Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1899)
- Date
- 1899-02-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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321 Feuilleton. Späte Sühne. -*+-**-& Von Robert Härrlein. 17) Nachdruck verboten. Rabbi Jesaja nahm in einer der bereit siebenden Sänften Platz und begab sich mit den Abgesandten der Jaffaer Gemeinde in das Haus des ersten Vorstehers Rabbi Seeb Ephrosi. Es war dies derselbe, der Rabbi Jesaja bei seiner Ankunft am Hafen begrüßt hatte. Eine stattliche Erscheinung, die schlanke Statur, das glänzende Auge, die kleidsame arabisch-türkische Tracht, es war ganz der Typus des ächten Orientalen, wie ihn in dieser harmonischen Vollendung Rabbi Jesaja noch niemals geschaut. Dabei zählte der Mann sicher noch nicht vierzig Jahre. Ein langer, wohlgepflegter Bart wallte bis auf die Brust hernieder, das Haupthaar mit den Schläfenlocken hing in langen, dichten Locken herab, und der Wohllaut der Stimme hatte so etwas Anmuthiges, Einnehmendes, daß Rabbi Jesaja selbst die ihm fremde sephardische Aussprache leichter zu verstehen glaubte, wenn Rabbi Seeb Ephrosi mit ihm sprach. Eine lang gedeckte Tafel, an welcher die Notabeln der Jaffaer Gemeinde bereits Platz genommen hatten, erwartete die Eintretenden. Ehrerbietig erhoben sich die Versammelten beim Erblicken Rabbi Jesajas von ihren Sitzen. Der greise Ehacham ging Rabbi Jesaja entgegen und begrüßte ihn in der heiligen Sprache. Rabbi Jesaja antwortete in derselben Sprache, aber in dem Sprachidiom, mit welcher die deutschen Juden das Hebräische sprechen. Er entschuldigte sich, daß er in fremder Weise antworten müffe, aber er hoffe, daß er nach kurzer Zeit der Uebung in der Lage sein werde, in der Art und Weise seiner verehrten Wirthe sprechen zu können. Diese aber baten den gefeierten Gast, seine Ausdrucksweise nur ohne Bedenken beizubehalten, da sie ihnen so verständlich sei wie die ihrige. Sie seien an der Reihe, sich zu entschuldigen, daß sie mit ihrem so theueren Gast sich nicht in seiner Weise unterhalten können. Rabbi Jesaja jedoch meinte, daß darüber gar keine Meinungsverschiedenheit sein könne, denn es sei über alle Zweifel erhaben, daß der Gast sich den Sitten des Wirthes accomodiren müsse und nicht der Wirth sich nach dem Gaste richte. Als Moscheh unser Lehrer zur Gotteshöhe emporstieg, um die Thora zu empfangen, fügte er sich dem Brauche der Himmlischen, aß und trank nicht vierzig Tage lang, wie es die Gott dienenden Himmels-Schaaren thun. Als die Engel zu Abraham niederstiegen, thaten sie wie die Sterblichen und nahmen im Zelte Abrahams Speise an. Meine Pflicht wäre es gewesen. Euere Art, die heilige Sprache zu sprechen, vorher durch Studium mir anzueignen. Sicher hätte ich es auch gethan, wenn ich je gedacht hätte, hier erkannt und in so fürstlicher Weise empfangen und geehrt zu werden. Ich habe gehofft in stiller Zurückgezogenheit, ungekannt von den Menschen, dem Studium der Thora mich hier zu widmen; ich muß Jaffa bald wieder verlassen und der überschwänglichen Ehre aus dem Wege gehen, die ich nicht verdiene. „Das wird Euch niemals gelingen," erwiederte der greise Ehacham. „Lehren doch unsere Weisen, daß die Ehre demjenigen nachläuft, der sie flieht. Sie flieht aber auch denjenigen, der ihr nachgeht. Seid Ihr also wirklich der Ehre müde, die Euch die ganze Diaspora entgegen bringt, so sucht unsere Stadt auf und damit die Ehre, die wir dem großen Meister der Thora, und dem treuen Erfüller ihrer Gebote entgegenbringen. Das ist das sicherste Mittel der Ehre ledig zu werden, die Euch belästigt." Die Versammelten setzten sich nun zum Mahle nieder. Bevor sie sich'wieder erhoben, hatten sie von Rabbi Jesaja das Versprechen, daß er jedenfalls eine Woche in Jaffa verweilen wolle. Es war drei Tage vor Rosch haschono.^ Mn^diesem Tage wollte er ursprünglich in Jerusalem sein. Durch die inständigen Bitten der Gemeinde von Jaffa ließ er sich aber bewegen, das heilige Fest bei ihr zu verbringen und in der Teschuba-Woche nach* der heiligen Stadt zu reisen, um den Jom-Kippur an der gottgeweihten Stätte der westlichen ITempelmauer zu feiern. XV. Rabbi Seeb Ephrosi^hatte es sich nicht nehmen lassen den hohen deutschen Gast in seinem Hause zu beherbergen Obwohl er eine große Seidenzucht betrieb und dadurch geschäftlich sehr in Anspruch genommen war, widmete er sich doch vollständig seinen! theueren Gaste. Durch den fortwährenden Verkehr in der heiligen Sprache eignete sich Rabbi Jesaja in erstaunlich kurzer Zeit die sephardische Ausdrucksweise an. Nur beim Studium des Talmud, wenn die Geister schärfer als sonst in^der,-Diseussion an einander geriethen, kam es vor, daß Rabbi Jesaja das Hebräische in der deutschen Aussprache wiedergab. Einmal aber kam es sogar vor, daß der sephardische Hausherr sich bei einem solchen Anlaß der polnischjüdischen Aussprache bediente, was Rabbi Jesaja in Staunen versetzte. „Sie verstehen unsere Aussprache auch?" fragte Rabbi Jesaja verwundert. „Wie es mich angeheimelt hat, als ich zum ersten Male nach so langer Zeit wieder die heilige Sprache in unserer Weise sprechen hörte.'" /