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Der Israelit · 1899-02-23 · Heft 16 (23.2.1899) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 16 (23.2.1899)
Date
1899-02-23
Page
– (sequence 20)
Language
German
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806 gute Freunde gebeten wurden. Dieses Festessen kam dem Rabbiner nicht theuer zu stehen, denn die Gemeindeangehörigen lieferten in Gestalt von Schlachmones 8) die Rohmaterialien, wie Fleisch, Wein, Spezereien rc. dazu. Eine außerordentliche Gemüthlichkeit und Fröhlichkeit zeichnete diese Feste stets aus. Das Vergnügen wurde noch dadurch erhöht, daß die Jugend kleine Theaterstücke aufführte, lebende Bilder stellte u. dgl. mehr. Kurz, die Purimfeste beim Rabbiner genossen eines guten Rufes, so daß jeder danach strebte, eine Einladung zu erhalten. Das diesjährige Freudenfest des 14. Adar litt in G. sehr unter dem Drucke der neuen Antischächtverfügung und in ernster Unterhaltung pflegten die Männer Rath, wie man es anfangen wolle, eine Zurücknahme der Verfügung zu erzielen. Der eine schlug dieses, der andere jenes vor und je abenteuerlicher ein Vorschlag war, um so mehr Beifall fand er. Die jungen Leute, die zum Festmahl geladen waren, hatten ein Theaterstück eingeübt, welches den Sohn des Rabbiners zuni Verfasser hatte und welches den Titel „Ein neuer Haman" führte. Der Inhalt desselben persiflierte das die Juden so hart treffende Schächtverbot und zeigte, wie die Folgen dieses Verbots dem Lande, welches dasselbe erlassen, am meisten schadete. In gut getroffenen Farcen geißelten Spott und Satyre dieses solch großen Gewissenszwang verursachende Verbot und dessen Urheber. Der Erfolg, den das Theaterstück hatte, war großartig und trotz der traurigen Veranlassung amüsierte man sich köstlich. Als nun der Lehrherr des Rephoel, der auch bei den Gästen war, das Abenteuer des Knaben und die Art und Weise, wie dieser sich aus der Klemme gezogen hatte, erzählte, jubelte man laut aus und beglückwünschte den Metzger zu seinem neuen Ehrennamen. Einer der luftigsten der Gesellschaft war der achtzehnjährige Sohn des Rabbiners, der glückliche, ruhmbeladene Autor des Theaterstückes; er war so ausgelassen, daß der Vater tadelnde Worte an ihn richtete. „Aber, bitte Vater, verzeihe mir," versetzte der junge Mann bescheiden; „ich handle nach den Worten unserer Weisen: keschenichnes beador marbim besimcho, wenn der Monat Adar da ist, soll man ausgelassen sein!" „Eine freie Uebersetzung, mein Sohn," entgegnete lächelnd der Vater, „die ich meinethalben gelten lassen will, da unsere Weisen an anderer Stelle die Ausgelassenheit auch einschränken. Kennst Du diese Stelle? „Nein, mein Vater," entgegnete nach kurzem Sinnen der Sohn. Lächelnd und mit dem Finger drohend, sagte der Vater: „Keschenichnes beaw meatim besimcho, wenn der Vater eintritt, verringere man die Freude.")" 8) Geschenke. —!>) Ein Wortspiel: Aw heißt sowohl der 5. Monat, wie auch Vater. Beschämt stand der Sohn da und sagte: „Wie gut bist Du, mein Vater, selbst in Deinen Tadel legst Du Lehre; Dein Wunsch sei mir Gesetz." Die übrigen Gäste drängten sich jetzt an den Rabbiner heran und baten ihn, ein paar Worte des Dankes für sie an den Verfasser und die Spielenden des „neuen Haman" zu richten, welcher Bitte dieser auch gerne entsprach. Er begann: „Ich bin aufgefordert worden, dem Verfasser des „neuen Haman", sowie all den Mitwirkenden den Dank meiner sehr geehrten Gäste auszusprechen. Ich thue dieses hiermit und füge den meinigen gerne hinzu. Doch mußt Du, mein lieber Sohn, schon gestatten, daß ich dem neuen Haman ein paar Worte der Kritik widme." „Gerne, mein Vater," rief der Sohn, „Du machst mich stolz, wenn Du mein Werk einer Kritik aus Deinem Munde würdigst." Der Rabbiner nickte lächelnd mit seinem weißen Haupte und fuhr fort. „Ein neuer Haman ist uns entstanden, der da trachtet, alles was uns lieb und teuer ist, zu vernichten. Einem Theil unseres Volkes hat dieser Haman schon Heimath und Vaterland, Hab und Gut geraubt und die Aermsten gezwungen den Wanderstab zur Hand zu nehmen, um sich in fremdem Lande eine neue Heimath zu gründen. Was sie erlitten und erlebt, wer weiß es, wer vermöchte es zu schildern '. Hunger und Durst, Roth und Elend, Strapazen und geistige Qualen vermochten manches Leben zu vernichten, manches Dasein zu Grunde zu richten — alles das Werk des neuen Haman. Ein anderer Theil unserer Glaubensgenossen, die wie wir in einem constitutionellen Staate wohnen, erleiden die unerhörtesten Angriffe und Beschuldigungen. Ihre Religion wird verspottet, die heiligen Bücher werden gefälscht, um aus dieser Fälschung eine wirksame Waffe für den neuen Haman zu schmieden, ja, soweit ist der Haman schon gegangen, daß man uns die Ausübung der Schechita untersagt und uns zwingen will, die Lehre zu verlassen, die da ist ein Baum des Lebens. Der neue Haman erhebt sein Haupt; da Israel sich wenig um ihn gekümmert hat, ist er fett und übermüthig geworden und verspricht dem deutschen Volke goldene Berge, wenn es sich der Juden entledigt. Wir fürchten diesen neuen Haman nicht. Haschern li lo iroh, mah jaaseh li odom. Gott ist mit mir, nichts fürchte ich, was können die Menschen mir thun? — Ein anderer Haman ist es, der uns bedroht, den wir ernstlich zu fürchten haben und dem wir mit aller Energie zu Leibe gehen müssen, wenn er uns nicht vernichten soll. Er wohnt in unserer Mitte, ißt und trinkt mit uns und buhlt um unsere Freundschaft. Wehe uns! wenn wir uns von ihm umgarnen und bethörcn lassen. Er spekulirt auf unsere Sorglosigkeit und Bequemlichkeit, auf den Leichtsinn der Jugend und auf die Unentschlossenheit des Alters, auf die Affenliebe der Eltern und die Eitelkeit der Kinder. Er versteht es, wenn wir nicht

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