Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 18 (2.3.1899)
- Date
- 1899-03-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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348 v rgleichenden Momente mit den Lchrerverhältnissen der Gegenwart bervor. Wir können aus dem Vortrage hier nur einen kurzen Auszug bringen. Zunächst verbreitete sich der Vortragende über die Bedeutung der Propheten im allgemeinen. Dieselben seien die geistigen Leiter und Führer des Volkes gewesen, haben die göttlichen Wahrheiten dem Volke zu B wußtsein gebracht und bei jeder sich darbictenden Gelegenheit leitend und erziehend gewirkt. Auch die Lehrer haben als Jugendbildner einen verantwortungsvollen Berus, sie haben die Pflicht, die mannigfach vom Schöpfer vertheilten Pfunde so auszubilden, daß sie für den sittlichen Gehalt der Familie, der Gemeinde und des Staates reichliche Zinsen tragen. Mit der der Schule entwachsenen Jugend suche sich der Lehrer durch Schülerbibliotheken in Verbindung zu erhalten und sei auch für ihre fernere Lausbahn durch Rathschläge und Unterstützung mancher Art bedacht. In den sabbatlichen Schiurvorträgen, auch auf der Kanzel suche der Lehrer erziehend auf die Erwachsenen einzuwirken. Wer einmal den Lehrerberuf als Lebenszweck gewählt, strebe, darin auch den richtigen Kompaß für seine Pilgerfahrt zu finden und behalte denselben gleich dem Schiffer auf sturmbewegter See stets im Auge. Welche Hindernisse aber der Erfüllung dieser Aufgabe entgegen stehen, zeige das Schicksal unseres Propheten. Er sei der einreißenden Sittenverderbniß mit Festigkeit entgegengctreten und habe den unvermeidlichen Untergang des Reiches verkündet. Dies habe ihm die bittersten Verdächtigungen und Schmähungen zugezogen, die ihn oft zur Verzweiflung brachten. Es sei ein niederdrückendes Gefühl gewesen, mit dem Bewußtsein sprechen zu müssen, daß das Wort wirkungslos verhalle und das drohende Unheil seinen Weg fortschreite. Nichts vermag seinen Sinn zu erheitern und die Wunden seines Herzens zu heilen. In Thränen möchte er zerfließen und einsam in der Wüste wohnen, um die Sittenverderbniß seines Volkes nicht mit ansehen zu müssen. Er ist betrübt, daß ihn Gott zum Propheten erkoren, das Bewußtsein jedoch, daß er die göttliche Wahrheit verkünde, gibt ihm den Muth, den Hohen und Niederen des Volkes furchtlos gegenüber zu treten. Auch den besten Absichten, dem redlichen Willen des Lehrers zur Hebung der Schick- und Gemeinde- Verhältnisse werden oft nicht nur passiver, sondern auch aktiver Widerstand entgegen gesetzt. Das mahnende und belehrende Wort verhalle wirkungslos, ja man suche dem unbequemen Mahner durch allerlei Widerwärtigkeiten das Leben zu verbittern. Deßwegen nagen Mißerfolg und Verkennung der idealen Gesinnung schwer am Herzen und verdüstern den Lebenshimmel. Der charakterfeste Lehrer laffe sich jedoch trotz solcher Erfahrungen nicht aus dem Reiche seiner Ideale stürzen. Er hänge den Mantel nicht nach dem Winde und formulire seine Grundsitze nicht nach den Launen und der Willkühr seiner Gemeinde. Unberechtigten Anfechtungen gegenüber zeuge er unbeugsame Festigkeit, sei eine „eiserne Säule," eine eherne Mauer." Jirmijahu war zwar seinem Volke ein Unglücksbote, dennoch konnte man ihm Hochachtung und Ehrerbietung nicht versagen. Dies bezeuge genügend der Umstand, daß König Zidkijabu trotz seines stetigen llngehorsams gegen des Propheten Wort ihn immer wieder zu sich beschied, um die Absichten Gottes von ihm zu erfahren. Auch nach Jerusalems Fall wünschte man sehnlichst die Zustimmung des Propheten zur Auswanderung nach Aegypten, und als er sie versagte, entführte man ihn gleich einem Palladium nach jenem Lande, als ob seine Anwesenheit Trost gewähre. Der Lehrer halte es mit dem Dichter. „Kannst du nicht allen gefallen durch deine That und dein Kunstwerk, mach es Wenigen recht, Vielen gefallen ist schlimm." Bei den Vernünftigen und Bessergesinnten, breche sich nach und nach die Erkenntniß Bahn, daß der Lehrer nicht aus eigennützigen und selbstsüchtigen Beweggründen handle und man laste seiner Wirksamkeit Gerechtigkeit widerfahren. Die Heiden Nebuchadnezar und Ebedmelech zollten dem Propheten Achtung und Ehrfurcht und stellten ihm bei seiner Auswanderung nach Babylon Freiheit und Wohlleben in Aussicht, während seine eigenen Volksgenosten ihn oft mißhandelten und in Schmach und Noth stießen. Auch bei dem Lehrer gehöre es nicht zu den Seltenheiten, daß ihm Andersgläubige mehr Achtung und Werthschätzung entgegen bringen, als seine eigenen Glaubensgenossen. Als Jirmijahu zum Manne herangereift war, durfte er auf göttlichen Befehl keine Frau ins Haus führen. Einsam und ohne Lebensgefährtin sollte er seine Lebensbahn beschließen. Ebenso gäbe es Gemeinden, die den Lehrer zum Cölibatür stempeln wollen. Die Stellenausschreibungen: „Nur Unverheirathete wollen sich melden" u. s. w. legen davon Zeuguiß ab. Dadurch würden oft tüchtige Kräfte, die nur den Fehler hätten, daß sie Familienväter seien, weniger Befähigten mit dem Vorzüge des ledigen Standes uachgesetzt. Das Stärkste in dieser Beziehung habe vor Kurzem eine Stadtgemeinde geleistet, die in einer Bekanntmachung einen un verheirateten Lehrer sucht, mit dem Hinzufügen, daß sich am Platze kein Ko st haus für den Lehrer fände. Von den allgemeinen pädagogischen Grundsätzen, die sich aus dem Buche Jirmijahu abstrahiren lasten,