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Der Israelit · 1899-02-20 · Heft 15 (20.2.1899) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 15 (20.2.1899)
Date
1899-02-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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272 Wir bestreiten daher unseren reformjüdischen Brüdern ganz entschieden die Ehre vom Grafen Pückler allein als fluchwürdig und Hassenswerth hingestellt zu werden. Auch über die kleine Zahl der frommen und über die große Zahl der abgefallenen Juden bewegt sich der Herr Graf in einem offenkundigen Jrrthum. Noch Leroy-Beaulieu beträgt die Gesammtzahl der Juden 7—8 Millionen gegen eine christliche und mohamedanische Gesammtbevölkerung von 400 oder 600 Millionen. Die überwältigend große Mehrzahl dieser 7—8 Millionen Juden hängt in unerschütterlicher Treue an der Religion der Väter fest. Vielleicht verdienen die Juden, die gerade Herr Graf Pückler persönlich zu kennen Gelegenheit hatte, den schweren Vorwurf der Religionslosigkeit, den er gegen sie erhebt, aber die allgemeine Form, in welcher er ihn ausspricht, entspricht sicher nicht der Wahrheit. — Wer sich je den Druck, die Schmach, die Verfolgung und die Verführung klar gemacht hat, unter welchen die Judenheit seit Tausenden von Jahren leidet, kann sich billigermaßen nicht darüber wundern, daß sie auch einen kleinen Prozentsatz fahnenflüchtiger Elemente hat. Wie aber Herr Graf Pückler die thatsächlichen Verhältniffe selbst denen gegenüber verkennt, welche die Religion der Väter nicht beachten, das soll in folgender Darstellung an einigen Behauptungen des Herrn Grafen gezeigt werden. Dieselben sind so voller Widerspruch, daß man sie eigentlich nur gegen einander zu halten braucht, um sie gegenseitig aufzuheben. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. ER, Berlin, 12. Febr. Der Vorsitzende, Herr Louis Sachs eröffnete die heutige Repräsentantensitzung mit der Bemerkung, daß Herr R. Mosse verreist und an dessen Stelle Herr Willibald Löwenthal einberufen sei. Statt des ausscheidenden Herrn Louis Bamberger ist Herr Geheimrath Boas in den Vorstand eingetreten. Der Jahresbericht des Kreisschulinspectors Herrn Dr. Lorenz über die Knaben- und Mädchenschule wird entgegengenommen. Herr Prof. Geiger betont das besondere Interesse, welches Herr Dr. Lorenz den Schulen widmet. Einstimmig wird Herr Julius Landsberger zum Vorsteher-Stellvertreter gewählt. In die Commission zur Vorbereitung der Rabbinerwahl wurden die Herren Geheimrath Blumenthal, Leonhard Sachs, Geheimrath Senator, Syndicus Dr. Minden, Prof. Geiger und Julius Oppenheim gewählt. Berlin, 16. Febr. Ueber das Verhältniß des Fürsten Bismarck zum Antisemitismus äußert sich in einer Besprechung seiner „Gedanken und Erinnerungen" Ludwig Bamberger in der „Nation": „Wie die Franzosen Bismarck für ihren Gegner aus Stimmung hielten, so haben ihn vielfach auch die Juden für einen Antisemiten gehalten, ebenfalls meines Erachtens irrthümlich, aus oben geschilderten allgemeinen Gründen. An dem Aufkommen des Antisemitismus der Stöcker und Treitschke war er unbetheiligt. Aber es gehörte zu seiner Methode, ein Geschoß, das ihm andere geschmiedet, nicht von der Hand zu weisen, es für vorkommende Fälle in seinem Arsenale niederzulegen, es bald zur Einschüchterung, bald zur Herabsetzung eines Gegners zu verwerthen. Als Friedenthal sich vom landwirthschaftlichen Ministerium zurückzog, weil er den mit Getreidezöllen eingeleiteten agrarischen Feldzug nicht mitmachen wollte, nannte er ihn, wie man sich im Foyer des Reichstags erzählte, im vertrauten Kreise einen semitischen.Busch thut sein Möglichstes, um Bismarck als einen Antisemiten hinzustellen. Aber es gelingt ihm nicht, so oft er auch versucht, ihn dazu zu bekehren; nämlich Busch selbst trieft von Antisemitismus. Es wäre auch schade und unbegreiflich, wenn dieser edlen Seele ein so ganz zu ihm stimmender Charakterzug gefehlt hätte. Wo es gilt, Einen bei seinem Herrn schlecht zu machen, ist immer das Erste, daß er meint, derselbe sei wohl ein Jude, z. B. Rickert, von dem es sogar Bleichröder als klassischer Zeuge bescheinigt haben sollte. Es ist merkwürdig, daß nicht auch Stosch dessen von ihm angeklagt wurde; mit der Kaiserin Augusta müßte es schon schwerer geworden sein." F-rankfurl a. M., 12. Febr. Im Verein für jüdischeGeschichte und Literatur sprach am b. d. Herr Rabb. Dr. Wachenheim er von Aschaffenburg über die Juden unter den beiden ersten Karolingern. Karl der Große und Ludwig der Fromme wußten die handelspolitische Bedeutung der Juden wohl zu schätzen und ließen ihnen deßhalb im Gegensatz zu den früheren einschränkenden Kirchengesetzen allen Rechtschutz auf dem Gebiete des Handels angedeihen. Der Kaufmannsmeister Ludwigs nimmt sich wiederholt der Juden an, um sie in ihren Priviligien zu schützen. Unter Ludwig finden wir die erste Spur von der späteren Institution der Reichskammerknechtschaft der Juden. Der Großhandel, namentlich der Welthandel nach dem Orient lag fast ausschließlich in jüdischen Händen. Von einem arabischen Schriftsteller jener Zeit besitzen wir interessante Details über solche jüdische Kaufleute, über ihre umfangreiche Sprachkenntnisse, über ihre Reiseroute nach dem Orient bis nach Indien und China, über ihre Handels- | artikel u. f. w. Als Sprachen- und Weltkenner

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