Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 16 (23.2.1899)
- Date
- 1899-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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290 welchen Ungarn seine Freiheit theilte, die Waffen gegen Ungarn erhob, brachte der hebräische Stamm, der ungarischen Nation Gut und Blut, sein Vermögen und seinen Geist zum Opfer für die Verteidigung der verfaffungsmäßigen Freiheit, jener hebräische Stamm, welchen die Gesetzgebung allein außerhalb der Schanzen der Verfassung vergessen hatte, jenes jüdische Volk, welches allein kein Bürgerrecht, keine Gleichheit unter den Millionen dieses Volkes erhalten hatte, welches aber dennoch sein Vaterland liebte. Ich, der ich die glorreichen und traurigen Ereignisse dieser lehrreichen Vorgänge in unmittelbarer Nähe der damals leitenden Kreise miterlebt habe, kann nur bezeugen, daß die zahlreichen Daten dieser bewundernswerthen Vaterlandsliebe der Juden, die in diesem Buche gesammelt sind, wahr sind. Die Geschichtsliteratur schuldet diesem Werke Dank, das ungarische Publikum möge daraus beherzigenswerthe Lehren ableiten, und den ungarischen Juden möge das befolgenswerthe Beispiel ihrer Altvorderen wie die biblische Feuersäule voranleuchten." -d- München, 20. Febr. Ist das Judenthum ein soziologisches Problem? Ueber dieses Thema hielt jüngst der Nationalöconome Herr Dr. Hollender im hiesigen Verein für Jüd. Geschichte und Literatur einen sehr bemerkenswerthen Vortrag. Unter Soziologie habe man diejenige Wissenschaft zu verstehen, die feftstellen will, in welchem Verhältniß der einzelne Mensch oder eine bestimmte Klaffe von Menschen mit Rücksicht auf angeborene Eigenschaften, anhaftende Fehler, Schwächen, Krankheiten >c. zur gesammten großen Menschen-Familie stehen. Monotheismus auf der einen, Polytheismus auf der anderen Seite, waren in den ältesten Zeiten Ursache, daß das jüdische Volk unter den anderen Nationen eine scharf gesonderte Stellung einnahm. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß noch heute und zwar in verschärftem Maße unserem Volke der Vorwurf gemacht wird: Alle Völker ohne Ausnahme, die in Gemeinschaft mit anderen Nationen zusammen lebten, haben längst ihre Eigenthümlichkeiten, ihre Sonderheiten abgestreift, nur das Judenthum vermag sich nicht zu amalgamiren. Mit den antisemitischen Klopffechtern, denen das Hetzen Beruf und das Verläumden Lebenselement ist, will sich Redner nicht befassen, vielmehr unter einer Sturmfluth von literarischen Werken und Broschüren nur drei Schriften heraussuchen, deren Verfasser, wenn auch alle drei judenfeindlich, sich nach Möglichkeit bemüht haben, in ihrer Polemik sich auf den wissenschaftlichen Boden zu stellen. Ed. von Hart mann behandelt die in Rede stehende Frage in einer 1885 erschienenen Schrift: „Judenthum in Gegenwart und Zukunft." Der Verfasser will das Judenthum vom ethnographischen Standpunkt betrachtet wissen, die strenge Abgeschlossenheit, die vor Jahrtausenden die nothwendige Folge ihres Monotheismus gewesen, setzt sich auch späterhin fort. Die alten Völker, bei denen sich das jüd. Volk niederließ, verschwanden alle vom Erdboden, früher oder später. Hartmann gedenkt dann der Verfolgungen und Niedermetzelungen, welche die Juden im Mittelalter erfuhren und die aus die Entwickelung ihres.Wesens nicht ohne Einfluß bleiben konnten; heute noch sei das Judenthum Erbin jeder Unterdrückung. Das deutsche Volk habe einen ganz anderen Werdegang aufzuweisen, deßhalb sei eine Amalgamirung nicht möglich, abgesehen vom Raffen- Unterschied. Hartmann erwähnt dann, daß Momsen das Vorhandensein der Juden unter den Deutschen vom Standpunkt der Utilität aus als sociale Nothwendigkeit betrachtet und sie „Hechte im Karpfenteich" nennt. Nach Hartmann bilden die Juden im Parlament die Decomposition, man fände sie vielfach beim Negiren, bei den Feinden der jetzigen Gesellschaftsordnung u. s. w. Um als gleichberechtigt anerkannt zu werden, müsse das Judenthum vor Allem auf die Prätention „auserwähltes Volk" verzichten. Das einzige Heil, welches zur erwünschten Amalgamirung der Juden führen könne, erblickt Hartmann in Mischehen und Zwangstaufen. Zu letzteren sei der Staat — wie Staatsrechtslehrer Meier ausführe — berechtigt. Als zweite Schrift erwähnt der Vortragende eine solche von Böhnik: „Ueber die Judenfrage", 1898. Dieser hebt hervor, das Wesen der Juden sei von einem stark militärischen Zug durchsetzt. Man stoße auf viel berechtigten, aber auch auf unberechtigten Egoismus; letzterer sei zum Theil vielleicht noch damit zu erklären, daß die Juden zu lange vom wirthschaftlichen und Erwerbsleben ausgeschlossen blieben und eine isolirte Stellung einnehmen mußten. Aus der Betrachtung der Kriminalstatistik, aus dem verhältnißmäßig großen Antheil der Juden an Bankerotten, betrügerischen Bankerotten und Meineiden, aus der nach seiner Meinung gewaltigen Anzahl von Freisprechungen will Böhnik den Schluß ziehen, die Juden seien in Schlauheit, Spitzfindigkeit und Geriebenheit allen anderen weit voraus. In Zwangstaufen erblickt Böhnik keine Lösung des soziologischen Problems, dagegen hofft er alles von Mischehen. Wenn durch solche die Amalgamirung zu erzielen sei, so wäre darin ein Vortheil zu erblicken mit Rücksicht auf den Zusatz von Schlauheit, den das jüdische Element mit sich bringe. Als dritte und schlechteste von den drei schlechten Schriften, bezeichnet der Redner die von Cäsar Lombroso, die 1894 in deutscher Uebersetzung erschienen ist. Der Verfasser habe die ödesten Gemeinplätze nicht verschmäht, alle möglichen, längst verbrauchte Statistiken in Anwendung gebracht und sich zu der