Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 16 (23.2.1899)
- Date
- 1899-02-23
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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304 beuten gehört und er war so vertieft, daß er das leise Klopfen an der Thüre überhörte. Abermals klopfte es leise, doch der Rabbiner hörte es nicht und erst als vor der Thüre Schluchzen und leises Weinen gehört wurde, da ward er aufmerksam. Er erhob sich, ging zur Thüre und öffnete dieselbe. Vor der Thüre stand ein halberstarrter Knabe von ungefähr dreizehn Jahren; neben ihm ein kleines Körbchen, in welchem ein Theil vom Eingeweide eines Ochsen unter Tüchern lag. „Nun, Rephoel," sagte der Rabbi gütig, „was bringst Du, warum weinst Du?" „Ach, Rabbi," erwiederte der Knabe, „cs ist so kalt und ich muß vor Schabbos wieder nach G. und hierher zurück und der Rabbi hat gar nichts gehört und cs ist schon spät, und ich Hab' doch zweimal gepocht —" „Und was bringst Du denn?" fragte der Rabbi, ihn unterbrechend. „Ich Hab' eine Schaaloh J) vom Meister," antwortete noch immer schluchzend der Knabe und deckte den Inhalt des Körbchens auf; „hier die Kallohaub-), soll ich sie dem Rabbi zeigen?" Der Rabbiner ließ den frierenden Knaben eintreten und an dem warmen Ofen Platz nehmen, während er sich an die Untersuchung des übersandten Objects machte. So gewiffenhast ist kein Arzt, kein Chemiker bei irgend einer Untersuchung, wie der Rabbiner jetzt war. Er holte ein scharfes Meffer herbei und schnitt damit in das zu untersuchende Object, er hielt dasselbe gegen das Licht, er betastete und befühlte es. Dann las er wieder in jenen dicken Folianten, sann hin und her, nahm wieder ein anderes Buch, b.'ättcrte und las darin und murmelte dem Knaben unverständliche Worte. Endlich, nach fast einstündiger Arbeit wandte er sich zu dem Knaben und sagte: „Rephoel, sag' Deinem Meister, dem Herrn Eliah, die Vehemoh") sei koscher^). „Ich danke schön, Rabbi," entgegnete der Knabe aufstehend und sich reckend. Dann nahm er das untersuchte Object, wickelte cs in einen alten Lappen, legte es in sein Körbchen und entfernte sich. Der Rabbi wandte sich wieder seiner Arbeit zu und sein freundliches Antlitz strahlte vor Begeisterung, während er sich mit den Worten der Lehre beschäftigte. Der kleine Metzgerlehrling trottete eilig seinen Weg, der ihn nach der Grenze führte. Es war 1) Verlangen nach einer religion-gesetzlichen vom Rabbiner zu treffenden Entscheidung. 2) Ein Theil des Wanstes, in dein sich leicht Fremdkörper. Nadeln :c.. die das Bich beim Fressen mit verschlingt, festsetzen, wodurch der Genuß des Fleisches des betr Thieres religionsgesetzlich verboten iverden kann. Die sehr schwierige Entscheidung, ob daS Fleisch znm Genuß verboten oder erlaubt ist, trifft der Rabbiner. 3) Vieh. 4) Zum Genüsse der Inden erlaubt. ziemlich spät geworden uitb wenn sein Meister das Fleisch noch vor Beginn des Sabbat nach Hause schaffen wollte — was nur mit Koscherfleisch5) geschah — so mußte er sich recht sehr beeilen. Ohne nach rechts oder nach links zu blicken, eilte er seines Weges und war tödtlich erschrocken, als ihm mitten im Walde ein drohendes „Halt" entgegentönte. Er blieb stehen und blickte ängstlich den Rufenden an. Dieser, ein Zollwächter, mit dem Gewehr über der Schulter und von einem großen Hunde begleitet, weidete sich erst eine Weile an der Angst des Knaben, der kein Auge von dem ihn beschnuppernden Hunde ließ, dann fragte er barsch: „Wohin willst Du?" „Rach G.," war die prompte Antwort. „Woher kommst Du?" „Aus B." „Was hast Du da im Korb?" „Ein Stück Kallohhaube, gnädigster Herr Zollwächter." Der Hund schnüffelte fortwährend an dem Körbchen herum und wies dem Knaben, als dieser das Körbchen wegnehmen wollte, fletschend die Zähne. Der Knabe fürchtete sich sehr und zitterte und bebte vor Angst. „Was hast Du da? vcrd .... Brut!" schrie der Zollwächter, indem er den bedeckenden Lappen mit zwei Fingern ergriff und aus dem Körbchen hcrauswarf. Kaum war das geschehen, da erfaßte der Hund auch die Kallohaube mit seinen Zähnen uub sprang in großen Sätzen davon. Der Wächter rief ihm vergeblich. Als er nach einiger Zeit, sich die Schnauze leckend, wiederkehrte, war der Raub verzehrt und die Prügel, die der Hund für seine Unfolgsamkeit erhielt, konnten an der Sache nichts mehr ändern. Der Knabe erfaßte denn auch sofort den Borthcil seiner Lage und erwiederte: „E teiere Kallohhaub, Herr Wächter, die wird sich der Meister gut bezahlen laffen." „Halt Dein ungewaschenes Maul, elender Schlingel," schrie der Wächter, „und sage mir wie Du heißest." „Das kann ich nicht," versetzte der Knabe, „das Maul halten und zugleich Antwort geben." „Still! Judenbrut! Wie heißt Du?" „Warum will der Herr Wächter wissen meinen Namen? Hat doch Ihr Hund meine Kallohaube genommen. Werd' ich fragen den Herrn Wächter Nr. 15 wie er heißt!" „Frech genug wärst Du dazu; also." und er machte sich zum Schreiben bereit, „wie heißt man?" „Wie meinen Sic das, Herr Wächter?" „Zum Kuckuck, Junge, mache mich nicht böse, wie man Dich ruft, will ich wissen." „Ach so, jetzt versteh' ich; Rephoel Kazzef rufen 5) Den: Israeliten zum Genuß erlaubtes Fleisch.