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Der Israelit · 1899-03-09 · Heft 20 (9.3.1899) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 20 (9.3.1899)
Date
1899-03-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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377 Feuilleton. Späte Sühne. Von Robert Härrleitt. ^n) (Schluß) Nachdruck verboten. Ein heftiges Schluchzen nöthigte Proßnitzer innezuhallen. Rabbi Jesaja benützte die Pause, um Proßnitzer zu fragen, woher er denn, trotz seiner Abwesenheit von Frankfurt, so genau über dies alles itnterrichtet sei. „Ich kann Euch diese Frage nicht beantworten, wenigstens nicht vollständig. Rur soweit darf ich Euch sagen, daß mich die That von dem Augenblick an, wo ich sie begangen hatte, unsagbar gedrückt und unglücklich gemacht hat. Ich konnte das Geheimniß nicht allein tragen: das Herz wäre mir gebrochen. Deßhalb habe ich sie einem Freunde anvertraut, nachdem wir uns vorher durch Handschlag und Eherem (Bann) unverbrüchliches Stillschweigen gelobt hatten. Auch heute darf ich den Namen nicht nennen; es ist ja der Name eines Hehlers, der für so verwerflich als der Stehler gilt. Dieser Freund hat mich fortwährend über alles unterrichtet, er schreibt mir noch heute regelmäßig, er war auch der Erste, der mich vor Euerer Reise unterrichtete. Aber, daß Ihr längst den Wunsch gehegt habt, hier Euere Tage zu beschließen, das war mir aus Euerem eigenen Munde bekannt und deßhalb war mein Sinnen und Trachten darauf gerichtet, nach Erez Israel 51t kommen. Hier hoffte ich Euch sicher früher oder später zu finden. Was ich an Verachtung, Entbehrung und Kümmernissen jeder Art zu ertragen hatte, vom Tage meiner Ausweisung an bis ich hier landete, das will ich Euch ein anderes mal erzählen. Ich trug die entehrende Verstümmelung der Diebe im Gesichte und wurde überall als solcher behandelt, bis ich auf meinen Streif- und Querzügen einen Mann fand, der sich als Zauberer, Kurpfuscher und Wunderdoktor ausgab. Dieser gab mir ein Mittel, welches das Wachsthum der Haare fördert und das ich mit Erfolg anwandte. Nach wenigen Wochen hatte ein dichter Haarwuchs die verstümmelte Stelle so vollständig verhüllt, daß seitdem Niemand das Schandmal gesehen hat. Meine eigene Frau weiß nichts davon." „Aber um Himmelswillen, Proßnitzer," unterbrach ihn Rabbi Jesaja, „wenn Ihr ein Baal Teschuba seid, warum wolltet Ihr plötzlich das ganze Werk Eueres Lebens zerstören und einen Mord an mir, Euerem Lehrer begehen?" „Glaubtet Ihr wirklich, daß ich Euch hier ermorden würde?" „Allerdings glaubte ich es; was hätte ich auch anders nach Euerem ganzen Auftreten annehmen > sollen? Wie Ihr mich seht, bin ich ein Mann, der mit der Welt vollständig abgeschloffen hat, ich hatte ja schon das Sündenbekenntniß gesprochen und hatte bereits meine Seele Gott überantwortet, jeden Augenblick des Todes durch Eueren Dolch gewärtig; und Ihr fragt noch, ob ich wiklich an Eueren Ernst glaubtet" ..Verzeiht, edler Lehrer und Meister, Ihr könnt nicht wissen, wie Ihr mich durch diese Worte hochbeglückt; aber ich werde mich sofort erklären. — Unter allen Bekümmernissen meines unstäten Lebens, war keines drückender, als das Bewußtsein von dem Gram, den ich Euch bereitet habe. Ich wußte, daß Euer hochsinniger Edelmuth gar nicht an das schwere Unrecht denkt, das ich Euch zugefügt habe, Euch beschäftigt nur der Gedanke an das, was Ihr so mittelbar zur Gestaltung meines unglücklichen Geschickes beigetragen habt. Und wenn ich Euch zehnmal jeder Schuld an dem, was ich doch ausschließlich selbst verschuldet, sreisprechen würde, Ihr würdet Euch schuldig und der Sühne bedürftig glauben. Wenn ich Euch in aller Form erklärte, daß ich Euch alles verzeihe und vergesse, falls ich Euch überhaupt etwas zu vergeben hätte, Ihr würdet Euch doch nur von der Schuld mir gegenüber frei dünken, aber was Ihr Gott gegenüber verschuldet zu haben glaubt, das läge immer noch wie ein drückender Alp ungesühnt aus Euerem edlen Herzen. Es lag mir aber daran, ein Mittel zu finden, durch welches selbst die peinlichste Gewissenhaftigkeit Euch rein und frei sprechen muß vor Gott und den Mensch.n. -- Dieser Gedanke beschäftigte mich ohne Unterlaß, auch als sich mein äußeres Geschick erträglich und dann sogar glänzend gestaltet hatte." Die Erinnerung an das, was er erlebt und erlitten hatte in den langen Jahren, überwältigte Proßnitzer derart, daß er einen Augenblick innehalten und sich sammeln mußte, um nicht den Faden zu verlieren. Dann fuhr er fort: „Zwei Jahre mußte ich hart arbeiten, bis ich mir Pfennigweise die zur Neberfahrt erforderliche Summe sammelte. Als ich aber den Boden des heiligen Landes betreten hatte, hat sich mein äußeres Geschick sofort zum Guten gewendet. Ich ging direct vom Hasen ins Bes Hamidrasch. Dort wurde merkwürdigerweise gerade derselbe Traktat im Talmud gelernt, den wir bei Euch in den letzten Jahren meines Frankfurter Aufenthaltes durchgenommen hatten. Und wunderbarer Weise warf der Vortragende Rabbi eine scharfsinnige Frage aus, die Ihr gefragt und in so glänzender Weise beantwortet hattet. Niemand wußte eine Antwort aus die aufgeworfene Frage. Ich erhob mich und fragte, ob es einem soeben angekommenen Fremden erlaubt sei, ein Wort zu sprechen. Als mir die Erlaubniß ertheilt wurde, legte ich

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