Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 14 (15.2.1899)
- Date
- 1899-02-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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253 Haus heim ebenso lasterhaft, wie es sein Vater gewesen: Um Farben und Töne des Bildes voll und mit ganzer Wucht wirken zu lasten, muß nach Ibsen das von Oswald's Mutter geschaffene Asyl, daS eine Stätte des Segens und des Trostes für Kranke und von Elend Gebeugte werden sollte, ein Raub der Flammen werden, weil in der Umgebung von Laster und Sünde auch ein Werk der größten Hochherzigkeit, des lautersten Edelmuthes nicht gedeihen und bestehen könne. — Was müßte nun aus dem Menschengeschlecht werden oder vielleicht wäre er richtiger zu fragen, was hätte schon längst aus ihm werden müssen, welchen Glauben könnte man an die Zukunft aller Erdenwesen haben, wenn die in Oedipus geschaffenen Theorien eines Sophokles, die in den „Gespenstern" bekundeten Lebensanschauungen eines Jbsen Wahrheit und Wirklichkeit wären! Ein Oedipus, ein Oswalt, die als widerstandslose Opfer väterlicher Frevel selbst sündigen wüsten, sind nach der jüdischen Lehre unmöglich. Wenn die Schöpfer und Verfechter solcher Theorien sich beziehen auf das Wort der Bibel: „Ich ahnde die Sünden der Väter bis ins vierte Geschlecht", so wiffen sie nicht oder sie wollen nicht wissen, daß diese Bibelstelle schließt mit einer Wendung, die ein göttliche- Gnadengeschenk für die Menschheit aller Zeiten, einen Leuchtthurm auf dem Meere de« Leben« für alle Geschlechter, einen hellstrahlenden Wegweiser und Pfadfinder für alle Nationen der Erde bedeutet, daß die göttliche Verheißung auSklingt in die Worte: „Ich weise Gnade bis ins tausendste Geschlecht Denen, die mich lieben und meine Gebote beobachten!" Zeitungsnachrichten und Correspsndenren Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wie«. (Die Geschichte eines Reisestip enöiumS.) Kein Zweifel: das Reisen bildet, und so ist eS gewiß mit Freuden zu begrüßen, wenn Lehrer, die dazu berufen sind, die Heranwachsende Jugend zu bilden und zu erziehen, in die Lage kommen, ihren geistigen Horizont zu erweitern. Weniger erfreulich aber ist e«, wenn man zufällig — wie die „Freien Lehrerstimmen" erzählen — erfährt, daß Herr Ferdinand Krautmann das Reiseftipendium aus der Ignaz Sing e r'schen Stiftung erhalten hat. Daß Herr Krautmann, der ein unverfälschter Antisemit, der Jahre hindurch die Schönerer'schen „Unverfälschten Deutschen Worte" redigirte, auf Reisen geht, ist zwar ganz in der Ordnung; daß aber di- Kosten der Reise von dem Gelde eines echten Juden bestritten werden, wirkt ein wenig verblüffend. Was würde man von einem jüdischen Lehrer sagen, der um das Stipendium sich bewirbt, welches ein Antisemit stiftete? Einen solchen jüdischen Lehrer gibt e» wohl nicht; allerdings gibt es auch keine Antisemiten, die solche Stipendien stiften. Feuilleton. —cMg verkauft. — Eine Erzählung aus Ungarn. 43) Von Samuel B. Siofner. Nachdruck verboten. Es entstand ein längere Pause. Plötzlich ver« nahm Moscheh dicht hinter seinem Rücken einen schweren Seufzer. Die Hand seiner Mutter strich ihm sanft und liebreich über die Wange. „Mein armes Kind," sprach sie mit leiser, klagender Stimme, „ich weiß, weßhalb es Dich nicht freut." Moscheh duckte erschrocken den Kopf, als wenn er unvermuthet einen Schlag erhalten hätte. Er wagte seiner Mutter nicht in's Angesicht zu schauen. Es war das erste Mal, daß ein lebendes Wesen von dem „Unaussprechlichen" gesprochen hatte. Deshalb wirkte es auf ihn so furchtbar, daß er meinte, auf der Stelle vergehen zu müssen. So stand er lange von seiner Mutter abgewendet, als er wieder ihre leise, zitternde Stimme vernahm: „Verflucht sei der Tag, an dem ich die Schwelle dieses Hauses überschritten!" Jetzt erst wendete er sich mit scheuem Ensetzen zu seiner Mutter um. Sie hatte sich am Tische niedergelassen. Den Kopf vorgeneigt, das dunkle, runzelige Gesicht abwärts gerichtet, die buschischen Augenbrauen zusammengezogen, die Augenlider fast ganz herabgesenkt, die Lippen zusammengepreßt — so saß die Greisin da — ein starres Standbild stummen, verzweifelten Grames. Moscheh ging leise zu ihr hin, ließ sich an ihrer Seite nieder und erfaßte liebkosend ihre Hand. „Mutter, theuere Mutter," sprach er, „nimm Dir's nicht so zu Herzen —" Sie blickte ihn stumm an mit ihren großen, finsteren Augen und es lag ein unaussprechliches Weh in diesem Blick. Wie sollte es ihr nicht das Herz abdrücken, wenn sie sah, wie er, das Licht ihrer Augen, augenscheinlich dahinsiechte. „Fasse Muth, mein Sohn," sprach sie plötzlich, „Dein Wunsch wird in Erfüllung gehen." Obwohl der Namen Schulamit zwischen ihnen nicht genannt wurde — weder jetzt noch auch über-