Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 20 (9.3.1899)
- Date
- 1899-03-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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373 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen Deutschland. S. Berlin, 2. März. Die heute im Repräsentantensaal der jüdischen Gemeinde tagende Delegirten- Versammlung des „Verbandes für jüdische Wohtthätigkeitspfleg e", zu der alle dem Verbände angehörenden Vereine Vertreter und Vertreterinnen entsandt hatten, nahm einen sehr interessanten Verlauf. Der Verbandsvorsitzende, der Gemeindevorsteher Herr Martin Simon, leitete nach herzlicher Begrüßung der zahlreich erschienenen Delegirten und Gäste die Verhandlungen mit einem allgemeinen Rechenschaftsbericht ein. Dem Verbände gehören 05 Institutionen an, 2«> Vereine halten sich dem Verbände noch fern. Vom 1. April 1898 bis 1. Februar 1899 sind 11t 51 Anfragen und 11200 Berichte an die „Centralstelle für die Wohlthätigkeitsanstalten tu der jüdischen Gemeinde" gegeben worden. Die bei Begründung der Centralftelle geltend gemachten Befürchtungen, daß durch die Berichte Mitlheitungen an die Oeffentlichkeit gelangen könnten, haben sich als völlig grundlos erwiesen. Auch der Fonds für verschämte Arme ist durch Gemeindebeschluß in die Lage versetzt, wenigstens in solchen Fällen Mittheilung zu machen, in denen im Kuratorium kein Widerspruch erfolgt; unter 100 Fällen ist nur in 9 Fällen von der Beantwortung der Anfrage Abstand genommen worden. Die Armenkommission selbst ist jetzt in 4 Abtheilungnn eingetheilt, so daß eine intensivere Bearbettung der einzelnen Fälle erfolgen kann. Nachdem alsdann zu Punkt 1 der Tagesordnung die Wiederwahl der vier ausscheidenden Mitglieder des Gcschäftsführenden Ausschusses, der Herren Rechtsanwalt Breslauer, Julius Grünewald, Dr. Hildesheimer und Gustav Sachs, vollzogen war, erstattete Herr Svndicus Dr. Minden sein Referat über „Mittheilungen über den in September 1898 in Nürnberg stattgehabten Armenpfleger-Kongreß". Redner besprach die Organisation des „Deutschen Vereins für Armenpflege", dessen Zweck sei, den Austausch der Erfahrungen der Armenpfleger von den verschiedensten Kategorien unter Zuziehung wissenschaftlicher Auioritäten zu vermitteln, und erörterte in ausführlicher Weise drei aus dem Kongreß zu Nürnberg zur Verhandlung gestellte Themata und die dort gefaßten Beschlüsse, um ein Bild zu geben, wie in einer so großen Organisation gearbeitet und berathen werde. Die jüdische Wohlthätigkeitspflege trage zwar zweifellos einen verschiedenen Charakter von der anderer Confessionen. Sie habe eine weit zurückliegende Geschichte, die sie nicht verleugnen könne und die noch nicht geschrieben sei; der im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund gemachte Versuch einer allgemeinen Enquete hierüber sei an der großen Fülle, die über diese Materie angesammelt sei, bisher gescheitert. Doch müsse die jüdische Armenpflege als Glied in der allgemeinen Armenpflege betrachtet werden, die Leiter müssen mit den modernen Grundsätzen, wie sie sich in Theorie und Praxis herausgestellt haben, vertraut werden und in lebendigen Zusammenhang bleiben. Gerade nach dieser Richtung sei für den Verband ein großes Arbeitsfeld eröffnet. Genug Fehler seien gemacht worden und manches sei noch zu beffern. Besonders die weibliche Jugend ermangelte noch der richtigen Schulung und des Verständnisses, sich Zwecken der jüdischen Wohlthätigkeitspflege zu widmen, die allerdings nicht so viel äußere Ehren bringe wie die allgemeine Armenpflege. Der Verband müffe es unternehmen, wissenschaftliche Formeln dafür zu finden, wie weit sich das Verhältnis der jüdischen Armenpflege zum jüdischen Armen unterscheide von dem Verhältnis der allgemeinen Armenpflege, inwieweit der Grundsatz, das, was man gebe, nur für Arbeit zu geben in der jüdischen Armenpflege, durchzuführen sei. Hier gelte es, rein psychologische Beobachtungen zu machen, was bisher noch nicht versucht worden sei. Wenn es gelänge, auf diesem Gebiete einen kleinen Schritt vorwärts zu thun, so werde der Verband nicht umsonst gegründet sein. Doch müßten sich zu diesem Zweck freiwillige Mitarbeiter zur Verfügung stellen, da die Kräfte des Ausschüffes nicht ausreichen, dieses Thema zu behandeln. Der Hauptgrundsatz der öffentlichen Armenpflege sei der, die Wohllhaten so zu vertheilen, daß die Unterstützten oder wenigstens die Familien bald zur wirthschaftlichen Selbständigkeit kommen; der Grundsatz der jüdischen Armenpflege sei der, die Wohllhaten so zu erzeigen, daß der Unterstützte nicht zu erröthen hat. Theoretisch und praktisch zu beweisen, daß zwischen diesen beiden Grundsätzen kein Gegensatz vorhanden sei, werde eine der vornehmsten Aufgaben des Verbandes sein. Cs werde sich dann die Anschauung als richtig erweisen, der unsere Vorfahren gehuldigt haben, als sie Gerechtigkeit und Wohlthätigkeit mit einem einzigen Ausdruck „Zedoko" bezeichneten. Alsdann sprach Herr Rechtsanwalt Breslauer über „die Mitwirkung der Frauen an der Wohlthcttigkeitspftege in der jüdischen Gemeinde zu Berlin". Wir geben das .Referat seines sehr interessanten Inhaltes wegen, der auch die Aufmerksamkeit weiterer Kreise in vollem Maaße zu beanspruchen verdient, fast dem vollen Wortlaut nach wieder: „Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, zu loben oder zu tadeln. Ich habe vielmehr einfach über die thatfächlichen Verhältnisse zu berichten und bte Wünsche anzuschließen, deren Befriedigung er