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Der Israelit · 1899-02-23 · Heft 16 (23.2.1899) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 16 (23.2.1899)
Date
1899-02-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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fiel zusammen mit der Verhaftung und dem Selbstmord Henrys, indessen sei dieselbe, soviel ihm erinnerlich, nicht auf dem Kongreß beschlossen worden. Rußland. Petersburg. Im Gouvernement Wladimir waren plötzlich die Juden aus allen Gymnasien ausgeschlossen worden und die jungen Leute, die nicht das Wohnrecht hier hatten, wurden nach dem Ansiedelungsrayon verwiesen. Durch diese vom Gouverneur angeordnete Maßregel sind eine Menge junger Israeliten betroffen worden, worunter manche, die in wenigen Monaten die Gymnasialkurse beendigt haben würden. Erfreulicherweise hat der Minister des Innern gemeinsam mit dem Unterrichtsminister die ganze Verfügung des Gouverneurs aufgehoben. Ebenso ist eine andere vexatorische Maßregel im Gouvernement Orel durch Senatsbeschluß annullirt worden. In dem Städtchen Trudschefsky war den dort wohnenden Juden auf Befehl des Gouverneurs von Orel eine besondere Steuer auferlegt worden, weil dieses Gouvernement außerhalb des Ansiedelungsrayons liegt, die Juden also für das Wohnrecht dort eine besondere Steuer zu entrichten hätten. Die Herren Badjansky und Krugljakoff appellirten an den Senat und dieser entschied, daß die Steuer aufzuheben sei, weil im Gouvernement Orel ohnehin nur Juden wohnen dürften, die das Wohnrecht für ganz Rußland besäßen, diese aber auch keine besondere Steuer zu bezahlen hätten. Gewöhnlich nahmen die Gemeindebehörden aus den Erträgnissen der jüdischen Steuern recht erhebliche Summen für ihre lokalen Zwecke, Straßenpflasterungen rc., der umgekehrte Fall, daß sie den Juden Geld geben, ist recht selten. Dennoch kommt auch dies vor. In Wilna haben die Stadtbehürden als Zuschuß für die Errichtung eines jüdischen Armenhauses eine Summe von 6000 Rubel bewilligt. Türkei.? Cyperrr. Auf unserer Insel ist unter der englischen Verwaltung vollkommene Gleichberechtigung aller Konfessionen die Regel. Wir haben sogar einen jüdischen Polizeiinspektor mit Hauplmannsrang. Es ist dies ein gewisser Paul Blattner, der 1877 nach Cypern kam, um als Kaufmann fein Glück zu versuchen, dann 1879 in die neugebildete englische Polizei eintrat und hier seinen hohen Rang allmählich erwarb. Er ist ein gründlicher Kenner des englischen und des einheimischen Rechtes, und spricht zugleich Englisch, Französisch, Deutsch, Türkisch, Arabisch und Griechisch. Lange Zeit war er der einzige Jude auf Cypern und ist noch der einzige in seinem Wohnort Nikosia, dennoch hat er nie sein Judenthum verborgen, sondern sich immer laut dessen gerühmt. Die Kolonisten von Adawath Zion haben von ihm viele Gefälligkeiten e npfangen. Afrika. Algier. Hierselbst wurde am 2. Febr., wie der ^Voss. Ztg." gemeldet wird, der jüdische Hilfsarzt des öffentlichen Krankenhauses begraben, der in der Pflege Typhuskranker selbst von der Seuche ergriffen und weggerafft wurde; zum ersten Mal feit dem Beginn der antisemitischen Bewegung in Algerien sah man christliche Algerier in ziemlicher Anzahl einem jüdischen L^ichenzuge folgen und an einer eindrucksvollen Trauerfeier am offenen Grabe bewegt theilnehmen. Das hat die große urtheilslose Masse jedoch nicht abgehalten, wenige Tage später bei dem Empfang Rochesort'S wieder in den allgemeinen Ruf „wort aux Juifs“ einzuftimmen.? Algier Die Lage der Juden in unserer Kolonie ist überaus traurig, viel schlimmer als man dies in der Ferne glaubt. Von den höchstens 60,000 jüdischen Seelen, die sich in der ganzen Provinz befinden, sind gegenwärtig mindestens 20,000 gezwungen, um leben zu können, Almosen anzunehmen, da man ihnen die Möglichkeit abgeschnitten hat ihr Brod zu verdienen, sei es durch Chikanen der Stadtverwaltung, sei es dadurch, daß man die Fabriken, große Gesellschaften rc. durch allerlei Drohungen gezwungen hat, ihre jüdischen Angestellten und Arbeiter zu entlassen. Zehntausend jüdische Personen finden, noch kümmerlich ihr Brod als Arbeiter, Hausirer rc., aber auch sie sind fortwährend geschädigt und nur zu oft genöthigt, sich über die Zeit der Arbeitslosigkeit durch Verkauf oder Verpfändung ihrer geringen Habseligkeilen hinwegzuhelfen. Die 10 bis 12,000 Personen, die von den Ladengeschäften, sowie überhaupt kaufmännischen Betrieben kleinen Umfanges leben, sind etwas besser daran; hält aber die Verhetzung und Bedrohung der Kundschaft, die in jüdischen Geschäften kauft, noch weiter an wie bisher, so stehen auch sie vor dem Bankerott und Ruin. Höchstens ein Sechstel der jüdischen Bevölkerung ist besser gestellt und von den Angriffen der Hetzer verschont geblieben. Was wird das Loos der anderen fünf Sechstel sein? Die Sammlungen in Paris haben sehr wenig ergeben, kläglich wenig, uud nur die Baronin Hirsch ist in nimmer ermüdender Wohlthätigkeit auch diesmal vor den Rch getreten. Sie hat zwei Millionen Francs gespendet, um für die von ihren christlichen Brodherren des Antisemitismus halber entlaffenen jüdischen Arbeiter Arbeit zu verschaffen. Die eracte Verwendung dieser Summe ist noch nicht festgesetzt, weil man noch warten muß, bis die Ordnung in der Kolonie definitiv wieder hergestellt ist.

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