Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 18 (2.3.1899)
- Date
- 1899-03-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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382 Austrittsgesetz hauptsächlich zwei Ursachen zu verdanken. Zunächst ist es der „Antisemitismus", der theils in Glaubens-, theilS in Rassenhaß sich kund gebend, unsere Reformer von ihrem säst zum Dogma gewordenen thörichten Wahne abbrachte, daß nach erlangter Emanzipation die Juden auck die soziale Gleichstellung mit ihren christlichen Mitbürgern erlangen werden, wenn sie die jüdische Religion über Bord werfen, aus einer Schüssel mit den Christen essen und trinken, überhaupt alles spezifisch Jüdische von sich stoßen. Dieser Wahn war das Motiv zu allen Reformen in Synagoge, Schule und Haus. Die Reformer sind inzwischen eines Bessern belehrt worden. Ihr an sich oft würdeloses Eindringen in die christlichen Kreise ist trotz ihrer Freireligiöntät oder gerade wegen dieser, theils in aller Schroffheit, theils mit Höst,ckkeit zurückgewiesen worden, und sie sahen sich in die Nothwendigkeit versetzt, sich wieder ihres Juventbums zu erinnern und bei den früher von ihnen verachteten Glaubensgenossen der strenggläubigen Richtung Anschluß zu suchen. Ein zweiter Grund zu oben constatirter Mauserung der Reform, ist der Jndifferentismus, die Gleichgültigkeit in religiösen Dingen, die in ihrem Lager in erschreckendster Weise zu Tage trat und als Folge der Religionslosigkeit eine von Jahr zu Jahr immer größere Fahnenflucht hervorrief, betrübende Erscheinungen, die einsichtsvolle Reformer zu der Ueberzeugung gelangen ließen, daß, um ein völliges Siechthum bei ihren Parteianhängern zu verhindern, ein Schöpfen aus dem lebendigen Quell der Thora erforderlich, und dies nur durch ein Anlehnen an die gesetzestreuen Juden möglich sei. Diese Annäherung kann unter besonderen Verhältnissen Gutes bewirken und ein gemeinsames Vorgehen in Wohlthätigkeits- und Wohlfahrtsangelegenheiten zur Folge haben. Diese Gemeinsamkeit darf sich aber absolut nicht auf religiöse Dinge und Fragen, in Bezug auf welche die Divergenz zwischen beiden Parteien noch heute wie früher unüberbrückbar ist, erstrecken. Wie bei den Reformern im Allgemeinen, so auch bei ihren geistlichen Führern, bei den Reformrabbinern, haben oben bezeichnete Erscheinungen nach und nach zu einer Aenderung ihrer Stellungnahme gegenüber den Orthodoxen Anlaß gegeben. Mit Ausnahme von einigen wenigen Heißspornen, die noch in „Gebetbuchverftümmlungen" und in „Methodik" für die Reform Propaganda machen, zeigen sich die jetzigen Reformrabbiner den Conservativen gegenüber entgegenkommend; aber, frage ich, sind sie auch in Bezug auf die religiöse That bester als ihre Vorgänger geworden, lasten ihre Thaten auf eine geänderte religiöse Ueberzeugung und zwar auf eine strengere religiöse, als bei den alten Reformhelden schließen? Ihre Vorgänger haben eingeristen und dem Judenthum schwere Wunden beigebracht; treten die jetzigen Reformrabbiner in die „Riste" ein, heilen sie die Wunden? Nein und abermals nein; sie lasten das von ihren Vorgängern dem Zusammenbruch nahegebrachte Haus ganz unverändert, sie schweigen sich ihren Gemeinden gegenüber über die Ungesetzlichkeit der eingeführten Reformen aus, sie haben kein deutliches, ungeschminktes und kräftiges Wort der Mahnung an ihre Gemeindeangehörigen, die den Sabbat entweihen und einen trefenen Haushalt u. s. w. führen; in ihren Predigten fließt der Mund über von Religion und Religion, von Sitte und Moral (die aus dem Munde eines christlichen Predigers vernommen, den gleichen Eindruck hinterlasten würden), von Allem, nur nicht von den spezifisch jüdischen Gesetzen und deren strikten Beobachtung. Da fürchten sie gegen die Gefühle ihrer Mitglieder zu verstoßen, oder die Ungnade und das Mißfallen des Vorstandes sich zuzuziehen. Kann da von einem Umschwung in der religiösen Anschauung der heutigen Reformrabbiner die Rede sein? Sie haben noch dieselben Ansichten über die Verb ndlichkeit der jüdischen Gesetze wie ihre Vorgänger, welche in frevelnder Weise die Hand anlegten, dieselben zu reformiren; sie sanktioniren dieselben dadurch, daß sie die Reformen nicht nur nicht bekämpfen, sondern sie noch aufrecht erhalten. Nur in einer Beziehung unterscheiden sie sich von den alten Reformhelden, daß sie nicht mehr aggressiv Vorgehen und aus oben geschilderten Umständen es für opportun halten, durch eine Annäherung an die gesetzestreuen Rabbinen einen gewisten Halt zu finden. Daraus ergiebt sich aber, daß der deutsche Rabbinerverband in seiner jetzigen Zusammensetzung ein unnatürlicher ist. Den Reformrabbmern und ihren Anhängern kann er freilich keinen Nachtheil bringen, wohl aber den orthodoxen Rabbinen und der orthodoxen Judenheit. Die orthodoxen Rabbinen haben sicherlich Beweggründe gehabt, die sie zum Eintritt in denselben veranlaßten; ob aber die Vortheile, die sie daraus erhoffen, die Nachtheile für die Jetztzeit und namentlich für die Zukunft aufwiegen, ist mehr als zu bezweifeln, um ein Bündniß mit solch heterogenen Elementen zu rechtfertigen. Es schwebte ihnen wahrscheinlich vor, daß durch einen allgemeinen Rabbinerverband Angelegenheiten, die das gesammte Judenthum betreffen, wirksamer geordnet werden könnten. Dieser Meinung widersprechen aber die bisher gemachten Erfahrungen. In der Erklärung über Talmud und Schulchan Aruch ist unter den Rabbinen beider Richtungen beinahe, und in der Erklärung über die Schächtfrage eine vollkommene Einigung erzielt worden, und dies zu einer Zeit, als noch kein allgemeiner Rabbinerverband existirte.