daß unter keinen Umständen zu gestatten sei, daß Juden die Veranstaltung irgend welcher Festlichkeiten übernehmen, welche mit den christlichen Feiertagen in Verbindung stehen, und hat gleichzeitig mitgetheilt, daß der hlg. Synod eine diesbezügliche, für das ganze Reich geltende Bestimmung demnächst durchsetzen werde. Namentlich dies Ausplaudcrn der Absichten des Synods nimmt man Herrn Kleigels sehr übel, und seine Feinde sind eifrig bei der Arbeit, Herrn Kleigels zu einem wahren Verbrecher zu stempeln. Die Hetze, welche jetzt von Moskau aus gegen das „ausländische Kapital" betrieben wird, ist, wie der „Hmbg. G.-A." schreibt, auch darauf zurückzuführen, daß die französischen und belgischen Gesellschaften, welche große Industrie-Unternehmungen in Rußland in's Leben gerufen haben, als „jüdische" gelten. Einsichtsvolle Leute, wie der bekannte Schriftsteller Skalkowski, der frühere Direktor des Bergdepartements des Ministeriums der Landwirt hschast haben zwar dem russischen Publikum ziffermäßig nach

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