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Der Israelit · 1899-03-09 · Heft 20 (9.3.1899) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 20 (9.3.1899)
Date
1899-03-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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S74 strebenSwerth ist. Einige allgemeine Bemerkungen sind vorauszuschicken. Die Frau ist noch nicht lange im öffentlichen Leben thätig; aber so lange ste thätig ist, ist sie in der Wohlthätigkeitspflege thätig. Die Frau war im jüdischen Hause die Königin, von der alles Unreine ferngehalten wurde; im deutschen Hause war sie die Herrscherin, die sich nur um ihr Reich zu kümmern hat, unberührt vom Lärm der Straße. Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen die Anschauungen. Heute ist man darüber einig, daß die Frau sich außer dem Hause bethätigen kann und soll, in erster Reihe bei der Wohlthätigkeitspflege. Man fragte, ob diese Thätigkeit heilsam sei, einmal für die Beschützten und zweitens für die Frau selbst. Sehr bald hat sich ergeben, daß die Mitarbeit der Frau für die Beschützten in einer großen Zahl von Fällen von Vortheil sein kann. Nicht immer kann die Frau eingreifen und soll sie den Wunsch haben einzugreifen. Es giebt Situationen, von denen die Frau ferngehalten werden muß. Aber die Unzahl der armen Frauen, der kranken und die noch viel größere Zahl der schwächlichen Kinder, denen zu helfen ist, werden viel beffer von der Frau beobachtet als vom Manne. Es ist aber auch ferner von Vortheil für die Frau und für das Mädchen, das nur im Hause erzogen ist, das nicht sieht, was draußen in der Welt vorgeht, es kann nicht einen richtigen Blick für die Welt und für das Haus haben. Das Leben ist wechselvoll und kommt der Schichalsschlag, so ist das Mädchen ihm nicht gewachsen. Kennt es die Welt, so ist es die gute Stütze der Eltern und eine rüstige Genossin des Mannes. Ein zweiter Grund ist der, daß Mädchen und Frauen die Angst überwinden lernen, die Scheu, die sie der Außenwelt gegenüber beherrscht. Oft können sie nicht den ehrlichen, ordentlichen Arbeiter vom Strolch unterscheiden; sie fürchten sich vor jedem ärmlich gekleideten Menschen und sehen in jedem Arbeiter einen gewaltthätigen Menschen. Helfen sie aber bei der Wohlthäti.keitspflege, so sind sie gezwungen, mit dem armen Manne in Verbindung zu treten, und lernen den Unterschied zwischen dem schlechten Menschen und dem harmlosen Arbeiter, dem unglücklichen Armen kennen. Wie hat sich nun bisher die Thätigkeit der Frauen gestaltet? Zunächst sind einige Institute damit vorgegangen, Ehrendamen zu ernennen. Man legte den Ton auf die erste Silbe des Wortes. Man erwies dadurch den Instituten eine Ehre, aber auch den Damen. In vielen Institutionen bestehen die Ehrendamen noch. Mitzuarbeiten haben die Damen, mitzubeschließen haben sie nicht. Das ist falsch. Wer mitarbeitet, soll auch mitentscheiden können. In anderen Institutionen ist dieser Unterschied gefallen. Hier haben die Frauen das gleiche Stimmrecht, wie ihre männlichen Kollegen. Das ist dar Ziel, nach dem jetzt überall hingestrebt wird, und, ich glaube, auch das richtige Ziel. In der jüdischen Gemeinde zu Berlin, welcher ich mich jetzt zuwende, arbeiten die Damen in verschiedener Weise. Ein Theil von ihnen ist Mitglied in den Kommissionen, und solcher Kommissionsmitglieder giebt es 61. Darunter befinden sich aber 4, die in 3 Kommissionen, und 6 Damen, die in zwei Kommissionen sitzen, so daß in Wirklichkeit nur 47 Damen in den Kommissionen beschäftigt sind. Das ist viel zu wenig. Die Damen a beiten ferner in den jüdischen Frauenvereinen, die, wie dankend anerkennt werden muß, zuerst die Bedeutung unseres Verbandes gewürdigt haben. Sie haben sich bis auf einen — aus dem Bezirk der Oranienburger Vorstadt — alle dem Verbände angeschloffen. Hier wird mit großem Eifer ein großes Arbeitsgebiet beherrscht. Ich kann aber die Thätigkeit dieser Vereine nicht schildern; das läge außerhalb des Rahmen meines Berichts. Im Ganzen bestehen 10 Frauenvereine. Außerdem giebt es noch eine große Anzahl von Vereinen, die Frauen für gewisse Theile ihrer Thätigkeit heranziehen. Der neueste Bericht über diese Art der weiblichen Mitarbeit ist der des Vereins für Arbeitsnachweis. Nach diesem Bericht sind von den weiblichen Mitgliedern im letzten Jahre nicht weniger als 420 Frauen und Mädchen in Stellung angebracht worden, eine höchst rühmenswerthe Leistung. Wie soll nun die Thätigkeit der Frauen sich gestalten? Zur Beantwortung dieser Frage muß man die einzelnen Gebiete der Wohlthätigkeitspflege ins Auge fassen. Zunächst müssen die Frauen in der Waisenpflege helfend eingreifen. Hier ist bis jetzt am wenigsten geschehen. Das liegt daran, daß die Waisenkinder derjenige Theil der Wohlthätigkeitspflege ist, der die Grundsätze neuerer Zeit am spätesten angenommen hat, und daß auf diesem Gebiete die Anwendung jener Grundsätze schwerer ist als in der allgemeinen Armenpllege. In Berlin sind im Ganzen 523 jüdische Waisenkinder zu versorgen. Davon befinden sich in der geschlossenen Waisenpflege 350 und unter diesen 90 Mädchen; in der offenen Waisenpflege sind bei den Verwandten gelassen 349 Kinder, darunter 126 Mädchen, in Pflege gegeben 4 Knaben und 20 Mädchen. Es crgiebt sich, daß die Hälfte der Waisenkinder nicht genügend beaufsichtigt ist. Die Waisenkommission giebt für sie Verpflegungsgelder und beaufsichtigt die Kinder nur, soweit das in den Grenzen der Kommisstonsthätigkeit möglich ist. Nur 5 Damen gehören zur Waisenkommission; diese können unmöglich Alles leisten. Gute Aufsicht kann nur durch Waisenpflegerinnen geübt werden,

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