Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 16 (23.2.1899)
- Date
- 1899-02-23
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Orthodoxe «NuderrthumÄ |-Q/V\ OSES m Mt LNr. 3. 23. Feb. 1899.^ m^rnl iS) neuer Ulaman. Aus dem literarischen Nachlaß von H. Berger. In den jüdischen Kreisen des kleinen Marktfleckens B. in Sachsen, nahe der böhmischen Grenze, herrschte seit einigen Wochen eine leicht erklärliche Aufregung. Das von der Regierung erlassene Schächtverbot hatte die sächsischen Unterthanen jüdischen Glaubens des wichtigsten Nahrungsmittels beraubt und sie gezwungen, entweder auf den Fleischgenuß zu verzichten, oder sich mit rituell geschlichtetem Geflügel zu begnügen, oder aus dem Nachbarlande eingeführtes, geschächtetes Fleisch, worauf ein hoher Zoll stand, für jede Mahlzeit noch eine besondere Steuer zu entrichten. Das Schächtverbot. welches die Thiere gegen Quälerei schützen sollte, war den Einwohnern von B. zur Qual geworden. In V. war die Hauptbeschäftigung der Bewohner der Bergbau und die Fettviehzucht, und alles Fettvieh, welches dort erzeugt, wurde von den dortigen jüdischen Metzgern gekauft, geschächtet und nach Berlin, Dresden, Leipzig, Teplitz, Carlsbad je. versandt. Sie erzielten gute Preise und konnten, da man stets nur prima Waare lieferte, auch gute Preise zahlen. Mit dem Schächtverbot war die Erwerbsquelle der vielen jüdischen Metzger des Marktfleckens, aber auch die der wohlhabenderen Einwohner verstopft. Die Metzger bezogen, wie eingangs erwähnt, ihr Fleisch aus dem Nachbarlande, ja einige hatten sich schon vereinigt und in dem böhmischen Städtchen G. eine Schlachterei errichtet, nur mit dem Unterschiede, daß sie anstatt wie früher sächsisches Vieh, jetzt böhmisches Vieh schächteten und auf diese Weise ihr so schwer geschädigtes Geschäft zu erhalten suchten. Darüber gab es großen Aufruhr unter den Bauern; denn sie waren jetzt gezwungen, ihr Fett- Nachdruck verboten. vieh auf den Markt zu treiben und dort erzielten sie so niedere Preise, daß sich die Mastzucht als unrentabel herausstellte. Gar oft mußten sie, wenn sie nicht noch Geld verlieren wollten, mit ihrem Vieh wieder nach Hause ziehen und hatten außer der Mühe und dem Zeitverlust, noch den Aerger, das Vieh weiter füttern zu müsien. Kurz, das Schächtverbot traf die Christen in B. ebenso hart, ja noch härter, als die Juden und die Unzufriedenheit und die Mißstimmung wuchs von Tag zu Tag. Der erste Vorsteher der jüdischen Gemeinde hatte im Verein mit dem Rabbiner Fürsorge getroffen, daß selbst die ärmeren Familien zum Sabbat koscher geschächtetes Fleisch erhalten konnten und so mußte man sich einrichten, mußte Haushalten, um nichts zu entbehren und das Gebot unserer heiligen Religion inne halten zu können. Als die Leute in B. sahen, daß das Schächtverbot ihnen mehr schade als den Juden, da wurden sie erbost über dieselben und sie machten die Juden dafür verantwortlich, daß ihre Einnahme durch den Verkauf von fettem Vieh immer kleiner wurde. Der Aerger wuchs immer mehr und der Groll, der von den Antisemiten stets geschürt wurde, ward immer größer. Es befand sich kein christlicher Metzger, der Rindvieh schlachtete, am Platze und so mußten selbst die Christen, wenn sie Rinderbraten essen wollten, das durch das Schächtverbot vertheuerte Rindfleisch beim jüdischen Metzger kaufen. Es war an einem Freitage; der Rabbiner saß in seinem Studirzimmer über Folianten gebeugt und arbeitete an der Predigt, die er morgen in der Synagoge halten wollte. Er suchte eine Stelle im Talmud, die er einst von seinem Lehrer so herrlich