Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 16 (23.2.1899)
- Date
- 1899-02-23
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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305 mich die Leute. Sie wissen ja, ich bin Metzgerlehrbub/' Der Wächter stampfte mit dem Fuß auf die Erde und rief: „Bist Du, Junge, so dumm, oder stellst Du Dich so?" „Ich, mir verstellend Oßur°), was hätt' ich davon?" „Wie heißt also Du und wie heißt Dein Meister?" „Das sind doch zwei Fragen auf einmal. Mein Tate sagt —" „Was geht es mich an, was Dein Tate sagt, gib mir auf meine Frage Aniwort." „Was wollen Sie also zuerst wissen?" „Wie heißt Dein Meister?" „Warum wollen Sie jetzt das zuerst wissen? Vorhin wollten Sie doch erst meinen Namen." „So nenn Deinen Namen zuerst, aber rasch, ich Hab' nicht länger Zeit." „Soll schem jisborach mich alt werden lassen hundert Jahr, werd ich doch nichts thun, was der Herr Wächter nicht will! Wie heißt der schöne Hund?" „Wie Du, heißt er. Doch jetzt sag' mir, wie heißt Du?" „Ha, ha, ha, macht der Herr Spaß! Der Kelef heißt wie ich, wenn Sie also wissen, wie der Kelef heißt, wissen Sie doch auch, wie ich heiße? Wozu fragen Sie mich?" Jetzt ward es dem Wächter doch zu arg. Er nahm den Knaben beim Arm, preßte denselben, daß der Junge vor Schmerz schrie und rief zähneknirschend °- „Sagst Du jetzt Deinen Namen oder soll ich Dir erst eine Tracht Prügel geben." „Der Herr weiß ihn ja; au, mein Arm! Der Kelef heißt ja gerade so." „Ich wills aber von Dir hören. Also . . „Mein Meister —" „Auch gut: wie heißt er?" „Können Sie's auch schreiben? 's ist ein schweres Wort." „Kümmere Dich nicht darum! Also, wie heißt er?" „Wer?" „Das ist doch zum rasend werden! Nimm Dich in acht, Canaille!" „So sagt der Meister auch zu mir, wenn er guter Laune ist und ich mein Sach gut gemacht habe!" „Das will ich ja alles nicht wissen; zum letzten Male frage ich Dich nun, wie heißt Dein Meister." Der Knabe befand sich arg in der Klemme. Er wußte, daß die Zollwächter nicht gut auf die Metzger zu sprechen waren und befürchtete, durch die Nennung des Namens seines Meisters demselben Ungelegenheiten zu bereiten. Hilfesuchend sah er sich um; er sah keinen Ausweg; wohl oder übel mußte er den Namen sagen. Der Wächter stand zum Schreiben bereit. Wenn er nicht sprach, konnte ihn der Wäch- 6) Sicher nicht. ter arretieren, dann kam er heute gar nicht mehr nach G. und sein Meister wartete vergebens. Wie zornig wird er sein! Prügel gab es sicher. Schon wollte er den Namen nennen, da kam ihm eine Idee. Wie, wenn er einen anderen Namen angäbe? Gedacht, gethan. Mit weinender Stimme sagte er. „Haman ben hamdoso heißt mein Meister; jetzt lassen Sie mich aber auch fort, sonst bekomme ich Prügel." „Was sagst Du? Du Hund! Was für ein komischer Name ist das! ' „Nicht wahr? Hab' ich Sie nicht gefragt, ob Sie können schreiben? Sehen Sie, Sie verstehn es nicht." „Kümmere Dich um Deine eigenen Sachen! Nochmals, wie heißt Dein Meister?" „Haman ben hamdoso," sagte der Junge wiederum weinend. „Das mag ein anderer schreiben;" schalt der Wächter. „Das ist gewiß ein ächter Judenname, den kein rechtschaffener Christenmensch sprechen und schreiben kann. Schreib' Du ihn hier in das Buch." „Ich! Wenn ich schreiben könnt, würd' ich kein Kazzef werden! Ein Wächter muß doch alles schreiben können. Uebrigens, warum wollen Sie so einen Namen in Ihrem Buch verewigen. Ich Hab' Ihnen nichts gethan, mein Meister hat Ihnen nichts gethan und daß Ihr Hund dieKallohaub hat gefressen, werd' ich kriegen ein paar Himer die Ohren und die Sache ist in Ordnung. Lassen Sie mich —" „So mach, daß Du fortkommst!" brummte der Beamte, der wohl einsehen mochte, daß er aus dem durchtriebenen Jungen doch nichts herausbringen konnte und zu dessen Verhaftung ihn nichts berechtigte. Kaum war das erlösende Wort gesprochen, da eilte der Knabe auch schon so rasch er laufen konnte, weiter, verfolgt von dem bellenden Hund, den erst ein schriller Pfiff seines Herrn zurückrufen mußte. In Schweiß gebadet kam der Knabe bei seinem Meister in G. an. Derselbe erwartete ihn bereits vor dem Thore zum Schlachthaus, um die Entscheidung des Rabbiners rechtzeitig zu vernehmen, denn es handelte sich um einen schweren Ochsen, der, wenn sein Fleisch trefah^) gewesen wäre, rasch in G. hatte verkauft werden müssen; nun aber, da dies nicht der Fall war, wurde das Fleisch noch rasch auf den Wagen gepackt und dann ging es in vollem Gallopp der Grenze zu, um vor Sabbateingang die Heimath zu erreichen. Während der Fahrt erzählte der Knabe sein Abenteuer mit dem Wächter, was dem Meister so gut gefiel, daß er anstatt der Schelte für sein Zuspätkommen Lob erntete für die feine Art, wie er sich aus der Schlinge gezogen. — Dieser Vorfall war fast aus dem Gedächtnis der dabei Betheiligten entschwunden, als das nahende Purimfeft ihn wieder allen in die Erinnerung brachte. Am Purim war gewöhnlich großes Festessen bei dem Rabbiner, wozu der Vorstand, die Lehrer und sonstige 7) Zum Genüsse verboten.