Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1899)
- Date
- 1899-02-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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273 finden wir einen solchen Kaufmann der Gesandtschaft Karl des Großen an Harun al Raschid beigegeben. Auch im Sagenkreise Karls des Großen finden wir die Gestalt des jüdischen Weltkaufmanns. ZumTheil trieben die Juden auch Gewerbe oder Ackerbau; in einer von mehreren uns erhaltenen Judenkunden Ludwig des Frommen lernen wir sogar jüdische Großgrundbesitzer kennen. Die Kirche war gegen den Grundbesitzerwerb durch Juden; aber trotz des Einspruchs der Päpste wuroe dieser den Juden durch Karl und Ludwig gestattet. Auch von einem tüchtigen jüdischen Arzte hören wir gelegentlich. Für die geachtete Stellung der damaligen Juden zeugt die Eidesformel und eine Anzahl Judengesetze, die uns aus jener Zeit überliefert sind. Auf religiösem Gebiete erfreuten sich die Juden vollster Freiheit und Achtung; die Kaiserin Judith, die allmächtige Gebieterin am Hofe Ludwigs, hatte für das Judenthum eine gewisie Vorliebe und zeichnete die Juven mit Gunstbezeugungen aus. Juden gingen am Hofe aus und ein, jüdische Frauen wurden von den Eoeldamen des Hofes beschenkt. Die jüdischen Kanzelprediger gefielen den Christen, welche die Synagoge besuchten, weit bester als die christlichen Geistlichen. Dem großen Theile der christlichen Geistlichkeit an Bildung überlegen, wagten es die Juden sogar in Controversen sich abfällig über das Christenthum auszusprechen. Wege« der Gunstbezeugung am Hofe und ihrer geistigen Ueberlegenheit vor allem erstand den Juden ein großer Feind in Erzbischof Agobard von Lyon, der keinen Versuch unterließ, den Kaiser von seiner judenfeindlichen kirchlichen Anschauung zu überzeugen, daß man Juden nicht nur nicht begünstigen, sondern selbst im Verkehre meiden müste. Die hierauf bezüglichen Briefe Aqobardr an den Kaiser geben interessante Aufschlüsse über die außerordentlich günstige Lage der Juden, über den großen Abstand zwischen der Toleranz Ludwigs und der Intoleranz der kirchlichen Tradition. Agobard beredete unter Anderen die Sklaven der Juden, sich laufen zu lassen, und ließ sie ihnen dann wegnehmen, da sie keine christlichen Sklaven halten dürften. Trotz aller seiner Chicanen fanden die Juden beim Kaiser schließlich ihr Recht und erhielten die Sklaven zurück. Agobard wurde sogar seines Amtes enthoben, später aber wieder eingesetzt. Ludwig blieb selbst dann noch den Juden gewogen, als im zweitletzten Jahre seiner Regierung ein hochgestellter Geistlicher Namens Boda zur tiefsten Bestürzung Aller aus Ueberzeugung zum Judenthum übertrat. Dies änderte plötzlich die Gesinnung des Kaisers und von dieser Zeit ab kann man die ungünstige Wendung in dem Schicksal der deutschen Juden im Mittelalter datiren. Reicher Beifall lohnte den gelehrten Redner. Nürnberg, 16. Febr. Auf eine Anfrage bei Pastor v. Bodelschwingh in Bielefeld wurde von einem seiner Mitarbeiter der folgende interessante Brief geschrieben: „Sehr geehrter Herr! Im Auftrag des mit Arbeit überlasteten Pastors von Bodelschwingh und mit dessen Empfehlung theile ich Ihnen auf Ihre geschätzte Anfrage Folgendes mit: Die in Ihrem Schreiben geschilderten Verhältnisse waren mir aus dem stenographischen Bericht über den Deutsch-Israelitischen Gemeindetag in Berlin bereits bekannt. Aus einem demnächst erscheinenden Heft unserer Vereinszeitschrift, welches ich Ihnen zu übersenden nicht verfehlen werde, mögen Sie einige dort zur Sache gemachte Bemerkungen entnehmen. In unserer westfälischen Arbeiterkolonie Wilhermsdorf sind bis jetzt gegen 9000, darunter auch 28 Israeliten, ausgenommen und durchschnittlich je 3 Monate beschäftigt und verpflegt worden. Zur Arbeit am Samstag wird man keinen Israeliten zwingen, wenn er nur sonst den Beweis liefert, daß er gern arbeitet. Es erscheint mir aber sehr wünschenswerth, daß, nach dem in Berlin von Herrn Rosenstiel gemachten Vorschlag, neben den jetzt in Deutschland bestehenden 29 Kolonien, welche auf christlicher Grundlage beruhen und theils evangelisch, theils katholisch, größtentheils aber paritätisch sind und alle, so viel ich weiß, auch Israeliten aufnehmen, daß also neben diesen auch einige besondere jüdische Zufluchtsstätten für Arbeitslose geschaffen werden. Die Schädlichkeit des jetzigen Baarunterstützungs- und Abschiebungssystems, wie es die jüdischen Gemeinden und Vereine und deren Verbände nothgedrungen noch immer zur Anwendung bringen, ist ja so klar erkannt und nachgewiesen worden, daß es wohl kaum noch ernste Vertheidiger finden wird. So gut wie in Berlin kann doch auch wohl an anderen Orten ein besonderer Arbeitsnachweis für israelitische Glaubensgenossen eingerichtet werden, wenn auch in entsprechend kleinerem Umfang; das Angebot von Arbeitsgelegenheit ist der einzig sichere Prüfstein, um schuldlos Arbeitslose von Arbeitsscheuen zu unterscheiden. Für Diejenigen, welchen mit dem Arbeitsnachweis nicht zu helfen ist, braucht man eigene Arbeitsstätten, ländliche oder städtische; letztere giebt's z. B. in Berlin, Hamburg, Magdeburg. Die Asyle für Obdachlose halte ich, weil Ihnen das Arbeitsprinzip fehlt, für schädlich, „eine soziale Kurpfuscherei." Die Kranken, Krüppel und Siechen müssen der armenrechtlichen Versorgung (§ 538 des Reichsgesetzes über den Unterstützungs- Wohnsitz gilt freilich nicht in Bayern) theilhaftig gemacht werden. In Rußland hat die Kaiserin für Einrichtung zahlreicher Arbeitshäuser viel gethan; wie wäre es, wenn begüterte deutsche Israeliten, angesehene Leute, sich mit Freunden in Petersburg und Warschau in Verbindung setzten, um in Verbindung