Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 20 (9.3.1899)
- Date
- 1899-03-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XI«. Jahrgang. Erste Beilage ju M 20 -es „Israelit". Leitender Artikel. (ffin MHDitro über ölt Juden in Meü IndikN. 21 nt ft c v b a nt, im März. Bet Gelegenheit der 2lnwesenheit des westindischen Predigers K. S u p h e e r t aus Bonaire, der sich in unserer Stadt befindet, um durch den Erlös seiner Vorlesnngen die Noth der durch den heftigen Orkan auf den „Bovenwindschen" Eilanden,;d. h. die Iw seln über dem Winde), empfindlich geschädigten Bewohnern, einigermaßen zu lindern und uns dabei mit jenett bekannt zu machen, ergriff ich auch die Gelegenheit, den Prediger über unsere dortigen Glaubensgenoffen zu interviewen. In Gurarao, der Hauptstadt des niederl. Guyana, das 1034 von den 'Niederländern erobert wurde, tvohnen 20<)0 Inden, die zwei Gemeinden bilden, eine portugiesische und eine Gliedert. Israelitische. Aus dem Synagogengebäude der erstgenannten erhebt sich ein Thurm, der schon in weiter Ferne sichtbar ist. Unsere Glaubensgenossen nehmen in Curayao sehr gute und vielseitige Positionen ein. Man findet dort außer den vornehmsten Finanziers und Geldmännern, die größten Kaufleute, Zahnärzte, Mediziner, und berühmte Advokaten, der Procurator am Gerichtshof ist ebenfalls ein Jude. Das vornehmste Hotel das Hotel Lasso — liegt in den bewährten Händen eines unserer Glaubensgenossen. Die Tochter des oben erwähnten Procurators, Mr. Henriqnes, Ritter des Nieder!. Löwenordens, ist die Präsidentin einer Damen-Bcreinigung, welche den Zweck verfolgt, die Stadt zu verschönern. Um dieses Ziel zu erreichen, giebt man Theatervorstellungen, die sehr beliebt sind, bei den jüngsten Krönungsfestlichkeiten wurden sie als die besten bezeichnet. Ueberhaupt sind die Juden bei allen Veranstaltungen in erster Linie betheiligt, und selten kommt etwas Gutes zu Stande, wo sie fehlen. Der Verkehr zwischen den Israeliten und den Andersgläubigen ist der denkbar beste. Gehen auch die politischen Meinungen hier und da auseinander, so sind unsere Glaubensgenossen in religiöser Beziehung durchweg orthodor. Sabbat und Festtage werden streng gefeiert, auch das Laubhüttensest und Passah. Der MoseZ-Montesiore-Fonds giebt an alle Kirchen Unterstützungen, so auch an die israelitischen Gemeinden, die übrigens auch von Seiten des Gouvernements nicht vernachlässigt werden. Anders ist es in Bonaire, wo nur ein Jude wohnt. In Curaoao wird alles Vieh geschachtet, das Fleisch ist nicht teuer. Interessant ist Folgendes: Will man in Bonaire eine Kuh schlachten, so fragt man vorher, wie viel jede Haushaltung wohl brauchen würde, und darnach wird das Gewicht oder die Größe des zu schlachtenden Viehes bestimmt. Es ist dies nothwendig, weil sich das Fleisch, der enormen Hitze wegen, nur einen Tag frisch hält. Auf meine Frage ob es nicht möglich wäre, gesalzenes Fleisch von Holland aus nach den Kolonien einzuführen, antwortete mir Herr Supheert, daß dies an der Regierung läge, die in dieser Beziehung zu wenig Energie entfaltet und zudem jährlich große Defizite zu decken hat. Nur durch größere Zuschüsse seitens der Regierung könne sich die Niederl. Ausfuhr besser entwickeln. Auf meine Erkundigungen, nach einer Einwanderung und Kolonisation von Israeliten und Gründung einer isr. Gemeinde in Bonaire, näher eingehend, antwortete mir der erfahrene Reisende folgendes: Der Handel auf der Insel Bonaire wird durch herumziehende Araber ausgeübt, welche ihren festen Wohnsitz in Curayao haben. Israeliten, welche sich auf Bonaire festsetzen wollen, können mit Energie und etwas Kapital auf die Einfuhr von gesalzenem Fleisch, Butter, Galanteriewaaren, Salz, Südfrüchte verlegen. Da das Land fruchtbar ist, könnte es wohl gedeihen, wenn die Niederl. Regierung es sich angelegen sein lassen wollte, ordentliche Verbindungen zwischen dem Festland und den Inseln anzubringen und nicht zu warten, bis ihnen die Amerikaner wiedpr zuvorkvmmen. Eine israelitische Gemeinde hätte dort wohl eine Zukunft. Mich dünkt, daß auch die Einfuhr von koscherem gesalzenen Fleisch für die Israeliten Cura^aos und den anderen Plätzen, nicht ans unmögliche grenzt. Fassen wir nun alles kurz zusammen, so ist wohl aus all dem Gehörten zur Genüge zu entnehmen, daß es bei dem bekannten Unternehmungsgeist unserer jüdischen Glaubensgenossen wohl anzunehmen ist, daß das, was sie mit Energie und Klugheit unternehmen, sei es nun auf dem Gebiete des Handels oder des Handwerks, wohl berechtigt ist, in Zukunft zu gedeihlicher Entwicklung heranzureifen. Sollte durch mein Interview auch nur wenigen es gelingen sich ein neues Heim zu verschaffen, es zu Glück und Wohlstand zu bringen, die Zahl der Glaubensgenossen zu mehren und somit die Interessen der Israeliten in fremden Ländern wahren und fördern zu helfen, so ist der Zweck dieser Zeilen neben ihrem belehrenden Inhalte vollständig erreicht. H. de Vries, Religionslehrer aus Emmman (Holland).