Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 18 (2.3.1899)
- Date
- 1899-03-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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338 Und warum auch nicht? Die Herren Rabbiner von der linken Seite wissen es ganz gut, daß wenn sie in solchen allgemeinen, spezifisch jüdischen Fragen Opposition machen würden, sie damit ihre Stellung als Rabbiner vollständig untergraben und jeden Halt in ihren Gemeinden verlieren würden. Vielleicht auch glaubten die orthodoxen Rabbiner, vaß ein Zusammenschluß der Rabbiner beider Richtungen den Regierungen imponiren und gute Resultate im Gefolge haben könnte. Ich möchte das Gegentheil behaupten. Die Regierungen haben im Laufe der Kampfesjahre zwischen den Orthodoxen und Reformern klar und deutlich erkannt, daß die deutsche Judenheit in religiöser Beziehung sich in zwei Lager scheidet und eine Spaltung eingetreten ist, die, wegen der grundverschiedenen Auffassung und Bethätigung der jüdischen Religion, in den Regierungsmaßnahmen deutlich ihren Ausdruck gefunden hat. Die orthodoxen Religionsgesellschaften in Berlin, Frankfurt a. M., Darmstadt, Wiesbaden und Karlsruhe sind von den Regierungen als selbstständige Gemeinden anerkannt worden, und die hessische Regierung hat in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen je einen orthodoxen und liberalen Provinzialrabbiner angestellt und somit die gesetzestreuen Juden den Reformjuden nicht nur gleichgestellt, sondern sie auch als selbstständige Religionspartei vollständig anerkannt. Ist da nicht zu befürchten, daß die deutschen Regierungen, nachdem sie den religiösen Zwiespalt zwischen den Juden beider Richtungen klar und deutlich wahrgenommen und in Wahrung der Gewissensfreiheit den Orthodoxen den ihnen von Rechtswegen zukommenden staatlichen Schutz zu Theil werden ließen, gerade an den orthodoxen Rabbinen irre werden, die nunmehr mit ihren Gegnern durch den Beitritt an den Rabbinerverband ein Bündniß geschlossen haben? Könnte ein solches Mißverständniß nicht leicht die schwerwiegendsten, nachtheiligsten Folgen für das orthodoxe Judenthum haben? Und wollen die orthodoxen Rabbiner, die doch mit Leib und Seele der alten Väterreligion anhangen, eine solche schwere Verantwortung auf sich laden, die schon selbst nur in der Befürchtung vor etwaigen Nachtheilen für die orthodoxe Partei liegt? Aber noch viel, viel verhängnißvoller kann der Anschluß orthodoxer Rabbiner an den Rabbinerverband für das eigene Lager innerhalb der orthodoxen Judenheit in Deutschland werden. Das jetzige Geschlecht, das mehr oder weniger die zwischen den beiden Religionsparteien bestandenen Kämpfe miterlebt und mitdurchfochten hat, wird stets von der festen Ueberzeugung durchdrungen sein, daß diese orthodoxen Rabbiner bei diesem Schritt von der b e ft e n Absicht v'vV geleitet waren, wenn es ihn auch nicht verstehen kann. Aber wie wird dies bei den nachfolgenden Geschlechtern sein? Der Jugend wird nach und nach der Unterschied zwischen Strenggläubigkeit und Reform schwinden, zumal sie in der Jetztzeit gar so schwer auf die religiöse Bahn zu leiten ist, sie wird im Laufe der Zeiten, den von ihren Vätern als unüberbrückbar gehaltenen Zwiespalt zwischen „Alt und Neu" als aufgehoben halten angesichts der Thatsache, daß orthodoxe Rabbiner Hand in Hand mit den Neformrabbinern gehen. Als Folge dieser Umwälzung in der relig.Anschauung könnte bei ihr eine Verflachung in dem altüberlieferten Glauben eintreten und solche traurige relig. Zustände ins Leben rufen, die heute in ihrer Wirklichkeit noch nicht zu ermessen sind. Und nach dieser Seite hin liegt in dem Beitritt der orthodoxen Rabbiner zu dem allg. Rabbinerverbande die allerschwerste Verantwortlichkeit. Die kommenden Geschlechter werden auch nicht lange untersuchen, ob im Rabbinerverbande über religiöse Fragen verhandelt wird oder nicht, sondern sich einzig und allein an die Thatsache der Vereinigung von alten und neuen Rabbinen halten. Die Geistlichkeit der beiden christlichen Confessionen in Deutschland bietet hierin ein ganz entgegengesetztes Bild. Auch diese vereinigt gewisse Grundprinzipien, die sie nach innen und außen, wenn erforderlich, gleichmäßig vertheidigen, aber sie ist noch niemals zur Gründung eines gemeinschaftlichen christlichen Geistlichenverbandes gelangt, weil sie sich bewußt, daß es für jeden Theil am besten ist, die kirchlichen Angelegenheiten ihrer Confession selbstständig zu berathen und zu behandlen. Und dabei erstrecken sich die Unterschiede der beiden christl. Confessionen nur auf die Kirche und einige Dogmen, während die bei den Juden sich auf Synagoge, Haus und auf das ganze praktische Leben sich ausdehnen. Die durch den Zusammenschluß von Rabbinen beider Richtungen für das orthodoxe Judenthum zu befürchtenden Gefahren sind in der bayerischen Rabbinerconferenz, in der die Orthodoxen die Majorität bilden, in Bezug auf das Irrewerden der Jugend, nicht minder groß, als im allgemeinen deutschen Rabbinerverbande, wo dieStrenggläubigen in derMinorität sind; erftere hat bereits dadurch einen Schaden schon gezeitigt, daß man bei der Gründung des Rabbinerverbandes und noch heute sie als tonangebendes Beispiel hinstellt, obgleich dies für die orthodoxen Mitglieder des allgem. Rabbinerverbandes keine Entschuldigung sein kann. Es ist nicht zu verkennen, daß es für Rabbiner in so hoher und angesehener Stellung, mit so großem Wissen und Gelehrsamkeit, nicht so leicht sein wird, einen einmal gefaßten Entschluß zu ändern; da spricht schon die Mannesehre, die persön-