Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 18 (2.3.1899)
- Date
- 1899-03-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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337 Gründung dieses Vereines dessen ärmsten Zöglinge unentgeltlich, auch heute noch; und es würde einen herben Schlag für diesen Verein bilden, wenn sich die Erben nicht dazu entschließen könnten, dieses Verhältnis so fortdaueren zu lassen. Aber als sein« Frau längst verschieden war, ward er trotz seiner Sparsamkeit und eigenen Bedürfnislosigkeit damit einverstanden, zwei verwaiste Mädchen bei sich aufzunehmen, wo sie alles zu ihrem Unterhalte Nothwendige fanden und auch soweit gebracht wurden, daß sie ihr Fortkommen finden können, durch ihre eigene Kraft. Auch sonst unterstützte er vielfach, wenn auch seit dem Tode sein r edlen Gattin er selbst sein neidenswerthes Heim verloren hatte, und er auch schwer zugänglich wurde. Mehrere Redner, auch unser Oberrabiner^ wollten beim gestrigen Leichenbegängniffe der gerechten Trauer Ausdruck geben, der Entschlafene hatte aber um ein einfaches Begräbniß ohneRede gebeten und sein Wille war Allen Befehl, und so mögen auf diesem Wege Feuilleton. Späte Sühne. Bon Robert Hänleitt. 18) Nachdruck verboten. Rabbi Jesaja erklärte sich zu einem Rundgang durch das Haus bereit. Die Bewunderung desselben war die einzige Gegenleistung für die herzliche Ausnahme, die er hier gefunden. Sie erstiegen zunächst das Dach, auf welchem ein blühender Garten angelegt war, in dessen Mittelpunkt eine mit allem Comfort ausgeschmückte Sukkoh sich befand. Von da stiegen sie in die anderen Räume des Hauses hinab, die eine große Anzahl von Sälen, kleinen und großen Zimmern emhielten, und alle durch ihre prunkvolle Ausstattung Ausrufe des Staunens dem fremden Beschauer entlockten. ^Wir haben jetzt noch ein Zimmer im Erdgeschoß zu besuchen, dann sind wir nnt unserer Besichtigung zu Ende", sagte der freundliche Wirth, und öffnete mit einem großen Schlüssel eine schwere, kleine Thüre von Eichenholz. Hinter dieser Thüre war eine zweite ähnliche Thüre von schwerem Eisen, die sich durch einen leisen Druck geräuschlos öffnete und schloß. Zwischen diesen beiden Thüren war eine meterbreite Entfernung, so groß, als die Dicke der Mauer, auf welcher das Haus ruhte. Das Zimmer hatte keine Fenster. In der Mitte hing eine goldene Ampel, welche ein mattes Licht verbreitete. Das Zimmer war leer. Nichts als kahle Wände und eine kleine hölzerne Bank in der Ecke und eine Sanduhr. „Was hat's mit diesem Raum für eine Bewandtniß?" fragte Rabbi Jesaja seinen Führer. Dieser letztere war erdfahl und unruhig geworden und antwortete nicht auf diese Frage. Er zog einen langen blitzenden Dolch mit ächter Damascener-Klinge unter seinem seidenen Burnus hervor und während er mit der Besichtigung der Waffe sich zu thun machte, um dem Blick des Rabbiners auszuweichen, keuchte er kalt und feindselig die Worte hervor: „Mit diesem Dolch müßt Ihr sterben, bevor eine Viertelstunde vergeht." Rabbi Jesaja glaubte, sein Wirth habe plötzlich den Verstand verloren und warf rasch einen orientirenden Blick auf die Thüre. Aber diese war verschlossen und nur durch einen geheimen Druck zu öffnen, den Niemand außer dem Eigenthümer des Hauses kannte. Er wußte, daß man Geisteskranken durch kaltblütiges Eingehen auf ihre Absichten am sichersten imponiren kann. Ruhig schaute er seinem so plötzlich wie umgewandelten Wirth in die wild rollenden Augen und fragte: „Warum wollt Ihr eigentlich zum Mörder an mir werden?" „Warum?" keuchte der Angeredete hervor. „Kennt Ihr mich denn wirklich nicht?" „Gewiß kenn ich Euch, Ihr seit Rabbi Seeb Epbrati, der Vorsteher der heiligen Gemeinde zu Jaffa.'" „Ihr kennt mich wirklich nicht?" sing der Angeredete plötzlich im Deutsch der Frankfurter Judengasse zu reden an. „Nun, dann will ich's Euch sagen und zeigen, wer ich bin. Ich bin Wolf Proßnitzer, Euer früherer Hausbochur, den Ihr zu Grunde richten wolltet!" Bei diesen Worten schlug er die lange, buschige Haarlocke von der linken Schläfe zurück, welche die Stelle des abgeschnittenen Ohres vollständig verdeckt hatte, und hielt die Schläfe dicht vor Rabbi JesajaS hin. Dieser erblaßte und taummelte entsetzt einige Schritte zurück. Er wäre zu Boden gesunken vor Schreck, wenn er sich nicht an die Wand des unterirdischen Raumes gelehnt hätte. Einige Sekunden verharrte er schweigend, indem er die Gesichtszüge des Mannes mit dem Dolche musterte. Aber auch als er sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, konnte er nichts als die Psalmen-Worte stammeln: „Gerecht ist Gott auf allen seinen Wegen, und liebevoll in all seinem Thun!" „Was plappert Ihr da in Eueren Bart hinein?" fragte mit zornfunkelnden Augen und ^verächtlichem Tone der gänzlich umgewandelte Wirth. „Gott ist gerecht, daß er die Schuld meines Lebenheimsucht und Gott ist liebevoll zugleich, indem