Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 20 (9.3.1899)
- Date
- 1899-03-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2448973--47856-2498227- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
375 die ein beschränkte- Arbeitsfeld haben. Hier liegt also ein großes Gebiet für die Frauenthätigkeit. Deshalb ist wohl für die nächste Zeit in Erwägung zu ziehen, ob nicht durch Vorträge, durch Wort und Schrift, durch thätiges Eingreifen dahin zu wirken sein könnte, daß für diese Anzahl von Waisen die entsprechende Zahl von Pflegern und Pflegerinnen beschafft wird, damit ein jedes einzelne Kind in ausreichender Weise beaufsichtigt werden kann. Auch die Armenpflege der jüdischen Gemeinde gestattet in neuerer Zeit die Heranziehung von Damen. Die neue Eimheilung der Kommission zieht die Mitarbeit der Frauen ausdrücklich vor, die Kommission ist aber gerade jetzt in der Reorganisation begriffen. Zu wünschen ist es, daß sich auch für diesen Theil der Wohlthätigkeitspflege Frauen in genügender Zahl zur Verfügung stellen. Die dritte Kommission ist die Fürsorgekommission, von deren Thätigkeit Sie sicher alle fast nichts kennen. Die Kommission hat die Aufgabe, die Fürsorge für die inhaftirten Strafgefangenen und für ihre Familien zu übernehmen. Da scheuen sich sehr viele Menschen, in eine solche Komission einzutreten, es scheuen sich fast alle Damen, mit Personen dieser Art in nähere Berührung zu treten. Das ist nicht richtig, die Scheu ist ganz unberechtigt. Wer öfters Gelegenheit gehabt hat, mit den Inhaftirten in Berührung zu kommen, der sieht, daß es auch Menschen sind, die noch ein Herz im Leibe haben. Wenn man sie da packt, kann man Alles mit ihnen machen. Die Aufgabe ist eine sehr schwere und in erster Reihe oie Aufgabe der Männer. Was soll aber aus den Mädchen werden, die durch Genußsucht, Putzsucht, Neid, Hunger, durch Verführ ung fallen und zum ersten Male ins G.fängniß kommen? Wenn sich ihrer nicht eine erfahrene Frau annimmt, die es versteht, die befferen Gefühle der Unglücklichen wachzurufen, so ist das Märchen für ewig verloren. Deshalb ist e» von der größten Wichtigkeit, daß auch in dieser Kommission Frauen thätig sind. Zwei Damen gehören dieser Kommission bisher an, ihre Zahl ist aber zu gering und der Umfang ihrer Thätigkeit noch nicht genügend bestimmt. Richtig ist, daß hier und da ein Rückfall vorkommt; sogar der Wohlthäter wird bisweilen hintergangen. Das ist aber kein Grund die Thätigkeit nicht auszubilden, im Gegentheil ist es gerade Veranlaffung, sie zu verdoppeln. Auch im Krankenhause, in der Altersversorgungsanstalt und im Hospital arbeiten die Damen sehr eifrig mit. Hier ist ihr Wirkungskreis fest begrenzt, ihre Arbeit sachgemäß und zweckentsprechend. Es läßt sich nur Rühmenswerthes von ihrer Mitarbeit sagen. Vielleicht könnte durch die Vergrößerung der Anzahl der Damen mehr als bisher seelisch auf die Insassen dieser Anstaltetk eingewirkt werden. In der sich an diese beiden mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Referate anschließenden Diskussion wurde von mehreren Seiten angeregt, die Centralstelle so zu gestalten, daß sie in Zukunft Existenzen aufzubauen vermag. Der Verband sollte alle vier Wochen zusammentreten und es müßte eine Anzahl Familien herausgesucht werden, die aufbauungsfähig sind. Vom Vorstand wurde diese Forderung auf Grund der Statuten als außerhalb der Thätigkeit des Verbandes liegend abgelehnt, der damit einen Eingriff in die Selbstständigkeit und Thätigkeit der ihm angehörenden Anstalten ausüben würde. Wie einzelne Personen existenzfähig gemacht werden sollen, das müsse im engeren Kreise und öfters erörtert werden, wie überhaupt in einem häusiger zusammenzuberufenden Zirkel allgemeine oder specielle Fragen, zu denen auch Damen als Referentinnen hinzuzuziehen seien, zur Behandlung kommen müßten. Auf eine von Dr. Hildesheimer gegebene Anregung, auf Verlangen auch an Private schriftliche Auskunft zu ertheilen, glaubt der Vorstand aus Gründen der Diskretion ebenfalls nicht eingehen zu können. Es werde wie bisher den Auskunft-Wünschenden anheimgestellt, die Antwort persönlich aus dem Büreau zu holen. Herr Dr. Hildesheimer giebt im Gegensatz zu der diesbezüglichen Aeußerung des ersten Referenten die Zahl der eheverlassenen Frauen innerhalb der jüdischen Glaubensgemeinschaft als erschreckend groß an. Die Veranlassung sei hier allerdings eine stärkere als bei den anderen Eonfessionen. Speciell im Osten gäbe cs in der That Männer, die vor dem Elend ihrer Familie fliehen. Die Frage sei eine eminent ernste und würde einen breiten Raum für einen Gedankenaustausch innerhalb des Verbandes abgeben. — Hiermit schloß der Delegirtentag des Verbandes, der schon bisher zur Genüge dargethan hat, eine wie segensreiche Institution in ihm geschaffen worden ist, und hoffentlich noch recht Ersprießliches zum Wohle der Würdigen unter den Armen leisten wird. Breslau, 7. März. Zur Erhaltung und Erweiterung der israelitischen LandwirthschaftSschule in Ahlem bei Hannover hat sich durch die eifrigen und anerkennungSwerthen Bemühungen des Herrn Dr. Finkel hier ein ^ocalkomitee gebildet, das auS angesehenen Mitgliedern unserer Gemeinde zusammengesetzt ist. Dieser Tage gelangt ein Aufruf zur Versendung, worin das hiesige Komitee die jüvischen Bürger Breslau's in warmen Worten auffordert, durch Zeichnung von Geldbeiträgen das Wohl der Anstalt zu fördern und ihren Fortbestand zu sichern. Sie muß in den Stand gesetzt werden, für ihren inneren Ausbau sorgen zu können, und es muß ihr ferner die Möglichkeit gegeben werden, recht viele Freistellen zu schaffen, wenn anders sie ihrem Zwecke gerecht werden soll, den Juden einen neuen Weg