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Der Israelit · 1899-02-23 · Heft 16 (23.2.1899) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 16 (23.2.1899)
Date
1899-02-23
Page
– (sequence 21)
Language
German
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807 stark und fest, wachsam und vorsichtig sind, uns auf jene Wege zu führen, die fernab von der Tugend in den Pfuhl des Lasters und der Sünde führen. Dieser Haman ists, den wir zu fürchten haben, gegen den wir kämpfen müssen mit aller Energie, die uns zu Gebote steht. Fort muß er, aus unserm Hause, aus unserer Milte. Unsere Kinder dürfen ihn nicht sehen, seine verführerischen Worte nicht vernehmen, da sie Herz und Seele vergiften. Der Haman in unserer Mitte ist gefährlicher, als der, welcher uns von außen bedroht. Gegen Amalek konnte Israel streiten und ihn mit Gottes Hülfe besiegen — gegen Korach und seine Rotte war es machtlos, den mußte Gottes Strafgericht treffen, um Israel seinem verderblichen Einfluß zu entziehen. Ein neuer Korach, ein moderner Haman ist in unseren Reihen erstanden, es ist die furchtbare Gleichgültigkeit in Religions¬ und Glaubenssachen, die zu einer förmlichen Apathie den Jntereffen des Judenthums gegenüber geworden ist. Wir hören wie das Judenthum beschimpft, seine heiligen Gesetze und reinen Lehren gefälscht und verächtlich gemacht werden und wir schweigen dazu; wir sehen wie unsere Kinder in Nnkenntniß unserer heiligen Sprache und Religion aufwachscn und verschließen unsere Augen; wir fühlen den Druck, den der Antisemitismus auf uns und unsere heiligsten Empfindungen ausübt und dulden schweigend! Es ist, als ob das Judenthum uns nichts anginge, denn erst dann, wenn der Jude getreten wird, schreit er auf und setzt sich zur Wehr und er überläßt den Kampf für das Judenthum — Anderen. Das ist der neue gefährliche Haman, den wir bekämpfen müssen. Der Jndifferentismus, die Gleichgültigkeit in religiösen Dingen schadet unserem Volke mehr, als alle Antisemiten der Welt, Haman und seine Söhne, seine Anhänger und Freunde wurden gehängt — ein Wort des Königs, ein einziger Federzug machte ihrem Leben und Wirken ein Ende, welajehudim hojso oro, wesimcho, wesoson, wijekor und den Juden ward Licht und Freude, Jubel und Rettung. Den Haman in unseren Kreisen, den Jndifferentismus, kann kein Befehl eines noch so mächtigen Königs vernichten; das müffen wir selbst thun, das Judenthum müssen wir uns erhalten. Mögen die Antisemiten wüthen und toben im Kampfe gegen die Juden; so lange das Judenthum in Israel eine sichere Stätte findet, ist ihr Treiben vergeblich; sie werden, wie einst Haman, an ihrem eigenen Werke zu Grunde gehen. Dagegen laßt uns wach sein im Kampfe gegen die Feinde des Judenthums, wenn erst diese vernichtet sein werden, wird es keine Feinde der Juden mehr geben —- jitammu chatoim min hoorez urschoim od enom. Darum wollen wir den Hamon in unseren Reihen bekämpfen, damit der neue Haman draußen machtlos werde, denn nur, wenn wir uns das Judenthum erretten, es rein und unverfälscht hoch halten, treffen die Worte der Megillah ein, welajehudim jihje oro, wesimcho, wesoson, wikor."— Nach diesen Worten des Rabbiners herrschte erst eine heilige Stille. Dann kamen die Gäste einzeln zu ihm hin, drückten ihm die Hand und riefen ihm ein: jejascher Koachi") zu. Das Gastmahl war zu Ende und die Gäste begaben sich auf den Heimweg. Die Worte des Rabbi hatten die meisten von ihnen getroffen, denn sie erkannten, daß sie auf falschem Wege waren und anstatt gegen die Feinde des Judenthums gegen die Feinde der Juden ihre Waffen gerichtet hatten. Man beschloß am folgenden Tage zusammenzukommen und zu berathen, wie man im Sinne der Worte des Rabbiners sich für die Folge verhalten wolle. Als Rephoels Meister nach Haufe kam, traf er den Knaben weinend an. Er fragte nach der Ursache seiner Thränen und erfuhr, daß der Wächter, den er im Walde so gefoppt habe, heute vorbeigekommen sei, ihn erkannt und ihm mit dem Finger gedroht habe. Der Meister beruhigte ihn und nahm ihn mit ins Zimmer. Ganz erstaunt ob solcher Freundlichkeit folgte der Lehrling seinem Meister. „Sag' mal", begann dieser, „wie weit bist Du eigentlich im Hebräischen gekommen?" „Ich!" stotterte der Knabe, „ich, — ich weiß nicht —" „Kannst Du das ganze Chumeschn) übersetzen?" „I, bewahre, Meister, ich wollt' doch kein Rav12) werden." „Also meinst Du, nur der Rav braucht was zu kennen. Von heute an gehst Du jeden Tag eine Stunde lernen. Ich werde mit dem Melamed^) reden. Es ist ja eine Charp^"), was für ein am hoorez''') Du bist.' Unser Rao hat Recht; die Jugend kann und kennt nichts mehr von Jüdischkeit; das ist der schlimmste Homon für uns." „Meister," warf jetzt der Lehrling ein, „ich weiß nicht, ob mein Vater das mir abgemacht hat; ich soll Metzger werden, aber kein, kein—" Der Meister sah ihn ob dieser Antwort starr an, so daß er den Satz nicht beenden konnte, dann sagte er mit fester, keinen Widerspruch zulaffender Stimme: „Ein jüdischer Metzger muß Jüdisch können, muß bewandert sein in den Gesetzen der heiligen Lehre. Er ist nicht nur Fleischverkäufer, wie sein christlicher College, nein, er ist inehr. Ec genießt das Vertrauen seiner Glaubensgenoffen, daß er ihnen Fleisch liefere, dessen Genuß kein Religionsgesetz verbietet. Das ist ein hohes Vertrauen, ein Vertrauen, von dem unser Seelenheil abhängt. Wie kann man dieses Vertrauen einem Menschen schenken, der die Religionsgesetze nicht genau kennt, sie nicht selbst zu studieren vermag? Der Unwissende, sagen unsere Weisen, kann nie fromm sein; der jüdische Metzger darf nicht unwissend sein und darum wirst Du von t<>) Deine Kraft mehre sich' 11» Fünf Bücher Moseo. 12) Rabbiner. 13) Lehrer. 14) Schande. 15) Unwissender.

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