Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1899)
- Date
- 1899-03-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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358 verhallt. Es ist den wackeren Bemühungen des als Wohlthäter weithin bekannten HerrnA. Grünbaum gelungen, unter den hiefigen Gemeindemitgliedern die Summe von 6500 Mark zur Linderung der Noth in Jerusalem aufzubringen. Als eine erfreuliche Thatsache muß es bezeichnet werden, daß auch jene Kreise, denen Jerusalem als jüdische Volksstätte gleichgiltig geworden, sich an den Sammlungen in anerkennenswerther Weise betheiligten. Darum Dank, vielen Dank Herrn Grünbaum, und allen denen, welche sein Werk gefördert haben. Ist ja die Betätigung des Dankeneben der Ausübung von Wohlthätigkeit eine jener hervorstechenden Eigenschaften, welche den jüdischen Volksstamm von jeher auszeichnen. Auch der hiesige auf streng orthodoxer Basis vor mehr denn 25 Jahren begründete Verein „Adaß Jisroel" nahm letzthin Gelegenheit, den Verdiensten eines seiner besten und geachtelsten Mitglieder Dank und Anerkennung durch die That zu zollen. Herrn Moritz Neuburger, der in treuer Arbeit und edler Selbstlosigkeit 25 Jahre lang an der Spitze dieses Vereines gestanden, wurde beim Austritt aus der Vorstandschaft von Seiten der Vereinsmitglieder eine kunstvoll, in reichem Farbenschmuck ausgestattete Dank-Adresie überreicht. Dieselbe, von der Meisterhand des bekannten Malers Herrn Carl Zinn gezeichnet, hat zum Motiv jenen feierlichen Akt, da der Vorbeier die aus dem „heiligen Schrein" ausgehobene Thorarolle vor der andächtigen Gemeinde emporhebt. Der Verein Adaß-Jisroel selbst beweist, daß auch in den Mauern Nürnbergs das orthodoxe Judenthum immer mehr erstarkt und auswächst. Der Betraum, der bislang dem Verein zur Verfügung steht, wird angesichts des Anwachsens der Mitglieder, zu klein und eng. Möge es gelingen, in Bälde eine den Verhältnisien entsprechende und würdige Synagoge zu erbauen. Videant consules! Born Niederrhein, 25. Febr. Von einem Ochsenmetzger erhalten wir folgende Zuschrift: Durch einen meiner Gehülfen wurde mir ein Buch: Die Fabrikation feiner Fleisch- und Wmsiwaaren von Hermann Koch (Verlag der Allgem. Fleischerzeitung Berlin) vorgelegt, worin auch unter ausdrücklicher Betonung Rezepte zur Herstellung koscherer Wurstwaaren angeführt sind und als deren Verfasser, der Besitzer der Wurstwaarenfabrik unter Rabbinalsaufficht (???) Herr A. Breslauer, angegeben ist. Der Herr bringt da eine Sorte Wurstwaaren unter dem Namen Appetitwürstchen zur Herstellung, in welchem der unter NabbinatSaufsicht arbeitende Herr auf so und soviel Fleisch so und so viel entgrätete Sardellen verarbeitet. Vielleicht theilt uns das Berliner Rabbinat mit, ob die Behauptung des Herrn Breslauer, er stehe bezüglich der Fabrikat-ou dieser rituell verbotenen Appetitwürstchen unter Rabbinatsaufsicht, auf Wahrheit beruht oder nicht. Konstanz. Dieser Tage führte mich mein Weg auf einer Geschäftsreise durch Konstanz und hatte ich bei dieser Gelegenheit die Ehre oder das Vergnügen, zum ersten Male die Wirksamkeit eines Rabbiners von der Berliner „Hochschule der Wissenschaft des Judenthums" mir aus der Nähe ansehen zu können. Konstanz ist eine neue Gemeinde im doppelten Sinne des Wortes. Sie existirt noch nicht lange und hat sich aus kleinett Anfängen durch Zuzug zu ihrer jetzigen Mitgliederzahl entwickelt. Diese Art der Entwickelung ist auf ihre religiöse, resp. unreligiöse Richtung nicht ohne Einfluß geblieben. Es sind meistens wohlhabende Leute aus den umliegenden Dörfern und Landstädtchen, welche ihr Wohlstand nach dem aufblühenden Kanstanz zieht. Aber auch die wohlhabenden, und selbst die reichen Eingewanderten, können bei allem Wohlstand nicht viel mehr, als sich satt essen und trinken. Ihre materielle Ueberlegenheit sucht daher nach irgend einem Ventil, durch welches sie hervortreten und sich bemerklich machen kann; dazu ist die jüdische Gemeinde, sind ihre Institutionen und vor allem die Synagoge, der beste Tummelplatz. Man darf nicht vergessen, daß Konstanz eine aufstrebende Stadt des Landes ist, dessen jüdische Behörde den Schulchan Aruch verdächtigt und einen Ukas erlassen hat, welcher Mizwas Mila durch Verbot der Mezize verkümmert, welcher das öffentliche Teffilinlegen auf der Reise untersagt, um alle Extravaganzen seitens der Gemeinde milder zu beurtheilen. Daß ein christliches Kircheninstrument und ein gemischter Chor der Synagoge ihren jüdischen Charakter entzogen hat, ist nach alledem nicht auffällig. Aber je weniger die Herren in ihrer Totalität einen Anspruch auf Religiosität erheben können, um so angelegentlicher ist es ihnen darum zu thun, daß sie einen frommen Rabbiner bekommen. So ganz extrem orthodox braucht er natürlich nicht zu sein, sondern zahm, lamm- und mittelfromm, so daß er etwas höher steht, als das niedrige Konstanzer Gemeinde-Niveau. Mittelfromm, so heißt, glaube ich, das erlösende Wort! Hat man schon einmal davon gehört, daß ein Kaufmann einen Cassier sucht, der mittelehrlich ist, d. h. einen solchen, der nicht zu ehrlich ist und auch nicht zu viel Spitzbube? Ich glaube kaum. Aber im jüdischen Gemeindeleben der Gegenwart soll diese wunderliche Blüthe nicht so selten sein. Ein Rabbiner der Breslauer Schule hätte der Konstanzer Gemeinde schon zu viel fromme Allüren unter Umständen verrathen können, ein Schüler von Hildesheimer war ohnedies ausgeschlossen, weil diese keine Stelle in Gemeinden annehmen, deren Synagoge durch